„Das war ein Menschenversuch“, klagt jener von jener AfD geladene Experte mehr als die Impfpolitik Lauterbachs
Die Sitzung der Corona-Enquete-Kommission gerät zu einem Tribunal über die Impfpolitik der Bundesregierung. Die AfD-Fraktion nutzt den Auftritt von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach für ihre ganz eigene Abrechnung.
Es scheint Lichtjahre her, dass Worte wie „Inzidenzen“, „Quarantäne“, „Übersterblichkeit“ oder „Kontaktbeschränkungen“ die Abendnachrichten beherrschten. Und mit ihnen Männer wie Karl Lauterbach (SPD), ehemals Gesundheitsminister, und Lothar Wieler, einst Präsident des Robert Koch-Instituts. Heute sind sie wieder da. Im großen Anhörungsaal des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses im Regierungsviertel tagt die Corona-Enquete-Kommission. Die im vergangenen Jahr eingesetzte Kommission soll die Corona-Maßnahmen aufarbeiten und Lehren für mögliche künftige Pandemien ziehen.
An diesem Donnerstagnachmittag geht es um die „Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems, Impfstrategie und Forschung“. Beifall und Zwischenrufe seien nicht gestattet, ergeht der Hinweis der Vorsitzenden Franziska Hoppermann (CDU) an die gut gefüllte Besuchertribüne. Wohl in weiser Voraussicht: Denn in Teilen gerät die Sitzung zu einem regelrechten Schlagabtausch zwischen der AfD und Lauterbach über die Impfpolitik der Bundesregierung. Das lässt auch die offenkundig impfkritischen Gäste auf der Tribüne nicht kalt. Einige verweist Hoppermann schließlich des Saales.
Hohe Töne schlägt bereits der von der AfD geladene Experte an, der Toxikologe Helmut Sterz, bis zu seiner Pensionierung 2007 bei Pfizer Deutschland tätig. Der neuartige mRNA-Impfstoff Corminaty von Biontech sei bei weitem nicht intensiv genug getestet worden, die beschleunigte Zulassung sei ein „Menschenversuch“ gewesen, klagt Sterz an. „Diese Studien wären allenfalls für eine Pandemie durch ein Killervirus wie Ebola akzeptabel gewesen“, sagt Sterz. In keinem Fall reichten sie für Vakzine gegen ein Coronavirus, das „im Wesentlichen eine Grippe verursacht.“
Sterz macht die Impfung für die Zunahme von Krebskrankheiten und sogar die stark gesunkene Geburtenrate in Europa verantwortlich, spricht von 60.000 Todesopfern allein durch Impffolgen. Die Technologie müsse „sofort verboten“ werden, fordert Sterz, die Gesundheitsbehörden hätten sich einer „Impftragödie“ schuldig gemacht.
„Die Bürger haben Ihnen vertraut, als Arzt und als Gesundheitsminister. Jetzt sind sie krank“, klagt die AfD-Abgeordnete Christina Baum an. Lauterbach kontert umgehend.
„Es ist in der wissenschaftlichen Literatur Konsens, dass die Zahl der Toten nur deshalb nicht wesentlich höher ist, weil wir den Segen der Impfungen gehabt haben“, sagt Lauterbach in gewohnt professoralem Stil, er referiert Studien, wonach dadurch allein in Europa 1,4 Millionen Todesfälle vermieden worden seien. Dann widmet er sich den „bestürzenden Vorwürfen“, Corminaty sei unzureichend getestet worden. Die Studien seien wegen der Dringlichkeit lediglich beschleunigt worden, Prüfungsschritte im „Teleskop-Design“ verschachtelt worden, um Zeit zu gewinnen. Allerdings nicht zulasten der Sicherheit: „Es gibt keinen Impfstoff, der so intensiv untersucht wurde.“ Lauterbach verschweigt nicht, dass es auch seltene Nebenwirkungen der Impfung gebe, in erster Linie Herzmuskelentzündungen und Thrombosen. Es gebe aber keine Hinweise auf eine negative Beeinflussung der Fruchtbarkeit, Krebs oder andere schwere Krankheiten.
„Diese Zweifel sind auch tödlich“
„Es ist nicht alles perfekt gelaufen“, bilanziert der frühere Gesundheitsminister. „Aber Deutschland ist verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen, und das verdanken wir auch den Impfungen.“ Und dann holt Lauterbach zum Gegenschlag aus. Dass es 2021 und 2022 nicht weniger Todesfälle gegeben habe, liege an der nachlassenden Bereitschaft zur Erstimpfung. Niedrige Impfquoten und eine höhere Sterblichkeit habe es vor allem in Ostdeutschland gegeben, wo Fehlinformationen und Fake News über die Impfungen gestreut worden seien. „Diese Zweifel sind auch tödlich.“ Unterstellungen und der Versuch, Unsicherheit zu sähen, hätten einen hohen Preis, klagt Lauterbach. „Wenn wir noch einmal in eine solche Situation kommen, werden wir das Vertrauen der Menschen brauchen.“
Doch er gesteht auch ein, dass der in den Impfkampagnen der Bundesregierung propagierte Fremdschutz durch die Impfung nur für die erste Phase der Pandemie gegolten habe. „Bei der Delta-Variante war er schon geringer, bei der Omikron-Variante dann nicht mehr gegeben“. Der AfD-Abgeordnete Kay-Uwe Ziegler nimmt Lauterbach anschließend regelrecht ins Kreuzverhör – und kommt schließlich dem Schluss: „Dass die Leute so impfskeptisch sind, haben Sie sich selbst und Ihrer Kommunikation zuzuschreiben.“
Der frühere RKI-Chef Lothar Wieler zieht eine gemischte Bilanz der Pandemiebekämpfung. Das deutsche Gesundheitssystem sei sehr leistungsfähig, insgesamt aber viel zu wenig vernetzt, eine bessere Gesundheitsdaten-Infrastruktur sei essenziell, fordert Wieler. Ausdrücklich dankt er „der großen Mehrheit“ der Bevölkerung für die Unterstützung bei der Eindämmung der Covid-19-Pandemie. Diese sei anfangs „außerordentlich groß“ gewesen, habe im Laufe der Pandemie aber nachgelassen. Indirekt macht Wieler dafür auch das Krisenmanagement von Bund und Ländern verantwortlich. „Es kann nicht sein, dass ein Bürgermeister abends erfährt, dass er am nächsten Morgen die Schulen schließen soll.“
„Bei den Kindern zu drastisch reagiert“
Überhaupt, die Kinder. Es ist an Reinhard Berner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Dresden und seit 2024 Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, an ihre Opferrolle zu erinnern. Schon bald nach Beginn der Pandemie sei klar gewesen, dass Kinder und Jugendliche nur wenig betroffen gewesen seien und auch weniger zur Verbreitung des Virus beigetragen hätten als angenommen. Umso schwerer seien die nachhaltigen psychischen Beeinträchtigungen durch die pandemiebedingten Maßnahmen. Sein Fazit: „Kinder und Jugendliche müssen in Zukunft stärker berücksichtigt werden, die UN-Kinderrechtskonvention eingehalten, die Stimme der Kinder- und Jugendärzte früher gehört werden.“
Das gesteht auch Lauterbach selbstkritisch ein. „Wir haben bei den Kindern zu drastisch reagiert“, sagt er nach Ende der Sitzung. „Die Kinder haben nicht die Bedeutung für die Pandemie gehabt, wie wir damals geglaubt haben. Sie waren weniger ein Risiko und haben mehr Schäden genommen. Darüber hätten wir heute etwas mehr reden können.“
Skeptisch beäugt von den Gästen von der Besuchertribüne, die sich unter die Journalisten gemischt haben, zieht er sein ganz eigenes Fazit aus der Sitzung der Enquete-Kommission. „Die Menschen sind heute sehr verunsichert. Wir müssen das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen.“
Source: welt.de