Das weiße Privileg, Tradwife zu sein: Ein Realitätscheck
Die Erfüllung einer Frau? Glaubt man einer bestimmten Ecke von Instagram, liegt sie hier: zurück am Herd, kochen, Kinder betreuen, warten, bis der Mann nach Hause kommt und dabei perfekt auszusehen. Die Tradwives, die diesen Namen voller Stolz tragen, zelebrieren in den Sozialen Medien glamourös und mit den richtigen Filtern das Hausfrauendasein – und das nicht als fremdbestimmten Zwang, sondern als Akt der Selbstermächtigung. Für manche liegt in der Inszenierung der glücklichen Hausfrau gar eine feministische Rebellion gegen den neoliberalen Leistungsdruck, der Frauen vorgaukelt, sie müssten sich nur genug anstrengen – dann könnten sie alles haben: Kinder, Karriere, die perfekte Partnerschaft.
Im Grunde geht es um: Me, Myself and I – jenes Verständnis einiger Frauen von heute, die Emanzipation vor allem darin sehen, um das eigene Wohlergehen zu kreisen. Jene hochindividualisierte Freiheit, wie sie der Westen zelebriert, dabei jedoch auch immer kommerzialisiert und instrumentalisiert. Die Tradwives sind der Spiegel westlicher Privilegien und Sehnsüchte. Und haben mit Feminismus rein gar nichts zu tun, im Gegenteil. Ein Feminismus, der sich nur im eigenen Wohlbefinden erschöpft, ist kein Feminismus, sondern Egoismus.
Auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin wird das deutlich. Dort wurden der afghanisch-iranischen Autorin Aliyeh Ataei Videos von Tradwife-Influencerinnen gezeigt. Mit großen Augen sah sie zu, wie eine Frau in High Heels und schwarzem Kleid, die Haare hochgesteckt, vor dem Backofen kniet und wartet, bis der perfekte Hefezopf fertig ist. Denn Hefezopf mag der Ehemann und der kommt gleich nach Hause. „Ja … und?“, fragt Ataei. Das sei, was Frauen in Afghanistan sowieso jeden Tag machen. Sie kochen hervorragend, sie kümmern sich um ihr Zuhause. Und gleichzeitig müssen sie dafür sorgen, selbst am Leben zu bleiben.
Tradwives: Wahlfreiheit für privilegierte, weiße Frauen
Wenn westliche Frauen etwas als erstrebenswertes und erfüllend inszenieren, was für die meisten Frauen weltweit ein ganz normaler Alltag ist, und das dann noch in eine universelle Quintessenz des Weiblichen umdeuten, so kann man Personen wie Aliyeh Ataei die Verwunderung, auch die situative Verachtung kaum verdenken. Tradwives sprechen von Entscheidungsfreiheit, von der Rückeroberung weiblicher Autonomie, der Stärkung typisch weiblicher Fähigkeiten – und sehen im Rückzug ins Private eine Form der Gleichstellung: nicht, weil sie müssen, sondern weil sie dürfen. So zeichnen sie eine groteske Verzerrung der Realität von Milliarden von Frauen, nur ohne Ästhetik, ohne Filter – ohne Wahlfreiheit, aber eben auch ohne die Frage, ob nun der Haushalt das Problem der Emanzipation ist.
Das schlichte „Ja … und?“ von Ataei, ihre Ungläubigkeit darüber, dass dies zum Gegenstand feministischer Debatten werden konnte, offenbart, wie kollektiv selbstzentriert der Diskurs, wie weiß und westlich, wie durch und durch kapitalistisch er ist. Es entpuppt auch, dass der Spagat zwischen „Kind und Karriere“ alles andere als ein globaler weiblicher Struggle war. Was im globalen Süden alltägliche Routine ist – Wasser holen, kochen, Kinder versorgen, Kleidung flicken –, wird im Westen mit Pastellfarben in Szene gesetzt und als Sehnsuchtsbild verkauft.
Diese Romantisierung eines Alltags, der für so viele Frauen mit Erschöpfung, sozialer und finanzieller Abhängigkeit und Unsichtbarkeit verbunden ist, offenbart eine tiefe Entkopplung zwischen gelebter Erfahrung und ästhetisierter Darstellung. Für jene, die nie die Wahl hatten, ob sie Hausfrau sein wollen, muss diese vermeintliche „Freiheit“ wie Hohn wirken. Während Tradwives im Westen den Rückzug ins Private als persönliche Ermächtigung inszenieren, kämpfen viele Frauen im globalen Süden um das Recht, überhaupt an der Gesellschaft teilzunehmen – und dafür, dass ihre Arbeit, ob zu Hause oder außer Haus, gesehen wird.
Emanzipation heißt Recht auf Bildung, Arbeit und Wahlbeteiligung
In Berlin wurde Aliyeh Ataei gefragt, ob sie denn verstehe, dass manche Frauen im Westen diese Entscheidung treffen und sie als Akt der Freiheit inszenieren. Die Autorin spricht hier eine Wahrheit aus, die vermutlich tief in vielen schlummert, die diesen Luxus, sich für die Rolle der Hausfrau zu entscheiden, nicht haben. „Die Frauen, die ich kenne, wären froh, wenn sie überhaupt die Wahl hätten. Für uns bedeutet Emanzipation das Recht auf Bildung, das Recht, zu arbeiten, zu wählen, zu leben.“ Man kann wohl vor der globalen Kulisse eher davon sprechen, dass es sich bei den Tradwivfes um eine Perversion von Freiheit handelt.
Denn am Ende stellt sich eine unbequeme Frage: Wer hat die Möglichkeit, zwischen Karriere und einem Leben als Hausfrau zu wählen? Oder auch: Wer darf eigentlich erschöpft sein – und wer nicht? Während privilegierte westliche Frauen ihren Burnout aus der Doppelbelastung von Sorgearbeit und Erwerbsarbeit in einer kapitalistischen Gesellschaft, durch Rückzug ins Private vermeintlich therapieren können, bleibt Milliarden von Frauen im globalen Süden diese Möglichkeit verwehrt. Was fehlt, ist eine gemeinsame, eine kollektive Sicht auf die weibliche Existenz, so unterschiedlich sie in den verschiedenen Teilen der Welt auch ausgeformt ist.
Die großen, feministischen Parolen zu mehr Solidarität klingen inzwischen geradezu hohl, so oft wurden sie wiederholt. Doch es stimmt. Eine Frau ist erst frei, wenn andere Frauen auch frei sind, oder: Wenn alle Unfreiheiten beseitigt sind, die sie erlebt, nur weil sie eine Frau ist.
Echte Anerkennung für Hausarbeit
Die Anthropologin Sherry B. Ortner konstatierte 1974 in ihrem viel zitierten Aufsatz Is Female to Male as Nature Is to Culture?, dass die hartnäckige Anhaftung von Haushalt und Kindern an das Weibliche, während Männer fest mit dem Äußeren verbunden seien und dadurch die Welt gestalten, eine universelle Wirklichkeit sei. In geradezu jeder Gesellschaft resultiere daraus die Minderwertigkeit der Haushaltsaufgaben. Eine kapitalismuskritische Sicht gebietet deshalb freilich, genau diese Dichotomie aufzubrechen.
Das Ziel kann nicht sein, dass Frauen emanzipiert werden, um „endlich so viel arbeiten zu können wie die Männer“. Denn damit sitzt man einer menschenverachtenden, profitorientierten Didaktik auf, die der Feminismus niemals hätte reinwaschen dürfen. Aber eine Verherrlichung des Zuhausebleibens als Akt der Freiheit ist eben auch nicht die richtige Antwort. Zwar ist es an der Zeit, Hausarbeit und Kindererziehung endlich aufzuwerten – und nicht ständig zu versuchen, Frauen davon „zu befreien“ und es Männern „aufzuzwingen“, alles immer ausgespielt gegen die verherrlichte Erwerbsarbeit.
Eine Frau, so Sherry B. Ortner „zeigt jedoch (durch) ihre sozialen Aktivitäten und ihre Rolle beim Kochen im häuslichen Umfeld, dass sie eine kraftvolle Akteurin im kulturellen Prozess ist, die ständig rohe Naturressourcen in kulturelle Produkte verwandelt“ und sich, so Ortner an anderer Stelle, etwa darum kümmert, dass aus Kleinkindern Menschen werden, die sozialisiert sind.
Eine Zelebrierung des Häuslichen als Aufwertung des Weiblichen ist so durchaus erstrebenswert, für Frauen weltweit. Aber doch nur, wenn es tatsächlich zu einer Veränderung des Wertesystems führt. Wenn Care-Arbeit insgesamt aufgewertet wird. Wenn alltägliches Kochen die Anerkennung einer Haute Cuisine hat. Dies jedoch lässt sich eben nicht durch individuelles Entscheiden für das eigene persönliche Glück erreichen.