DB-Lese-Kampagne: Irgendwas mit KI

An manchen Bahnhöfen sind jetzt auf Werbetafeln Texte angebracht, die irgendwie mit Bildung zu tun haben. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen. „Lesen, bis der Zug kommt“ – nur echt mit dem Komma; in der Berichterstattung, so viel zum Thema „Bildung“, wird es natürlich schon fleißig weggelassen, jedoch nicht von der Deutschen Bahn – heißt die Kampagne, die sich die Werbeagentur Ogilvy ausgedacht hat, in der richtigen Annahme, dass die Fahrgäste, die sich an den Bahnsteigen die Beine in den Bauch stehen, nach Lektüre der gelben Abfahrtspläne noch jede Menge Zeit haben.
Zu lesen sind Romane, Kinderbücher und Reden beziehungsweise Auszüge daraus, so gewaltig sind die Verspätungen ja nun doch noch nicht, als dass man sich da den kompletten „Zauberberg“ reinpfeifen könnte, der genauso vertreten ist wie „Die Verwandlung“.
Die Essenz der Werke
Wenn wir von „Auszügen“ sprachen, so ist allerdings auch das nicht ganz richtig. Es sind vielmehr von Künstlicher Intelligenz erstellte Inhaltsangaben, welche aber „die Essenz der Werke mit größtmöglicher Werktreue erfassen“, wie die Agentur mitteilt. Die, nun ja, „Texte“ sind gestaffelt nach Dauer der Verspätungen: fünf, zehn, zwanzig und dreißig Minuten. Geringste Verspätungen, leider nicht an der Tagesordnung, reichen indes schon aus, um sich davon zu überzeugen, dass man bei Ogilvy entweder den Mund etwas vollgenommen hat oder leicht zufriedenzustellen ist, wahrscheinlich beides.
Der 5-Minuten-„Zauberberg“ beginnt so: „Hans Castorp, ein einfacher Hamburger, reiste im Hochsommer nach Davos-Platz. Die weite Fahrt, ein jäher Aufstieg durch mehrerer Herren Länder, ließ ihn die Relativität der Zeit erahnen. Bei seinem Vetter Joachim Ziemßen, einem Bild der Jugendkraft, offenbarte sich eine neue Welt. Joachims bronzefarbenes Gesicht und zynische Erzählungen über ,Leichen per Bobschlitten‘ prägten die ungewohnten Lebensbedingungen.“ Etwas holprig, aber im Grunde nicht falsch. Man vermisst allenfalls das stilistische Flair des Originals.
Ob es bei der „Verwandlung“ besser ist? Fünf Minuten haben wir noch: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich als ungeheures, hart gepanzertes Ungeziefer in seinem Bett. Seine Beine zuckten nutzlos. Der Wecker hatte längst geläutet, der Zug war verpasst. Mutter, Vater und Schwester klopften, der Prokurist erschien. Gregor rang mit seinem neuen Körper, öffnete die Tür – worauf die Anwesenden entsetzt zurückwichen.“ Bei Kafka liest sich das eindeutig besser.
Das hat mit Literatur nichts zu tun
Mit Literatur hat das nichts zu tun, auch wenn die Kampagne tatsächlich „Bildung und Technologie auf einzigartige Weise miteinander verbindet“, wie die DB-Marketingleiterin sagt. Die Überlegung, ob man den literarischen Texten nicht zutraute, jemanden hinterm Ofen hervorzulocken und, die eigentliche Schwierigkeit, dabei vom Smartphone wegzukriegen, oder ob man mit ihnen womöglich selbst nichts anzufangen wusste, führt schon viel zu weit.
Am Ende wird man sich gesagt haben: Hauptsache, was mit KI. Die Bahn sollte sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und von Dingen, von denen sie und übrigens auch gewisse Werbeagenturen nichts verstehen, einfach die Finger lassen. Wir müssen Schluss machen. Der Zug kommt.
Source: faz.net