Datacenter von Firstcolo: Unentgeltliche Abwärme zu Händen 20 Jahre

Jerome Evans will aus der Not eine Tugend machen. Außer seinem Unternehmen Firstcolo wird auch Rosbach vor der Höhe davon profitieren, wenn alles nach Plan läuft. Der Gründer und Geschäftsführer des Frankfurter Betreibers von Rechenzentren möchte in drei Jahren ein solches Gebäude in Rosbach in Betrieb nehmen. Entstehen wird es in einem Gewerbegebiet an der Carl-Benz-Straße. Die Stadt hat schon im vergangenen Jahr die Liegenschaft zu diesem Zweck verkauft. Firstcolo macht der Kommune eine besondere Zusage: Über 20 Jahre hinweg wird der Anbieter Rosbach unentgeltlich Abwärme zur Verfügung stellen, hat er vertraglich zugesichert. Abwärme fällt im Betrieb an, weil die Hochleistungsrechner in dem Datacenter sehr warm werden.
„Wir wollten eigentlich in bestehenden Rechenzentren in Frankfurt wachsen“, sagt Evans. Allerdings scheiterte dieses Ansinnen an der notwendigen Stromzufuhr. Der örtliche Versorger Mainova habe ihm erst für 2034 die gewünschte Energiemenge in Aussicht gestellt – „das ist keine Option“. So schaute sich der Unternehmer, der in Frankfurt zwei Rechenzentren betreibt, im Umland um. 50 Gelände sah er sich demnach an. „Aber der Großteil hat keinen geeigneten Stromanschluss“, musste er erfahren. Evans prüfte unter anderem interessante Gelegenheiten in Butzbach und Gießen, wie er im Gespräch mit der F.A.Z. sagt – fündig geworden ist er schließlich in Nieder-Rosbach nahe der A 5 am Rande der Wetterau. Gut 200 Millionen Euro will das Unternehmens nach den Worten seines Chefs dort investieren.
So viel Strom nötig wie für eine Kleinstadt
Das Thema Energie ist neben der Verfügbarkeit geeigneter Liegenschaften aus einem einfachen Grund entscheidend für die Ansiedlung von Rechenzentren: Schon herkömmliche Datacenter ziehen so viel Strom ab wie eine Kleinstadt. Stellen Kunden aber Rechner mit Hochleistungschips der neuesten Generation auf, die für Künstliche Intelligenz geeignet sind, steigt der Energiebedarf noch einmal sprunghaft an. „Die Leistungsdichte schießt nach oben“, hebt Evans hervor. In Zahlen ausgedrückt, heißt das: Reichten bisher sieben bis 15 Kilowatt je Rack, einem Gestell für Rechner, so benötigten etwa mit Chips des amerikanischen Branchenriesen Nvidia bestückte Computer 50 bis 100 Kilowatt.
Nach seinen Worten plante Evans, der sein Unternehmen 2006 in Bremen gründete und später in die deutsche Datacenter-Hauptstadt am Main umzog, zunächst mit fünf Megawatt Anschlussleistung. Angesichts der zunehmenden Nutzung von Künstlicher Intelligenz habe er aber davon Abstand genommen.
„Immer mehr Leute nutzen KI-Tools“, gibt er zu bedenken. Allein ChatGPT habe mittlerweile 800 Millionen Nutzer auf der Welt. „Dieser Workload muss verarbeitet werden“, hebt er im Branchenjargon hervor. Das heißt, ein Rechenzentrum voller Rechner mit Nvidia-Chips müsse entsprechend viel Strom abziehen können. Nun sieht er 16 Megawatt Anschlussleistung vor, inklusive Kühlung werde das Rechenzentrum auf 24 Megawatt kommen. Zum Vergleich: Eine übliche Solaranlage auf einem Haus kann zehn Kilowatt in der Spitze produzieren. 18.000 Quadratmeter will Evans bebauen, 7800 Quadratmeter sieht er für Informationstechnik vor.
Noch kein Colo-Datacenter in der Wetterau
Hinter das Energie-Thema konnte Evans am Standort seiner Wahl unlängst einen Haken machen. Die Oberhessische Versorgungsbetriebe AG mit Sitz in Friedberg habe ihm als Regionalversorger den notwendigen Anschluss zugesagt. „Mehr geht immer“ – aber auf die Zusage kann er demnach bauen. Dabei setzt der Unternehmer auf Ökostrom. Im Zweifel kommt diese Energie auch aus dem Umland, denn der Solarausbau hat im vergangenen Jahr im Geschäftsgebiet des kurz OVAG genannten Regionalversorgers einen Rekordwert erreicht und ist seit Anfang Januar nach dessen Angaben auf hohem Niveau weitergegangen.
Anders als manch anderer Branchenvertreter stellt Firstcolo nicht nur Flächen für Hochleistungsrechner zur Verfügung. „Die Kunden können bei uns auch Hardware und Software mieten“, sagt Evans. In der Folge brauche sein Unternehmen mehr Beschäftigte. Zur Inbetriebnahme in Rosbach plant der Unternehmer nach seinen Worten mit rund 25 Beschäftigten – Ziel seien 140 am Standort. Er stellt gut bezahlte neue Arbeitsplätze in Aussicht und dazu Gewerbesteuern.
In der Wetterau ist ein solches Bauvorhaben weiterhin etwas Besonderes. Noch steht in diesem Landkreis trotz der Nähe zum Frankfurter Internetknoten De-Cix, dem größten seiner Art auf der Welt, kein einziges Datacenter. In Bad Vilbel plant der Anbieter Vantage DC an zwei Standorten solche Neubauten, die es in Frankfurt längst in großer Zahl gibt. Auch Hattersheim hat sich als Standort einen Namen gemacht.
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Ein Sprecher der Stadt Rosbach äußert sich überzeugt, mit Firstcolo einen guten Anbieter gewonnen zu haben. Um einen reinen Betonklotz zu vermeiden, soll es Pflanzen am Bau geben und Fenster dazu, was für Datacenter unüblich sei, sagt der Sprecher. „Das Rechenzentrum wird sich städtebaulich einfügen“, verspricht er. Wie die Abwärme dereinst genutzt werden kann, ist noch offen. Das Ergebnis einer von der Stadt in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie steht noch aus.