Dauerbeschuss aus Iran: Das finster Erwachen am Golf

„Wir befinden uns im Krieg.“ Diese Worte werden dem Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate, Muhammad bin Zayed Al Nahyan, nicht leicht über die Lippen gegangen sein. Sie sind ein bitteres Eingeständnis für die reichen Monarchien am Golf: Die Zeiten, in denen sie abgeschirmt waren von den Konflikten der Region, sind vorbei.
Die arabischen Golfstaaten sind zentraler Schauplatz eines regionalen Krieges, der mit dem israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran entfesselt wurde. Sie stehen unter Dauerbeschuss mit iranischen Raketen und Drohnen. Flughäfen müssen schließen, Luxushotels stehen in Flammen, die internationale Schifffahrt und die überlebenswichtigen Ölexporte sind bedroht.
Dabei locken die Golfstaaten eigentlich Investoren und Touristen mit dem Versprechen, ein Hort der Stabilität zu sein. Ihren Bevölkerungen verheißen die Herrscher Wohlstand und Sicherheit im Gegenzug für Gefolgschaft. Der Terror aus Teheran hat das Bild der Unverwundbarkeit erschüttert und droht Zweifel an beiden Versprechen zu säen.
Konfrontiert mit demselben Dilemma
Die iranischen Angriffe markieren nicht nur deshalb einen Wendepunkt. Sie haben dazu geführt, dass sich die Golfstaaten zu einem außenpolitischen Kurswechsel gezwungen sehen. Die Zeit der Tauwetterstimmung ist vorbei. Sogar die großen, mit den Vereinigten Staaten verbündeten Rivalen der Islamischen Republik, Saudi-Arabien und die Emirate, hatten in den vergangenen Jahren darauf gewettet, die Beziehungen zu Teheran zu entspannen. Nicht etwa weil sie die Augen davor verschlossen hätten, dass Iran eine große Bedrohung darstellt. Sie glaubten, dass es ein pragmatischer Schritt im Sinne ihrer Sicherheit wäre.
Die Golfstaaten hatten sogar versucht, Präsident Donald Trump von einem Militärschlag abzuhalten. Belohnt wurden sie dafür nicht, im Gegenteil. Iran, das den Preis für seine Feinde erhöhen will, hat seine arabischen Nachbarn als Schwachstelle ausgemacht. Dass Teheran so hart auf sie einschlägt, werden die Herrscher am Golf nicht so schnell vergessen. Auch jene in Ländern wie Qatar, das gute Beziehungen zum iranischen Regime unterhielt. Sie alle rücken jetzt enger gegen Iran zusammen.
Sie alle sind aber auch mit demselben Dilemma konfrontiert: Die Golfstaaten wollen ein Ende des Krieges, der ihnen schadet, und sie schrecken davor zurück, selbst einzugreifen. Sie haben aber auch kein Interesse daran, mit einem verwundeten und noch aggressiveren Iran weiterzuleben, das nicht aufhört, ihnen Nadelstiche zu versetzen. Als ein Militärschlag unvermeidbar schien, hatte Saudi-Arabien deshalb Signale nach Washington ausgesandt, ein Krieg solle besser konsequent und planvoll geführt werden.
Misstrauen gegenüber Trump
Das ist nicht unbedingt Ausdruck einer bellizistischen Haltung, sondern des Misstrauens gegenüber einem irrlichternden amerikanischen Präsidenten. Trump hat seinen arabischen Alliierten schon früher gezeigt, dass er sie unvermittelt im Regen stehen lässt, wenn ihm danach ist. Die Herrscher am Golf mögen jetzt, da jedwedes Vertrauen in Iran verpufft ist, die Distanz zu Teheran vergrößern. Manchem mag sogar der Sinn nach Vergeltung stehen, oder nach einem Gegenschlag, um die eigene Abschreckung zu stärken. Das heißt aber nicht, dass die Golfstaaten im Umkehrschluss auf größere Nähe zum amerikanisch-israelischen Lager setzen. Sie sind wütend darüber, dass sie in einen Krieg gezwungen wurden, den sie nicht wollten. Sie sind nur noch wütender auf Iran.
Dabei ist die Aversion gegen die israelische Regierung schwerwiegender als das begrenzte Vertrauen in die Vereinigten Staaten. Am Golf herrscht schon länger Unbehagen angesichts der Aussicht, dass Israel zu einem aggressiven, entfesselten und unberechenbaren Hegemon in der Region aufsteigt. Die brutale Kriegsführung im Gazastreifen, die Zielstrebigkeit, mit der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine Zweistaatenlösung in der Palästinafrage unmöglich macht, der Angriff auf die Hamas-Vertretung in Qatar vom September 2025 stehen einer bedeutenden Annäherung im Weg. Außerdem können die Monarchen am Golf auch den Widerwillen dagegen in der eigenen Bevölkerung nicht vollständig ignorieren.
Die Golfstaaten sind jetzt dazu gezwungen, sich auf die eigene Wehrhaftigkeit zu konzentrieren, um Iran einzuhegen. Dabei müssen sie aber nicht alleinstehen. Ein übergriffiger, verblendeter Nachbar, ein Amerika, auf dessen Schutz man sich nicht verlassen kann – das sollte anderen vertraut klingen: den Europäern. Sie sind in einer ähnlichen Lage. Auch sie können erkennen, dass die Kriege in der Nachbarschaft nicht vor den eigenen Grenzen haltmachen müssen. Auch Europa ist gezwungen, seine Sicherheit selbst in die Hand nehmen. Da läge es doch eigentlich auf der Hand, sich enger zusammenzutun. Europa hat Rüstungstechnologie und Know-how. Der Golf hat Geld und wirtschaftliche Hebel in Moskau.
Source: faz.net