Das mögliche Grab von d’Artagnan lenkt den Blick hinauf die legendären Musketiere
Durch Zufall sind in der Kirche St. Peter und Paul in Maastricht-Wolder sterbliche Überreste gefunden worden, die einem der bekanntesten Franzosen aller Zeiten gehören könnten: Charles de Batz de Castelmore, genannt d’Artagnan.
Er ist so etwas wie der personifizierte Held: der mutige, furchtlose und gerechte Musketier d’Artagnan. Der französische Schriftsteller Alexander Dumas der Ältere schuf mit ihm in seinen drei Romanen „Die drei Musketiere“ (1844), „Zwanzig Jahre danach“ (1845) und „Der Vicomte von Bragelonne“ (1847) eine der bekanntesten Figuren der Weltliteratur. Die Bücher wurden millionenfach und in Dutzenden Sprachen übersetzt verschlungen, Motive aus den Romanen mehr als 40-mal verfilmt. Das historische Vorbild allerdings verschwand immer mehr hinter Dumas‘ Schöpfung.
Ein überraschender Fund in der Kirche St. Peter und Paul (Petrus en Pauluskerk) im Stadtteil Wolder der niederländischen Stadt Maastricht könnte das nun ändern. „Ein Teil des Kirchenbodens war abgesackt“, berichtete der Diakon der Gemeinde, Jos Valke, einem lokalen TV-Sender: „Bei den Reparaturarbeiten entdeckten wir ein Skelett.“ Valke informierte Wim Dijkman, den pensionierten Stadtarchäologen von Maastricht.
Der heutige Bau der Kirche St. Peter und Paul entstand 1894 bis 1898, jedoch als Nachfolger der kleineren Kirche St. Markus an fast derselben Stelle. Dijkman, der seit vielen Jahren nach d‘Artagnans Grab sucht, stellte die These auf, bei den sterblichen Überresten könnte es sich um das Vorbild von Dumas‘ Figur handeln. Darauf deuten dem Archäologen zufolge mehrere Indizien hin: Der Tote lag unter dem Altar, also in geweihtem Boden. Die Kugel, die ihn getötet hatte, lag auf Brusthöhe, genau wie in den Quellen beschrieben; im Grab fand sich zudem eine französische Münze aus dem dritten Viertel des 17. Jahrhunderts – d‘Artagan starb nachweislich 1673.
Das Skelett wurde aus der Kirche geborgen und befindet sich nun im archäologischen Institut in Deventer; eine entnommene DNA-Probe wird in einem Labor in München analysiert. Sie soll mit DNA-Proben von Nachkommen des Vaters von d‘Artagnan verglichen werden, um festzustellen, ob die These von Wim Dijkman zutrifft.
Alexandre Dumas der Ältere (1802-1870) hatte sich für seine Romane umfassend, aber sehr frei aus dem Buch „Les mémoires de M. d’Artagnan“ von Gatien de Courtilz de Sandras (1644-1712) bedient. Dieser Autor hatte selbst viele Jahre im französischen Heer gedient, darunter auch bei den Musketieren, wurde aber als Schriftsteller bekannt. Typisch für ihn waren fiktionale „Memoiren“ bekannter Personen der jüngsten Vergangenheit, geschrieben in der Ich-Form. In den Vorworten zu mehreren dieser Bücher wies Courtilz de Sandras darauf hin, dass die Bücher aus Unterlagen bestünden, die man nach dem Tod der jeweiligen Person gefunden habe.
In dieser Art verfasste Werke publizierte er beispielsweise über den fiktiven Grafen von Rochefort; dessen „Memoiren“ beschrieben angebliche Innenansichten aus der Zeit der Kardinäle Richelieu und Mazarin (erschienen 1687). Acht Jahre später folgte ein Band über Jean-Baptiste Colbert, einen 1683 verstorbenen Staatsminister Ludwigs XIV., sowie 1698 ein Buch über den Schriftsteller Jean-Baptiste de La Fontaine, der 1695 gestorben war. Alle diese Werke erschienen angeblich beim fiktiven Kölner Verleger Pierre Marteau, denn sie hätten keine Chance gehabt, die geltende Vorzensur zu bestehen.
Wegen seiner fraglos illegalen Methode saß Courtilz de Sandras mehrfach im Pariser Gefängnis Bastille, dessen Leiter gut mit Charles de Batz de Castelmore, genannt Comte d’Artagnan bekannt gewesen war. Daher herrscht bei Literaturwissenschaftlern die Ansicht vor, der Autor könnte auf diesem Wege Details aus dem Leben des Musketiers erfahren haben, die er dann fiktionalisierte.
Historisch belegt ist, dass der spätere d’Artagnan um 1611 auf Schloss Castelmore bei Lupiac (etwa hundert Kilometer westlich von Toulouse) geboren wurde. Sein Großvater, ein erfolgreicher Kaufmann, war geadelt worden. Charles de Batz ging als junger Mann nach Paris; hier benutzte er den Mädchennamen seiner Mutter: d’Artagnan. 1632 gelang es ihm, den Garde-Musketieren beizutreten. Das war eine 1622 von König Ludwig XIII. gegründete Leibgarde, bestehend aus einer Kompanie leichter Kavallerie, die sowohl mit Degen wie mit Musketen bewaffnet war.
Kardinal Richelieu, in den ersten Jahren der formalen Herrschaft von Ludwig XIV. der Kopf der französischen Politik, stellte für sich eine weitere Kompanie Musketiere auf, die nach seinem Tod 1642 an seinen Nachfolger Kardinal Mazarin überging. 1646 wurden die Musketiere aufgelöst, 1657 jedoch reaktiviert, nun in einer Stärke von 150 Mann. Nach Mazarins Tod 1661 fielen die Musketiere des Kardinals an den nun eigenverantwortlich herrschenden Ludwig XIV.
Charles de Batz alias d’Artagnan diente Richelieu wie Mazarin; wegen ihres Vertrauens zu dem Offizier übertrug auch Ludwig XIV. ihm geheime, oft heikle Aufgaben, die absolute Diskretion erforderten. Zeitweise befehligte d’Artagnan die Gardes Françaises, eine Elitetruppe des königlichen Heeres. 1658 kehrte er zu den einmal mehr umorganisierten Musketieren zurück.
Berühmt wurde d’Artagnan durch seine Rolle bei der Verhaftung von Nicolas Fouquet. Der Finanzkommissar Ludwigs XIV. strebte danach, 1661 Mazarins Nachfolge anzutreten. Jedoch missfiel der Prunk, den sein Berater entfaltete, dem „Sonnenkönig“, der Unterschlagung zulasten des Besitzes der Krone annahm. Fouquet wurde festgenommen; d’Artagnan organisierte jahrelang seine Bewachung.
Als Belohnung stieg er 1667 zum faktischen Befehlshaber der Musketiere auf, doch in nichtkriegerischen Aufgaben erwies er sich als glücklos. So zog er offenbar gern 1673 in den Kampf gegen die Vereinigten Niederlande. Während der Belagerung von Maastricht traf ihn am 25. Juni 1673 eine Musketenkugel. Sein Leichnam wurde würdig bestattet; der genaue Ort blieb jedoch unbekannt.
Dies ist ein wesentliches Indiz für die These, das jetzt geborgene Skelett könnte d’Artagnan sein: „Zu jener Zeit wurden nur Mitglieder des Königshauses oder andere bedeutende Persönlichkeiten unter einem Altar beigesetzt“, sagte Diakon Jos Valke. Nun muss die DNA-Überprüfung abgewartet werden, die kompliziert ist.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Schon als Zwölfjähriger begeisterte er sich für die „Drei Musketiere“. Daher ist er gespannt, ob die Identität d’Artagnans tatsächlich bestätigt werden kann.
Source: welt.de