Das bedeuten die Rentenpläne zu Gunsten von jeden von uns

Viele Rentner haben es erhofft, die Beitragszahler befürchtet: Die Rentenpläne der wohl kommenden Regierung aus Union und SPD werden die Leistungen ausweiten und die negativen Folgen des demographischen Wandels für die Rente weiter ignorieren. Das zeichnet sich nach den bisherigen Verhandlungen der künftigen Koalitionäre ab. Dies produziert Millionen Gewinner und Millionen Verlierer.
Jetzige und baldige Rentner werden von den Plänen begünstigt, und Jüngere darunter leiden. Denn sie müssen sie finanzieren. Aber später, wenn sie selbst im Ruhestand sind, profitieren sie auch davon. Man muss sich also die finanziellen Folgen über die ganze Lebenszeit anschauen. Und an der Stelle, an der die Grenze zwischen Profiteuren und Benachteiligten verläuft, da wird es spannend. Martin Werding, einer der führenden Ökonomen Deutschlands, hat sich daran gemacht, das auszurechnen. Er ist seit 2008 Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und seit September 2022 einer der sogenannten Wirtschaftsweisen, also Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Rentenniveau von 48 Prozent
Er hat sich die drei großen, von der angehenden Regierung geplanten Änderungen genauer angesehen: erstens die sogenannte Haltelinie, die die SPD schon in der Ampelkoalition gefordert hat. Diese Linie soll das Rentenniveau auf 48 Prozent des bisherigen Lohnes stabilisieren. Das bedeutet, dass die Renten – gemessen an einem Standardrentner – nie unter dieses Niveau fallen dürfen. Standardrentner sind Versicherte, die bei der Regelaltersgrenze von künftig 67 Jahren 45 Jahre lang Beiträge gezahlt und genau das Durchschnittsgehalt verdient haben.
Zweitens hat Werding die Mütterrente III analysiert, die die CSU fordert. Damit sollen Mütter von Kindern, die vor 1992 geboren wurden, auch drei Jahre Erziehungszeit angerechnet bekommen – wie solche mit Kindern nach diesem Stichtag. Bisher bekommen sie 2,5 Jahre anerkannt. Und drittens geht es um die von der CDU gewünschte Aktivrente. Sie soll Menschen, die über das reguläre Renteneintrittsalter hinaus weiterarbeiten wollen, steuerfreie Einnahmen von 2000 Euro im Monat gewähren.
Erst 13 Euro, dann 113 Euro mehr Rente
Die mit Abstand teuerste Reform ist die Haltelinie. In den nächsten 20 Jahren soll sie etwa 520 Milliarden Euro kosten, die Mütterrente 60 Milliarden Euro. Bei der Aktivrente sind die Kosten unklar, weil niemand weiß, wie stark sie in Anspruch genommen werden wird. Wer im Jahr 2030 regulär in Rente geht, bekommt durch die Haltelinie nach Werdings Berechnungen monatlich 13 Euro mehr Rente vor Steuern, 2040 sind es schon 50 Euro mehr, 2060 schließlich 113 Euro(siehe Grafik). Reguläre Rentenerhöhungen sind dabei berücksichtigt. Zur Finanzierung steigen die Beiträge zur Rentenversicherung bis 2030 um 0,4 Prozentpunkte stärker, als sie das ohnehin wegen der Alterung tun würden – danach um 1,1 Prozentpunkte mehr, wovon die Arbeitnehmer die Hälfte schultern müssten. 0,5 Prozentpunkte mehr sind für einen Beschäftigten je nach Gehalt derzeit bis zu 480 Euro mehr Beitrag im Jahr.
Um nun zu errechnen, wer von der Haltelinie profitiert und wer nicht, hat Werding simuliert, wie viel Geld es bringen würde, wenn die Jüngeren die erhöhten Beiträge nicht in die gesetzliche Rentenversicherung zahlen müssten, sondern privat am Kapitalmarkt, etwa in Aktien, anlegen könnten. Er geht dabei von drei möglichen Renditen zwischen 3,5 bis 6,5 Prozent aus, je nach Risikoappetit und Aktienanteil der Sparer. Das Ergebnis: Wenn sie riskant anlegen, sind alle Jahrgänge von 1976 an und jünger (also 2025 höchstens 49 Jahre alt) durch die Haltelinie schlechter gestellt. Sie würden zu Rentenbeginn mit Haltelinie 54 Euro mehr Rente bekommen, ohne die Reform aber 58 Euro mehr durch ihre privaten Ersparnisse. Je jünger, desto größer der Nachteil. Ein 32 Jahre alter Mensch (Jahrgang 1993) würde bei Rentenbeginn (2060) durch die Haltelinie 280 Euro weniger Rente bekommen als aus der privaten Altersvorsorge. Bei Renditen von 3,5 Prozent sind alle Menschen benachteiligt, die derzeit höchstens 42 Jahre alt sind.
Als Zwischenfazit bleibt: „Alle heute Jüngeren werden durch die Haltelinie benachteiligt, auch wenn ihre gesetzliche Rente dadurch später höher ausfällt“, sagt Ökonom Martin Werding. Die gegenteilige Erzählung der SPD gegenüber jungen Wählern ist damit widerlegt. Ausgenommen sind nur junge Menschen, die derzeit nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen müssen, also Selbständige, Beamte und Beschäftigte, die sich über Versorgungswerke absichern, wie Anwälte, Steuerberater oder Architekten.
Benachteiligt sind auch tendenziell geringer Qualifizierte und Beschäftigte in Krisenbranchen. Denn sie sind stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Diese könnte durch die Rentenreform zunehmen, weil steigende Rentenbeiträge auch die Arbeitgeber zahlen müssen. Irgendwann wird ihnen dann die Arbeit zu teuer, und sie reagieren mit Stellenabbau.
20 Euro mehr durch Mütterrente je Kind
Die Mütterrente III vervollständigt die Mütterrente I von 2014 und die Mütterrente II von 2019 – jeweils von der CSU gefordert und in einer großen Koalition verwirklicht. Die Mütterrente III bringt je Kind etwa 20 Euro mehr im Monat. Der Kreis der Begünstigten ist definitionsgemäß viel kleiner als bei der Haltelinie. Es profitieren nur gesetzlich rentenversicherte ältere Mütter, deren Kinder 2025 mindestens ihren 34. Geburtstag feiern.
Offen ist, wer die Ausweitung der Mütterrente bezahlen muss. Entweder die Beitragszahler in die gesetzliche Rentenversicherung, also nur die aktuell Beschäftigten. Der Beitrag würde dann um etwa 0,25 Prozentpunkte steigen müssen, hat die Deutsche Rentenversicherung Bund errechnet. Alle drei Mütterrenten kosten nach Werdings Aussage 1,5 Prozentpunkte mehr Beitrag.
Ehrlicher wäre es, wenn die Mütterrente aus Steuermitteln bezahlt würde, denn sie ist eine versicherungsfremde Leistung, die im Normalfall von der Allgemeinheit getragen werden soll. Bei den Mütterrenten I und II ist das allerdings nicht der Fall. Würde der Steuerzahler dafür aufkommen, müssten alle dafür aufkommen, sogar die begünstigten Mütter selbst. Entweder über höhere Steuern oder über die Folgen von höheren Schulden wie steigende Zinsen für private Kredite und Kürzungen im Bundeshaushalt. Das wäre vermutlich schneller zu spüren als bei einer Beitragserhöhung.
Ein vergessenes Privileg älterer Mütter
In der Debatte um die Mütterrente nicht erwähnt wird, dass Mütter mit Kindern, die vor 1992 geboren wurden, schon jetzt ein Privileg genießen. Sie können eine „Rente nach Mindestentgeltpunkten“ in Anspruch nehmen. Sie gewährt ihnen einen Rentenaufschlag, wenn sie mindestens 35 Jahre eingezahlt haben und unterdurchschnittlich verdienen.
Es wird spannend sein, ob dieses Privileg bei der Ausweitung der Mütterrente abgeschafft wird. Sonst würden Mütter mit Kindern, die vor 1992 geboren wurde, sogar gegenüber Müttern mit jüngeren Kindern bevorzugt. Bisher haben die Koalitionäre keine Abschaffung angedeutet. Sie würde die Kosten der Mütterrente III nach Ansicht von Werding um ein bis zwei Milliarden Euro im Jahr senken.
2600 weniger Steuern im Jahr
Von der Aktivrente profitieren naturgemäß nur diejenigen, die das Rentenalter erreicht haben und länger arbeiten wollen. Bis zu 24.000 Euro im Jahr wären dann steuerfrei. Das erspart einem Alleinstehenden nach F.A.S.-Berechnungen derzeit etwa 2600 Euro Steuern im Jahr, je nach Berechnungsmethode. Wer verheiratet ist, spart nichts, wenn der Partner nicht auch noch etwas verdient, weil schon jetzt mehr als 24.000 Euro steuerfrei sind. Verdient der Verheiratete allerdings 40.000 Euro, zahlt er rund 3700 Euro weniger Steuern im Jahr.
Da das nicht über Rentenbeiträge, sondern über Steuerausfälle bezahlt wird, tragen das am Ende alle Steuerzahler. Wie hoch der Betrag am Ende sein wird, das hängt von der Inanspruchnahme ab. Und davon, ob die Aktivrentner weiter Rentenbeiträge zahlen müssen und damit die Rentenkasse und den Staatshaushalt entlasten. Die Prognos AG hat im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft die Folgen untersucht. Schon jetzt arbeiten von den 4,5 Millionen Menschen zwischen 65 und 69 Jahren 750.000 Menschen, die Hälfte davon in Minijobs. Auch sie bekämen den Steuerfreibetrag, es ist ein klassischer Mitnahmeeffekt, der 1,6 Milliarden Euro kosten würde.
Auf der anderen Seite lindert jeder weitere Aktivrentner nicht nur den Fachkräftemangel, sondern zahlt je nach Einkommen auch Steuern und Sozialabgaben. Prognos errechnet daraus Mehreinnahmen von 1,3 Milliarden Euro (bei 50.000 Aktivrentnern) bis 5,2 Milliarden Euro (bei 300.000). Das Institut kommt daher zu der überraschenden Erkenntnis: „Ab einer zusätzlichen Beschäftigung von gut 72.000 Personen profitiert der Staatshaushalt von der Aktivrente.“ Dann müssten die Jüngeren mal ausnahmsweise nicht für die Rentenpläne von Schwarz-Rot zahlen.
Keine Hoffnung auf positive Überraschungen
Sie haben noch eine andere Hoffnung: Die Annahmen für die Entwicklung der Rentenfinanzen könnten zu pessimistisch sein. So wie in den vergangenen Jahren. Da blieb der Beitragssatz stabil, statt wie prognostiziert zu steigen. Das lag an stärker sinkender Arbeitslosigkeit und höherer Zuwanderung als gedacht, an mehr Frauenerwerbstätigkeit und mehr Älteren in Beschäftigung. Doch: „Es ist nicht zu erwarten, dass diese Entwicklung in dem Maß weitergeht, dass die negativen Effekte der Alterung ausgeglichen werden. Und die Arbeitslosigkeit ist derzeit immer noch niedrig und kann nicht mehr so stark sinken“, bremst Martin Werding.
Sein Fazit – und das teilen viele Ökonomen – ist daher vor allem in Bezug auf die Haltelinie niederschmetternd: „Der Konsens, dass die altersbedingten Lasten zwischen älteren und jüngeren Versicherten geteilt werden, wird aufgekündigt. Sie sollen künftig allein von den Jüngeren getragen werden. Das ist ökonomisch bedenklich und sozial unausgewogen.“
Source: faz.net