Das Leben eines Hochstaplers: „Die Exitstrategie war dieser Suizid“

Als die Polizei morgens um 6.45 Uhr ins Haus kam, stand seine Frau im Schlafzimmer, den gemeinsamen Sohn in den Armen. Nichts ahnend, was hier vor sich geht. So erinnert sich Moritz Jahre später. Fünf bis sechs Polizisten waren es und die Staatsanwältin. Die Behörden waren seinetwegen gekommen an jenem Tag im Herbst 2019. Hatten schon länger im Hintergrund ermittelt. Bis zuletzt hatte Moritz gebetet, dass er noch ein weiteres Mal durchkommt. Doch im Grunde wusste er schon länger: Sein Betrug war aufgeflogen.
Ein gewaltiges Lügenkonstrukt ist an diesem Tag zerbrochen, eines, das Moritz über Jahre gebaut hatte. Um sich, um seine Familie, um seine Arbeit. Es war der Tag, an dem er als Hochstapler enttarnt wurde. Der Mann, der vorgab, zu den Besten seiner Universität zu gehören. Den eine Großkanzlei mit Handkuss aufnahm. Der jahrelang als Spitzenjurist arbeitete, mit gewaltigem Gehalt, der nie ein Jurastudium abgeschlossen hatte. Seine Examen waren eine Fälschung.
Auch im Hier und Heute sitzt auf der anderen Seite des Tisches kein Topjurist, nicht mal einer, der den Anschein erwecken will, sondern ein Elektriker. Eher jung als mittelalt. Klar zu erkennen an seiner Arbeitstracht: der obligatorischen Hose mit tausend Taschen. Sitzt da, im kargen Büroraum seiner Firma, es riecht und schmeckt stark nach Neubau, erzählt von diesem Abschnitt seines Lebens, antwortet auf Fragen. Manchmal wirkt er fast ein wenig abgeklärt.
„Ein Narzisst hat per se zu wenig Selbstliebe“
Diese Öffentlichkeit, das sei zu Beginn einmal klargestellt, hat er nicht gesucht, sie kam zu ihm. Er ließ sich Zeit, auf die Anfrage zu reagieren, die sich vor einigen Monaten im Postfach seines Anwalts fand. Man hatte den Eindruck: Er zögert, er hadert vielleicht. Dabei gibt es viele Hochstapler, die ihren Geltungsdrang vor Fernsehkameras ausleben. Unvergessen ist Gert Postel, der Postbote, der in den Neunzigerjahren als Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik arbeitete und den es seither in die Medien zieht. Bei Moritz ist das anders, die Anonymisierung war eine Bedingung für das Gespräch.
„Ein Narzisst“, sagt Moritz, „hat per se zu wenig Selbstliebe. Er braucht die Bestätigung von jemand anderem. Der vulnerable tut das durch Unterwürfigkeit oder durch Anbiederung, der grandiose durch ein Schauspiel.“ Sein Schauspiel hat ihn in den Abgrund geführt. Stück für Stück. Seine Familie zerstört, es hätte ihn beinah ins Gefängnis gebracht und hat ihm einen Schuldenberg hinterlassen, den er nun abzahlt, auf viele Jahre. Hört man ihm zu, so liest sich seine Geschichte wie die Anatomie einer Selbstgeißelung, ein Mensch, der eine Dynamik entfesselte, die ihm entglitten ist. Aber die Ereignisse fordern etwas Chronologie.
Das Schwindeln übte Moritz früh, erzählt er. Immer sei es dabei um Leistung und Erwartungen gegangen, die an ihn gestellt wurden und die er nicht erfüllen konnte – oder wollte. Aufgewachsen als Kind eines Arztes und einer gelernten Bankkauffrau, die sich zu Hause ganz den Kindern verschrieb, fiel Moritz nicht mit großen Erfolgen auf. Keine Leistungen, die präsentabel wären, die für einen guten Anschein taugen würden. Nicht vor den Eltern, nicht vor Nachbarn oder Verwandten. Die zehnte Klasse habe er wiederholen müssen. Von seinen Geschwistern machte er das schlechteste Abitur.
„Ich bin kein dummer Mensch“, sagt Moritz heute, „aber ich bin für Frontalunterricht nicht gemacht, damit kann ich nichts anfangen.“ So wurden Lügen zum Mittel der Wahl, eine Strategie, mit Erwartungen umzugehen, die er nicht zu erfüllen imstande war. Lieber habe er sich zur Zeugnisübergabe den „vollen Anschiss“ der Eltern abgeholt, als regelmäßig über Noten zu berichten. „Ich habe schon immer gelogen. Das Lügen war für mich der leichteste Weg.“
Eines muss an dieser Stelle betont werden: Es ist Moritz’ Sicht auf die Dinge, von der im Vorherigen und im Folgenden zu lesen ist. Es gäbe gewiss Gegenperspektiven und oft genug ein begründetes „Aber“. Die faktischen Eckpfeiler der Geschichte lassen sich in Gerichtsdokumenten nachprüfen, sie stimmen mit allem überein, was Moritz im Gespräch berichtet hat. Das Landgericht sah im September 2023 „keinerlei Anlass“, sein Geständnis „auch nur im geringsten anzuzweifeln“, so steht es im Urteil des Berufungsverfahrens. Eine Kontaktaufnahme mit Familie oder Freunden wäre einem intimen Eingriff in schwelende Konflikte gleichgekommen. Davon wurde in diesem Fall abgesehen.
Man müsse etwas darstellen, darum sei es in seinem Elternhaus gegangen. Da kam eine Ausbildung bei der Bundeswehr genauso wenig in Frage wie zum Kaufmann bei der örtlichen Sparkasse. Liebe war an Erfolge gekoppelt, so erzählt es Moritz. Eine Gutachterin wird im Prozess weitergehen, sie wird von einer Form von „emotionaler Verwahrlosung sprechen“. Moritz schrieb sich für Physik ein, zweifelsfrei ein Fach für große Geister. Doch das Experiment scheiterte krachend, er wurde exmatrikuliert, ohne je eine Prüfung zu absolvieren. Und schließlich für Jura. Eine Disziplin mit Prestige. Dazu eine ehrwürdige Fakultät mit guten Ruf. Das überzeugte, selbst die Eltern.
Zweifler gab es immer – und Gerüchte
So saß Moritz im Wintersemester 2008 in der Einführung, trat einer Studentenverbindung bei. Drei Monate ging er in die Uni, danach hörte er damit auf. Er trank viel, schlief morgens seinen Rausch aus. Er gab sich als schlauer Kerl, der sich Eskapaden leisten kann, log über bestandene Prüfungen, über gute Noten und achtete penibel darauf, die Fassade aufrechtzuerhalten. Für jede Klausur erfand er Erklärungen. Als 2011 eine Exmatrikulation von Amtswegen eintrudelte, weil er in sechs Semestern keine Prüfung abgelegt hatte, log er auch darüber.
Zweifler gab es immer und Gerüchte. Kommilitonen brachten Leistungen nicht mit der Person zusammen, die in den Seminaren nie gesehen wurde. Aber Moritz arbeitete ihnen entgegen. War in der Verbindung juristischer Sachverstand gefragt, rettete er sich ins Unkonkrete – „Es kommt drauf an“, gab sich unpässlich, vereinbarte, sich am nächsten Tag nochmal auszutauschen. Und er sammelte handfeste Erfahrungen. Über die Verbindung lernte er einen Fachmann kennen, „alter Herr“, promovierter Notar, Vater eines Freundes. Er hatte etwas übrig für den „Spitzenstudenten“, ermöglichte ein Praktikum. Aus Wochen wurden fünf Jahre, aus Praktikant Moritz eine Teilzeitkraft und aus dem Notar ein Mentor.
Zwischen ihnen entwickelte sich eine Vertrauensbeziehung, da verzieh ihm der Jurist sogar, wenn Moritz zuweilen mit einer Fahne in seiner Kanzlei auftauchte. So geht es in einer Verbindung schon mal zu. Moritz lernte von ihm viel vom Handwerk. Und wahrte den Schein des ambitionierten Studenten, selbst als er exmatrikuliert war. Als es an der Zeit war, log er auch über ein erstes Spitzenexamen.
Eigentlich wollte Moritz irgendwann die Reißleine ziehen, erzählt er. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem sein Studium laut Plan zu einem Ende hätte kommen müssen. Es sei nie die Idee gewesen, so in alle Ewigkeit weiterzumachen. Er wollte einen Schlussstrich ziehen, „irgendwas arbeiten“, den Schwindel ausschleichen. Eltern und Familie im Glauben lassen, er habe nach dem Examen einen anderen Weg eingeschlagen. Ein Außen von der Lüge gab es zu der Zeit aber nicht mehr. Seit der ersten Vorlesung steckte sie überall ein Stück mit drin, über jeden Menschen musste er sie stülpen. Einmal angefangen, war er gezwungen, sie weiterzustricken. Oder musste die Demütigung ertragen, die Wahrheit einzugestehen.
Zu diesem Bruch in der Biographie kam es nicht, im Gegenteil, Moritz trieb dieses Leben weiter. Denn er verliebte sich in die Tochter seines Mentors, des Notars, bei dem er immer noch arbeitete. Kurz vor gelogenem zweiten Staatsexamen entwickelte sich im Frühling 2015 eine Liebesbeziehung. Ihre Familie nahm ihn auf, der Notar wurde für Moritz zum zweiten Vater, eine Respektsperson, die man nicht enttäuscht. Im Oktober zog er im Elternhaus seiner Freundin ein. Zu dem Zeitpunkt war er lange von der Uni rausgeschmissen worden. „Was mache ich jetzt? Ich habe immer gesagt, ich habe super viel Ahnung. Ich kann jetzt nicht mit einem 30.000 Euro-Job daherkommen. Als Spitzenjurist.“
Vom Casino blieben nur die Schulden
Er brauchte Kapital. Offiziell war Moritz arbeitslos gemeldet, seine Eltern, seine Partnerin, den Notar, sie alle ließ er im Glauben, er arbeite für die Großkanzlei „Freshfields“. In Wahrheit versuchte er, im Casino an Geld zu kommen, experimentierte mit Spielstrategien – und machte Schulden. „Dann habe ich mich entschlossen, das Examen zu fälschen“. Aber so, dass es Türen öffnet: 12,48 Punkte im ersten, 11,64 im zweiten Staatsexamen. Absolute Spitze. Moritz tippte eine Vorlage in Word, orientierte sich an Urkunden, die er beim Notar gesehen hatte. Gut waren die Fälschungen nicht (ein Gericht wird später festhalten, man habe es ihm durchaus leicht gemacht), aber sie funktionierten.
Mit der Fälschung wurde das Leben in Lüge amtlich. Anfang 2016 bewarb sich Moritz mit dem Papier bei großen Namen. Einige luden ihn zum Vorstellungsgespräch – mehrere boten ihm einen Vertrag an. Wer könnte so einen Spitzenjuristen verschmähen? Selbst die Rechtsanwaltskammer ließ sich täuschen – Moritz wurde zugelassen, offiziell. (An der Stelle muss er leicht schmunzeln.) „Ich bin mit einem erlogenen Stück Papier, mit einer Anspruchshaltung in die Welt gegangen. Ihr müsst mir alles geben, ich bin ja euer Messias.“
Notiz zur Hochstapelei: Für den deutschen Philosophen Hanno Sauer ist sozialer Status die begehrteste Ressource der Welt. Alle stehen konsequent in einem Wettbewerb darum. Die Unteren versuchen, sich an die Oberen anzupassen, vorzugeben, dass sie mehr sind. Die Oberen versuchen, sich von den Unteren abzugrenzen. So entstehen soziale Schichten, folgert er. Westliche Gesellschaften ließen sich nur über dieses subtile Spiel begreifen. Das Medium sind soziale Signale, Statussymbole, solche die nicht gefälscht werden können. Für Sauer sind Hochstapler interessant. Ihnen gelingt, Klassenunterschiede zu unterlaufen, indem sie das fälschungssicherste Statussymbol faken: den Habitus.
So einen Job anzunehmen, ist heikel. Vor Gericht würde er nicht bestehen, das war Moritz klar. Auch wäre ein Urteil null und nichtig, sollte er auffliegen. Die Stelle, die er im April 2016 antrat, war Papierarbeit im Hintergrund, Immobilienrecht, es ging um Mietvertragsprüfungen. Selbst studierte Juristen müssen sich da einarbeiten. Dort lief er keine Gefahr, sich als „Anwalt“ im Gerichtssaal wiederzufinden.
Moritz richtete sich ein in diesem neuen Leben, er plante langfristig. „Der Gedanke war: Ich mache zwei Jahre Großkanzlei, damit es im Lebenslauf steht“. Großkanzlei, das muss man leben: 70 bis 90 Stunden Arbeit in der Woche, um 7.30 Uhr anfangen, vor 18 Uhr ist an zu Hause nicht zu denken. Arbeit an den Wochenenden. Mit jedem Schritt wurde die Lüge rigider. Sie färbte jedes Ereignis seines Lebens. 2017 heiratete er die Tochter des Notars, 2019 bekamen sie einen Sohn.
95.000 Euro, das Einstiegssalär
„Ich habe mir mein Luftschloss nicht nur gebaut“, sagt Moritz, „ich bin auch eingezogen.“ Von außen war es prunkvoll. 95.000 Euro war sein Einstiegssalär, zwei Jahre später verdiente er 123.000 Euro. Aber um das Geld sei es ihm nie gegangen. Ruhe habe er haben wollen, Ruhe vor dem Druck, etwas darzustellen, das wiederholte er vor Gericht. „Alles, was ich nicht selbst bin, bin ich darüber, dass ich der Rechtsanwalt bin. Und ein Rechtsanwalt, der ist was.“ Das erste Mal habe er vor seiner Mutter nichts mehr erklären müssen. Sein Leben stand für sich.
Es gab keine schicken Urlaube, keine großen Statussymbole, kein schmuckes Juristenleben, um zu prahlen. „Ich habe nicht den großen Anwalt raushängen lassen.“ Einmal sei das Ehepaar nach Rumänien geflogen, erinnert sich Moritz, in ein Drei-Sterne-Hotel. Als die ersten Überweisungen eintrudelten, stand er noch beim Casino in der Kreide.
Ein Topjurist arbeitet in einer Großkanzlei. So gehört es sich. Aber für Moritz war das kein Konzept. Oft ging er früher als Kollegen, versprach Dinge, die er nicht einhielt. Und er machte Fehler: Rechtschreibfehler, Tipper, immer wieder. Sein damaliger Chef sagte im Prozess, dass er verwundert war: Ein Top-Absolvent, der so wenig Ehrgeiz zeigt, sich so wenig engagiert. Doch Moritz habe das Niveau eines Berufsanfängers erfüllt, auch das bescheinigte er ihm. Man sei „insgesamt durchaus zufrieden“ gewesen. Verdacht geschöpft hatte niemand, Gerüchte versiegten aber nie.
Hochstapelei ist eine einsame Angelegenheit, ein „Martyrium“. So wird Moritz es später beschreiben. „Ich war immer damit beschäftigt, nicht aufzufliegen.“ Fragen nach dem Studium, nach Klausuren, nach Vorlesungen, bei all dem ist er vage geblieben. Hat sich Muster zurechtgelegt, eine Biographie in groben Linien, die Konturen hat er verwaschen. Wenn Fehler passiert sind, hat er mit dem Finger auf andere gezeigt. Schützte sich vor Fragen mit Arroganz und Überheblichkeit. „Aber das Damoklesschwert war permanent über mir.“ Und das Auffliegen eine stetige Drohkulisse. Er habe es nie ausblenden können. Auch die Konsequenz sei für ihn immer klar gewesen. „Die Exitstrategie war der Suizid.“
„Tief drinnen wusste ich, da ist noch ein Kern, das bin ich“
Heute sagt er: „Mein ganzes Leben war darauf ausgelegt, der zu sein, den ich vorgegeben habe. Es gab ja niemand anderen mehr.“ Die Lüge füllte jeden Winkel, saß am Esstisch wie am Schreibtisch. Vor Gericht sagte Moritz aus, er habe sich emotional „eiskalt“ gemacht, um diesen Zustand auszuhalten. Er habe sich Kategorien angelegt: Hier will jemand Mitleid, hier eine Entschuldigung. „Fühlen konnte ich es nicht, das habe ich mir selber nicht zugestanden.“ Er habe sich konditioniert, war innerlich tot, um den Druck auszuhalten. So steht es in einem Gutachten. Sonst wäre er kaputt gegangen. „Tief drinnen wusste ich, da ist noch ein Kern, das bin ich.“
Zur Forschung: Laut Studien lügen Menschen im Schnitt ein bis zwei Mal am Tag, sagt Kristina Suchotzki. Die Psychologin forscht dazu an der Universität Marburg. Während der Großteil der Menschen ehrlich zu sein scheint (zwischen null und einer Lüge am Tag), gebe es eine kleine Gruppe an Ausreißern: Weniger als fünf Prozent lügen mehr als zwanzig Mal, jeden Tag. Menschen seien schlecht darin, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden, sagt sie. Das gelinge in etwa der Hälfte der Fälle. Man könnte also (beinah) genauso gut eine Münze werfen. Die Vorstellung, dass Lügner an einem bestimmten Verhalten zu erkennen wären, sei ein Irrglaube. Bei der Frage, was ein Leben in Lüge mit Menschen macht, muss sie passen: Sie wisse von keiner Studie, die das schon untersucht hätte.
Jede Bewerbung bedeutet ein neues Risiko, jedes Mal werden Dokumente neu geprüft. Aber nach zwei Jahren Großkanzlei hatte Moritz sein Ziel erreicht, die Biographie war geadelt, er konnte Erfahrungen auf dem juristischen Parkett vorweisen. Er wollte eine gediegenere Stelle, sagt er, weniger Arbeitsbelastung, mehr Familie. Ein Wunsch, dem ihm viele junge Anwälte nicht verdenken können. Er wollte neu anfangen.
Das erste Mal seit zwei Jahren begutachtete er seine Fälschungen und bemerkte die vielen Rechtschreibfehler in seinen Examina. „Gesellchaftsrecht“ statt „Gesellschaftsrecht“, mal fehlt eine Ziffer in der Notenskala. Versteckt waren sie nicht, hätte jemand genau gelesen. Aber: „Wie so oft in unserer Gesellschaft, es zählt der Schein und nicht das Sein, jeder schaut nur auf die Note.“
Moritz war sein „bestes Pferd im Stall“
Er bügelte alle aus, die er entdeckte und schickte seine Unterlagen im Frühjahr 2018 an eine Versicherungskammer. Eine Stelle in der zentralen Rechtsabteilung, allgemeines Vertragsrecht, später kam Kartellrecht hinzu. Ein guter Job, geregelte Arbeitszeiten, berufliche Perspektiven, gute Bezahlung. Er wurde genommen. Man stellte ihm eine Abteilungsleiterstelle in Aussicht, perspektivisch (hier weichen die Berichte der Beteiligten ab). Er machte eine Weiterbildung, ging sogar an die Uni – „das einzige Mal, dass ich da etwas gelernt habe“.
Moritz sei das „beste Pferd im Stall“ gewesen. Das sagte sein damaliger Chef vor Gericht. Die Aussage ist in den Akten festgehalten. Wenn es möglich wäre, würde er ihn wieder einstellen. Man habe die Leistungen bekommen, für die man bezahlt habe. Moritz hat die Arbeit gern gemacht. Dort habe er gesehen, dass es ein „Normales“ gibt, in dem es nicht primär darum gehe, etwas darzustellen. „Aber ich bin mir wieder selbst erlegen, meinem eigenen Größenwahn.“
Im Sommer 2019 bat er seinen Chef um ein Gespräch. Moritz hatte ein Schriftstück dabei, er hatte seine Karrierevorstellungen zu Papier gebracht: „Vorschlag für Fachkarriere – ‚Seniorberater‘“. „Vollkommen schräg und inakzeptabel“ sei der Inhalt gewesen. Er habe gedacht, Moritz sei „übergeschnappt“. Abteilungsleiter wurde er nicht, Moritz wurde übergangen. Eine Kränkung, die er nicht hinnehmen konnte: „Ich, der dachte, er kriegt alles, habe die Kündigung natürlich sofort eingereicht.“
Als der Anruf kam, war Moritz in Elternzeit, er kümmerte sich um den Sohn, seine Frau, die Tochter des Notars, war arbeiten. Einige Bewerbungen hatte er nach seiner Kündigung rausgeschickt, aus vielen war nichts geworden. Moritz hob ab und es meldete sich eine Personalabteilung. Wieder ein großer Name, eine bekannte Kanzlei. Man habe die Unterlagen geprüft. Es gebe Unstimmigkeiten, ob man beim Justizprüfungsamt nachfragen könne. Alle Alarmglocken schrillten. „Ab dem Zeitpunkt war mir unterbewusst klar, dass das jetzt auffliegt. Ich wollte es aber noch nicht wahrhaben.“
Zur Statistik: Betrüger lassen sich nicht gern in Zahlen fassen. Das fängt schon damit an, dass in der Regel nur jene vor Richtern landen, die einen Fehler machen. Wer also nach Zahlen zur Hochstapelei sucht, muss sich auf Misserfolge einstellen: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weiß von keinen Befunden zum Thema, dort wird empfohlen, es beim Bundeskriminalamt zu versuchen. Das erfasst zwar alle Urkundenfälschungen, aber nicht explizit die Zahl gefälschter Zeugnisse. Man verweist deshalb an das Landeskriminalamt. Das wiederum differenziert zwar Fallzahlen zur Urkundenfälschung in allerlei Delikte, Zeugnisse sind nicht darunter. Handfeste Daten muss der Text schuldig bleiben.
Er versuchte es noch mit einer letzten Lüge, sprach von einem Verwaltungsfehler, versuchte seine Bewerbung zurückziehen. Aber die Mitarbeiter hatten genau geschaut, und ein verhängnisvolles Detail entdeckt: Moritz legte sein zweites Staatsexamen, laut Fälschung, am 25. Mai 2015 ab, Pfingstmontag, bundesweit gesetzlicher Feiertag. Drei Monate später, es war ein 06. November, stand die Staatsanwaltschaft vor der Haustür.
„Dafür geht er ins Gefängnis“
„Die Polizei war gerade da, jetzt muss ich die Wahrheit sagen: Alles, was es an Gerüchten gab, ist wahr.“ Für seine Frau sei an diesem Tag eine Welt zusammengebrochen. Sie war Teil einer vorgegaukelten Realität, eines grandiosen Schauspiels. Moritz’ Leben sollte von der Wurzel an zerbersten. „Dafür geht er ins Gefängnis“, das habe sein ehemaliger Mentor und Schwiegervater, der Notar, zu seinen Eltern gesagt. Sie seien fast zugrunde gegangen. Der Vater habe den Kummer in Alkohol ertränkt. Im April wird die Ehe annulliert, das Kind umbenannt, Moritz’ Nachname getilgt. Freunde wenden sich ab, die Familie.
Es sind langwierige, vielgliedrige Verfahren und sie dauern fünf Jahre. Strafrechtlich, familienrechtlich. Am Ende steht ein Urteil: Moritz wird wegen Urkundenfälschung und Anstellungsbetrug in mehreren Fällen schuldig gesprochen. Ins Gefängnis muss er nicht, man einigt sich auf eine Freiheitsstrafe zur Bewährung – und eine Geldstrafe. 325.642 Euro muss er den Arbeitgebern zurückzahlen. Mit den Verfahrenskosten sind das fast eine halbe Million Euro. Der erste Arbeitgeber verzichtet, der zweite will, darf aber nicht. 200.000 Euro Schulden bleiben, die Moritz abzahlen muss.
„Ich bin unglaublich dankbar, dass das aufgedeckt wurde. Das erste Mal in meinem Leben bin ich ein freier Mensch“, sagt Moritz. „Ich kann ich sein, ich muss nicht mehr lügen, ich kann nein sagen.“ Aber zwischen Urteil und dieser Erkenntnis gibt es ein langes Dazwischen: viele Therapiestunden und Jahre der Auseinandersetzung mit sich selbst. Hätte er damals bei der Versicherungskammer stillgehalten, wäre er dort vermutlich noch immer, denkt Moritz.
Allein wäre er nicht herausgekommen. Die Ausbildung zum Elektriker hatte Moritz während des Strafverfahrens begonnen. Nun macht er aus seiner Vergangenheit keinen Hehl: Seine Kollegen, seine neue Partnerin, alle wissen Bescheid. „Es ist ein Teil von mir, ein Teil von meinem Leben.“ Außerdem, fügt er hinzu, interessiere das im Handwerk ohnehin niemanden.
Es war eine tolle, aber harte Ausbildung, sagt Moritz. „Die haben mich genauso drangenommen wie einen Sechzehnjährigen.“ Am Ende hat er eine Urkunde erhalten. „Dadurch habe ich erst verstanden, was es bedeutet, so etwas zu bekommen. Wie viel Arbeit da drin steckt.“ Aber trotzdem spiegle das nicht wider, was ein Mensch ist oder kann. Danach gefragt, ob er nach einem Leben in Lügen anderen vertrauen kann, wirkt er kurz fast ein wenig irritiert. Er antwortet: „Ist mir doch egal, ob sie jetzt Journalist sind, oder etwas anderes. Wenn wir uns treffen, sind Sie ja immer noch Sie.“
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