Das bedeuten die Verkäufe dieser Notenbanken pro die Zukunft des Goldes
In der Iran-Krise versagt Gold bisher in der Funktion als sicherer Hafen. Nun hat auch die türkische Zentralbank massiv verkauft, um die eigene Währung zu stützen. Dazu könnten auch andere Länder gezwungen sein. Was Experten in dieser Lage empfehlen.
Es galt stets als eines der ungeschriebenen Gesetze der Finanzmarktwelt: Rücken geopolitische Risiken, Börsen- und Bankenkrisen oder sonstige Unsicherheiten in den Fokus der Anleger, flieht das Kapital in die sicheren Häfen. Und zu denen gehörte traditionell immer das Gold.
Der Ausbruch des Iran-Krieges scheint diese Gewissheit zu torpedieren. Denn in den vergangenen Wochen ist das gelbe Metall auf Basis des US-Dollar gegenüber dem Allzeit-Verlaufshoch um gut 20 Prozent gefallen, auf einen Unzenpreis von 4436 US-Dollar. Ein großer Teil des Verlusts ist dabei seit den Angriffen der USA und Israels auf den Terrorstaat Ende Februar zu verzeichnen.
Nach dem positiven Start ins laufende Jahr mit zweistelligen prozentualen Gewinnen veränderte sich das für Gold günstige Szenario massiv. Der Prozess der „De-Dollarisierung“, mit dem sich vor allem Schwellenländer vom Dollar loslösen wollten, kehrte sich durch die vom Krieg ausgelöste Energiekrise mit steigenden Ölpreisen um.
Das Phänomen der „Re-Dollarisierung“
Der Dollar wurde wieder erste Wahl, um damit die im Preis gestiegenen fossilen und überlebenswichtigen Rohstoffe in deren Handelswährung bezahlen zu können. Die veränderten Zinserwartungen, die wiederum dem drohenden Inflationsschock geschuldet sind, sorgten zusätzlich für Druck – auch wenn die Realzinsen, nach Abzug der Inflation, die Opportunitätskosten des zinslosen Goldes grundsätzlich mindern.
Das Phänomen der „Re-Dollarisierung“ könnte auch hinter den jüngsten Transaktionen der Türkei stecken, die am Markt für großes Aufsehen sorgten. Die Zentralbank des Landes am Bosporus hat binnen ganzer zwei Wochen rund 60 Tonnen Gold im Wert von mehr als acht Milliarden Dollar aus ihren Reserven abgestoßen, wie aus aktuellen Daten des Instituts hervorgeht. In der zweiten Märzwoche allein sanken die Reserven um 50 Tonnen – der stärkste Wochenrückgang seit sieben Jahren.
Ein Teil des Goldes wurde dabei direkt am Markt verkauft, der Großteil über sogenannte Swap-Geschäfte eingesetzt. Dazu wurde es vorübergehend gegen Devisen oder Lira getauscht und dabei die Option eines späteren Rückkaufs vereinbart. Der Finanzdienstleister Bloomberg berichtet unter Berufung auf informierte Kreise, ein Teil dieser Transaktionen sei über die Tresore der Bank of England abgewickelt worden. Die türkische Zentralbank habe sich auf Anfrage nicht äußern wollen.
Iris Cibre, Gründerin des Finanzberatungsunternehmens Phoenix Consultancy in Istanbul, schätzt die Gesamtverkäufe auf 58,4 Tonnen – mehr als die Hälfte davon über Goldswaps im Ausland. Die Verkäufe der türkischen Zentralbank passen ins Gesamtbild. Denn auch eine zweite entscheidende Käufergruppe, die Finanzinvestoren, die das Metall über börsengehandelte Rohstofffonds (ETC) handeln, waren zuletzt auf der Verkäuferseite und hatten damit die Basis für den Verkaufsdruck gelegt.
Im März summieren sich die ETC-Abflüsse aus dem Markt laut Bloomberg bereits auf mehr als 85 Tonnen. Die Bestände der Gold-ETCs sind demnach inzwischen niedriger als zu Jahresbeginn. „Kurzfristig dürfte die Orientierungssuche der Anleger anhalten“, vermuten die Rohstoffexperten der Commerzbank.
Für die Türkei ist der Griff in die Goldreserven kein Novum. Bereits 2023 hatte das Land in einer Phase extremer Inflation 159 Tonnen Gold verkauft und die Reserven später wieder aufgebaut. Zu Beginn dieses Jahres verfügte Ankara über mehr als 600 Tonnen – nach einem jahrelangen, aggressiven Kaufprogramm, ausgehend von unter 400 Tonnen im Jahr 2020.
Der aktuelle Kurswechsel zeigt, wie schnell geopolitischer Druck strategische Prioritäten verschieben kann. Rohstoffstratege Daniel Ghali von TD Securities warnt, die Türkei könne unter Umständen nicht die letzte Zentralbank gewesen sein, die unter Druck gerät. Er erwartet vorerst zumindest ein deutlich verlangsamtes Tempo bei den weltweiten Zentralbank-Goldkäufen.
Das Ende des sicheren Hafens?
Carsten Menke, Leiter der Next Generation Research bei Julius Bär, spricht von einem „rätselhaften Druck“. Der Preisrutsch sei „nur zum Teil“ durch den erstarkenden US-Dollar, steigende Anleiherenditen und den Rückzug spekulativer Händler zu erklären. Besonders beunruhigend findet Menke den Charakter der türkischen Transaktionen: „Unfreiwillige Verkäufe sind besorgniserregender, da sie jegliches Kontrollelement vermissen lassen.“ Dennoch sieht er die Türkei vorerst als Einzelfall und hält an einer langfristig positiven Einschätzung für Gold fest.
Auch die Commerzbank warnt davor, den Status von Gold als sicherer Hafen grundsätzlich in Frage zu stellen – plädiert aber für eine differenziertere Sichtweise. Gold steige typischerweise in Krisen, in denen Konjunkturrisiken dominieren und Notenbanken mit Zinssenkungen reagieren – wie in der Finanzkrise 2008 oder während der Corona-Pandemie. Schon damals aber, darauf weist das Handelshaus proAurum hin, habe Gold zunächst mit anderen Anlageklassen korreliert, was sich rückblickend als temporär erwiesen habe.
Die aktuelle Krise, so die Commerzbank-Experten, folge jedoch einer anderen Logik: Im Vordergrund stehe ein Inflationsschock, der Märkte auf Zinserhöhungen einstimmt. Das erkläre auch, warum selbst der Schweizer Franken – normalerweise ebenfalls ein klassischer sicherer Hafen – zuletzt zu den Verlierern im G10-Währungsuniversum zählte.
Die Schweizerische Nationalbank hat in der Vergangenheit deutlich zurückhaltender auf Inflationsschocks reagiert als andere Notenbanken, was die Zinsdifferenz zum Nachteil des Frankens verschiebt. Es sei demnach kein Gold-spezifisches Phänomen: Keiner der vermeintlich sicheren Häfen könne in dieser spezifischen Krise die Verluste am Aktienmarkt kompensieren.
Grundsätzlich optimistisch bleibt auch Markus Blaschzok, Rohstoffanalyst bei der Solit AG. „Langfristig bleiben die Goldstory und das bullische Fundament intakt. Anleger sollten sich über eine weitergehende Korrektur in den nächsten Monaten freuen und diese nutzen, um bestehende Vermögen durch den Kauf von Gold langfristig gegen Inflation abzusichern“, rät er.
Experten raten zum Goldkauf
Die Korrektur werde nur vorübergehend sein, und die Notenbanken würden am Ende des Tages wieder die Liquidität erhöhen. „Wer dann die Chance von antizyklischen Käufen nicht genutzt hat, wird seine Kaufkraft durch Inflation verlieren, während der Goldpreis seine bisherigen Allzeithochs weit hinter sich lassen wird“, prophezeit er.
Bis es so weit ist, könne der Goldpreis aber seiner Erwartung nach weiter konsolidieren. „Die Erwartung, dass die Zentralbanken weiter kaufen, könnte sich als falsch herausstellen, wenn Notenbanken ihre Reserven neu diversifizieren, da der wertmäßige Anteil von Gold in den letzten beiden Jahren stark gestiegen ist.“
Das könne im Gegenteil dazu führen, dass die Notenbanken weitere Käufe aufschieben und eine Pause einlegen. „Eine Ausweitung des Krieges könnte zudem die Golfstaaten sogar dazu zwingen, ihre Goldreserven zu liquidieren“, warnt Blaschzok. Dann wäre die Türkei mit ihren Verkäufen nicht mehr allein – und auf dem Goldpreis läge eine Art Preisdeckel – bis auf weiteres.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.
Michael Höfling schreibt für WELT über Immobilien, Wirtschaftspolitik und Gold. Gemeinsam mit Michael Fabricius ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ zuständig, den Sie hier abonnieren können.
mit Bloomberg
Source: welt.de