„Das ist kein Judentum. Das ist Terrorismus“ – Im Westjordanland eskaliert die Siedler-Gewalt
Kritiker sprechen von einem „rechtsfreien Raum“: Seit Beginn des Iran-Krieges ist die Gewalt radikaler Siedler gegen Palästinenser im Westjordanland eskaliert. Eine Spurensuche vor Ort zeigt, wie brutal die Siedler vorgehen – und was das für die Menschen bedeutet.
Momente aus einem Handy-Video, die schwer zu ertragen sind: Vier junge Männer, bewaffnet mit Holzknüppeln, maskiert wie Ninja-Kämpfer, stoppen ihren Gelände-Buggy mit quietschenden Reifen auf einem Weg im palästinensischen Dorf Kusra im Westjordanland. Sie springen heraus und fangen an, auf zwei Frauen und einen Mann einzuprügeln. Die mit ihrem Handy filmende Frau schreit vor Schmerzen, bittet auf Hebräisch um Gnade, vergeblich. Die Männer tragen „Tzitzit“ gläubiger Juden, weiße Bändchen, die an der Hose herabhängen.
Zwei Wochen später treffen wir Yael Levkovitz (52) und Adi Cohen (71), israelische Jüdinnen, im Tel-Hashomer-Krankenhaus bei Tel Aviv. Während Yael, die die Szene gefilmt hat, mit leichteren Verletzungen davonkam, sitzt Adi im Rollstuhl. Arm und Bein sind an mehreren Stellen gebrochen, auf einem Ohr kann sie nichts mehr hören.
Die beiden Frauen waren für ihre Organisation „Mistaclim“ („Wir schauen hin“) in das Dorf gefahren. Durch ihre bloße Anwesenheit wollten sie von Siedlern bedrohte Palästinenser schützen. Die mutmaßlichen Täter waren zwischen 17 und 23 Jahre alt. Rechtsextreme, die seit etwa 50 Tagen auf dem Hügel über Kusra einen neuen Außenposten samt Schafherde errichtet haben und die umliegenden Ortschaften terrorisieren.
Yael sagt, seit dem Iran-Krieg sei es schlimmer geworden, die Siedler seien „wie auf Steroiden“ und hätten Rückendeckung von Polizei und Armee. „Sie haben einen Außenposten aufgebaut, illegal natürlich, in einem Bereich, in dem sie es nicht dürfen. Wir sind dort hin, um einem Einwohner zu helfen, der von ihnen angegriffen und gezwungen worden war, sein Haus zu verlassen“, sagt sie.
Adi weint, als sie erzählt, was ihr widerfahren ist: „Mein Arm ist gebrochen, auch mein Schädel, sie haben mir das Ohr kaputtgeschlagen. Auch das Becken, die Beine. Und wofür? Was haben Yael und ich ihnen getan? Gar nichts! Wir sind einfach gekommen, um Menschen zu helfen.“
Für die Polizei sollte ihr Fall eigentlich kein schwerer sein, sagt Yael mit ruhiger Stimme. Es gebe ja Zeugen und Videoaufnahmen. „Die Täter sind immer die gleichen Leute in den gleichen Gebieten, die immer wieder die gleichen Dinge tun“, sagt sie. Drei Menschen seien festgenommen worden, erzählt sie, doch nach einer Woche wieder freigelassen worden. „Als es zur Prüfung einer Haftverlängerung kam, behauptete die Polizei, die Beweise würden nicht ausreichen.“
Von der israelischen Polizei heißt es zu dem Fall in Kusra, man betrachte „Gewalt jeglicher Art mit großer Härte und wird weiterhin gemeinsam mit den Sicherheitskräften entschlossen handeln, um die Beteiligten ausfindig zu machen, festzunehmen, zu verhören und sie der Justiz zuzuführen“.
Deutliche Kritik vom deutschen Botschafter
Yael glaubt nicht daran. Während bei ihnen, israelischen Jüdinnen, zumindest so getan würde, als würde man sich kümmern, sagt sie, würde in den meisten anderen Fällen keiner richtig ermitteln. „Es gab im Inlandsgeheimdienst eine Abteilung für jüdischen Extremismus“, so die Aktivistin. „Doch die darf nach einer Gesetzesänderung keine vorbeugenden Festnahmen mehr machen.“
Die israelische Menschenrechtsorganisation Jesch Din sammelt seit vielen Jahren Zahlen zu den Vorfällen. Zwischen 2005 und 2025 wurden demnach mehr als 93 Prozent aller polizeilichen Ermittlungen zu ideologisch motivierten Straftaten, die von Israelis gegen Palästinenser im Westjordanland begangen wurden, ohne Anklage eingestellt. Nur drei Prozent der Verfahren führten am Ende zu vollständigen oder teilweisen Verurteilungen.
Kritiker sprechen von einer Art rechtsfreiem Raum. Und verweisen darauf, dass der offen rechtsextreme Politiker Itamar Ben Gvir Innenminister ist, und sein Gesinnungsgenosse, Finanzminister Bezalel Smotrich, sich um die Siedlungen kümmert. Seit Beginn des Iran-Krieges hat sich die Lage weiter zugespitzt: Radikale Siedler haben im Westjordanland sechs Palästinenser getötet, Dutzende wurden bei Überfällen verletzt.
Der deutsche Botschafter Steffen Seibert, der die Verletzten im Krankenhaus besuchte, schrieb auf X: „Es ist möglich und notwendig, über beides entsetzt zu sein: Über den Einsatz von Streubomben durch den Iran gegen israelische Zivilisten – und über die fünf Palästinenser, die an einem Wochenende durch Siedler-Gewalt getötet wurden.“
Kusra liegt zwischen Nablus und Ramallah in Zone B des seit 1967 von Israel besetzten Westjordanlandes. Die Zone umfasst 22 Prozent des Gebiets und steht unter palästinensischer Zivilverwaltung, aber israelischer Sicherheitskontrolle. Zone C (komplette israelische Kontrolle) umfasst 60 Prozent, Zone A (komplette palästinensische Kontrolle) 18 Prozent.
Ein Bewohner von Kusra, der aus Angst vor weiteren Angriffen anonym bleiben will, erzählt von der Macht der illegalen Siedler. Es seien sechs, sieben junge Männer, die sich oben auf dem Hügel niedergelassen hätten und die rundherum liegenden Ortschaften mit tausenden Bewohnern drangsalieren würden.
Er schickt Videos, die zeigen, wie die Männer Palästinenser jagen und brutal verprügeln. Am vergangenen Samstag gab es in dem Dorf den ersten Toten, einen 28-jährigen Familienvater. Einer der Siedler hatte ein Gewehr mitgebracht und geschossen, auch davon gibt es Videos. Der Vater des Getöteten wurde am Tag darauf schwer verletzt.
„Es gibt dort viele Leute, die angegriffen wurden. Abgesehen von Yael und Adi“, sagt der Mann. „Sie haben auch die Wasserquelle besetzt, kappen den Strom und das Wasser für die Häuser.“ Die israelische Polizei und die Armee würden nichts unternehmen, Anrufe liefen ins Leere. „Wir haben alles versucht, aber nichts passiert. Seit 50 Tagen schlafen wir nicht mehr“, sagt er.
Die Lage sei extrem angespannt, einige Bewohner hätten ihre Häuser verlassen, weil die rechtsextremen Siedler alle halbe Stunde kommen würden, berichtet der Mann aus Kusra. „Sie fahren mit Quads direkt an die Häuser, mitten in der Nacht, fangen an, zu hupen, zu schreien, zu tanzen, gegen die Türen zu hämmern, gegen die Fenster zu klopfen, Steine zu werfen. Sie wollen uns vertreiben.“
Die israelischen Behörden wüssten genau, wer die Täter sind, sagt er. „Es gibt Fotos von ihnen, es gibt Videos, die Polizei weiß genau, wer das ist. Und trotzdem ist einer der Täter jetzt gerade draußen und läuft mit seinen Schafen herum.“
Der Oppositionspolitiker Yair Golan von der linken Partei Demokraten sagt: „Terrorismus, der nicht gestoppt wird, wenn er sich gegen Palästinenser richtet, breitet sich schnell aus – zuerst gegen die Sicherheitskräfte und von dort aus weiter ins Innere der israelischen Gesellschaft.“ Dies sei „kein Zionismus und kein Judentum“, so Golan, sondern „Terrorismus“. Er kündigt an: „Wir werden jeglichen Terrorismus mit harter Hand ausrotten, einschließlich des jüdischen Terrors.“
Source: welt.de