Das wahre Gegengift zu unseren toxisch-digitalen Echokammern
Unsere digitale Gesellschaft hält kaum noch andere Meinungen aus. Was uns nicht gefällt, wird einfach weggeklickt oder wütend in Kommentaren beschimpft. Doch es gibt ein Gegengift. Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des wichtigsten analogen Kulturraums.
Da ist diese portugiesische Familie, die eine doch recht ungewöhnliche Tradition pflegt und jedes Jahr zu einer großen Zusammenkunft, einer schönen, fröhlichen Feier lädt, an deren Ende, gewissermaßen als Höhepunkt der Festivitäten, ein Faschist erschossen wird. Doch dieses Jahr ist alles anders, denn die jüngste Generation stellt infrage, was seit drei Generationen wie selbstverständlich zelebriert wird.
Eine der Töchter ist Veganerin geworden und lehnt das tradierte Festmahl, Schweinsfüße nach Familienrezept, ab, während die andere das Ritual der Erschießung verweigert und doch tatsächlich bezweifelt, ob Gewalt überhaupt ein legitimes Mittel zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie sein kann. Und am Ende gewinnt dann der Faschismus. Zumindest theoretisch.
Das hier ist der Inhalt des portugiesischen Stücks „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“, das national und international in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen sorgte, nachdem es in einer deutschen Fassung am Schauspielhaus Bochum erstaufgeführt wurde. Nicht wegen seines Inhalts, über den (noch zu wenig) gesprochen wird, sondern aufgrund der Zuschauerreaktion.
Am Ende des Stückes hält ein (nicht erschossener) Faschist nämlich einen Monolog, und der war für zwei Männer im Publikum offenbar so unerträglich, dass sie die Bühne stürmten und den Schauspieler, der den Faschisten spielte, körperlich angriffen. Eine Frau schmiss außerdem eine Apfelsine vom Bühnenrand auf ihn. Das Theater scheint sie radikalisiert zu haben. Die Debatte, die dieser Vorfall aber auslöste, war durchaus spannend. Halten wir es mittlerweile nicht mehr aus, mit Positionen konfrontiert zu werden, die nicht unsere eigenen sind?
Die Renaissance des Theaters
Es ist nicht die einzige Inszenierung, über die in diesen Tagen viel gesprochen wird. Auch die von Milo Rau inszenierte performative Gerichtsverhandlung „Prozess gegen Deutschland“, bei der auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters über das Für und Wider eines AfD-Verbots debattiert wurde, sorgt für erhitzte Gemüter. Einzelne Ausschnitte, wie etwa die Rede von Harald Martenstein, gehen viral, wurden mittlerweile millionenfach geklickt und in Kommentarspalten und deutschen Talkshows heiß und kontrovers diskutiert.
Was wir hier gerade erleben, ist die Renaissance des Theaters als Impulsgeber für Debatten. Das Theater ist wieder im gesellschaftlichen Resonanzraum angekommen. In den 1960er-Jahren gelang es noch regelmäßig, Kontroversen auszulösen und damit politische wie soziale Diskurse anzustoßen. Man denke an Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ oder die Stücke von Thomas Bernhard, die dafür sorgten, dass das wutentbrannte Bürgertum, dessen Larmoyanz Bernhard stets den Spiegel vorhielt, am liebsten das Wiener Burgtheater niedergebrannt hätte. Was darauf folgte, waren jedoch stets kluge Debatten über die Wirkmacht der Kultur, die Aufarbeitung historischer Schuld und struktureller gesellschaftlicher Missstände.
In den vergangenen Jahrzehnten spielte das Theater bedauerlicherweise nur noch im Feuilleton eine Rolle. Im Mainstream wurde zuletzt nicht einmal mehr der vermeintliche Niedergang des Regietheaters diskutiert, der in den 00er-Jahren noch ein wenig für boulevardeskes Aufsehen sorgte, als plötzlich Schauspieler in Klassikern nackt die Bühnen des Landes betraten, sich mit Spaghetti beschmissen oder dort miteinander kopulierten (um es etwas drastisch zu vereinfachen).
Lediglich in verschwörungstheoretischen Kreisen entfaltete das Theater zuletzt noch am Rande Wirkung und sorgte für Aufregung, weil man eine theatralische künstlerische Performance, etwa von Marina Abramović, mit der Realität verwechselte und sie für eine Satanistin hielt.
Gebt dem Theater endlich wieder mehr Raum!
Jetzt findet das Theater gerade zu alter Kraft zurück und zeigt sein Potenzial, sich erneut zu einem wichtigen Diskursraum zu entwickeln. Das ist gut, denn Theater, so wird es in diesen Tagen deutlich, ist das wahre Gegengift zu unseren toxischen digitalen Echokammern. Es zwingt Menschen in einem engen Raum zur Konfrontation, es zwingt ein Publikum, sich Dinge anzuhören und auszuhalten, statt sie digital einfach wegzuswipen, es zwingt, sich mit Positionen außerhalb ihrer Komfortzone zu konfrontieren, statt sie bloß mit einem wütenden Kommentar im digitalen Nirwana abzuspeisen, alleine durch die physische Nähe zwingt es die Zuschauer, sich zu verhalten, und dieser Text hier ist eigentlich nur ein Plädoyer dafür, einen vom Mainstream zu Unrecht vergessenen Kulturraum neu zu entdecken.
Gebt dem Theater endlich wieder mehr Raum! Feiert und besucht es, lernt auszuhalten, auch die Dinge, die schwer auszuhalten sind! Hört zu, statt einfach bloß wegzuklicken, debattiert und tauscht euch aus! Das Theater ist der Raum, der nicht nur Impulse gibt, sondern auch der Ort, der nach einer Inszenierung zu genau diesem Dialog einlädt. Das Theater ist einer der letzten bedeutenden, analogen Diskursräume der Kunst. Man sollte ihn ehren.
Und außerdem, das erlaube ich mir als studierter Theaterwissenschaftler anzumerken, schult der regelmäßige Theaterbesuch für die größte absurde Inszenierung, die man sich auf offener Bühne nur vorstellen kann: unsere Gegenwart.
Dennis Sand schreibt über Popkultur und Zeitgeist. Seine Bücher mit Bushido, Jan Ullrich und MontanaBlack hielten sich monatelang in den Bestsellerlisten. In Bayreuth studierte er Theater- und Medienwissenschaften.
Source: welt.de