„Dann wäre für jedes mich für Trump ganz lichtvoll eine rote Linie überschritten“

Oliver Leki ist Vizepräsident in DFL und DFB. Einen WM-Boykott sieht der Funktionär aktuell nicht kommen. Bei einem Thema widerspricht er Herbert Hainer und Uli Hoeneß.

Oliver Leki ist für den deutschen Fußball gleich dreifach bedeutsam. Der 53-Jährige ist Finanzvorstand des Bundesligisten SC Freiburg, DFB-Vizepräsident sowie 1. Vizepräsident der DFL. Im Interview spricht er über die Themen, die den deutschen Fußball gerade spalten.

Frage: In drei Monaten findet die WM in den USA statt, die sich unter Präsident Trump im Krieg befinden. Befürchten Sie Störungen?

Oliver Leki: Es kann sicherlich zu Einflüssen auf die Abläufe kommen. Trotzdem freue ich mich auf die WM. Diese Freude will ich mir nicht von Trump nehmen lassen. Die zentrale Frage ist, wie man mit seinem Verhalten in den USA und geopolitisch umgeht. Ich würde momentan nicht so weit gehen, zu sagen, dass man die WM boykottieren muss. Es gibt aber definitiv rote Linien.

Frage: Was muss passieren, damit auch Sie einen Boykott unterstützen?

Leki: Hätte Trump zum Beispiel tatsächlich versucht, die Kontrolle über Grönland zu übernehmen, wäre für mich ganz klar eine rote Linie überschritten. Wenn man sich Trumps unberechenbares Verhalten anschaut, kann es auch sehr kurzfristig zu Veränderungen kommen. Wir müssen deshalb die Entwicklungen genau beobachten und die Situation gegebenenfalls neu bewerten.

Frage: Fifa-Präsident Infantino und Uefa-Boss Ceferin denken trotz des Angriffskriegs auf die Ukraine über ein Comeback russischer Mannschaften nach. Wie denken Sie darüber?

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Leki: Ich habe eine klare Position: Ich würde den Status quo in Betrachtung der geopolitischen Situation beibehalten und russische Mannschaften weiter ausschließen – so sehr ich das auch für die russischen Sportler bedauere.

Frage: Vor der Sportministerkonferenz zuletzt kritisierten die Innenminister Reul (NRW) und Schuster (Sachsen) die DFL, den DFB und die Vereine beim Thema Stadionsicherheit: Seit der Innenministerkonferenz im Dezember sei nichts passiert, auch sei die Absprache, eine unabhängige zentrale Stadionverbotskommission einzurichten, aufgeweicht worden, weil die Verantwortung weiterhin bei den Klubs liegt und eine neue „Fachaufsicht“ nur in Streitfällen eingreifen soll. Eine berechtigte Kritik?

Leki: Wenn es Klubs gibt, die mit Stadionverboten offensichtlich nicht konsequent vorgehen, ist das nicht in Ordnung. Das kann aber nicht bedeuten, dass die weit überwiegende Zahl der Vereine – dazu gehört der SC Freiburg –, die sehr konsequent handeln und, wenn nötig, Stadionverbote aussprechen, pauschal bestraft werden und sich in letzter Konsequenz von einer zentralen Stelle anweisen lassen müssen. Deshalb muss die Eingriffsschwelle einer Fachaufsicht, die ich begrüße, sehr klar und sehr hochgelegt sein. Andernfalls wäre sie am Ende eine zentrale Stadionverbotskommission durch die Hintertür. Das sind die zentralen Knackpunkte in der Diskussion mit der Politik. Ich glaube, dass man diese lösen kann – allerdings nicht mit Drohungen.

Frage: Hamburgs Innensenator Grote spricht von einem „Kipppunkt“ der Verhandlungen, Reul und Schuster drohen schon mit der Beteiligung der Klubs an den zusätzlichen Polizeikosten bei Risikospielen nach dem Bremer Beispiel. Macht Ihnen das Sorgen?

Leki: Zunächst einmal: Polizeikosten und Pyrotechnik haben nur mittelbar miteinander zu tun. Es ist schon fragwürdig, wie hier die Themen vermischt werden. Ich hoffe auf die Einsicht der Politik, dass die Beteiligung an Polizeikosten nicht die Lösung des Problems wäre. Sondern es muss weiterhin um Prävention gehen. Ich bin ein großer Verfechter der Stadionallianzen, die mit großem Erfolg zuerst in Baden-Württemberg eingeführt wurden und zu einem Rückgang der Polizei-Arbeitsstunden im Fußball geführt haben.

Frage: Ein anderes Thema, das die Kurven stark emotionalisiert: die 50+1-Investorenregel. Die DFL wartet auf die finale Einschätzung des Bundeskartellamts zu den beiden Ausnahmen Leverkusen und Wolfsburg. Wann rechnen Sie mit einem Bescheid aus Bonn?

Leki: Ich stelle mich auf eine endgültige Einschätzung Mitte des Jahres ein.

Frage: Die Mutterkonzerne Bayer AG und VW AG drohen mit Klage, wenn die Ausnahmen ihrer Tochtergesellschaften nach einer Übergangszeit per DFL-Satzungsänderung gestrichen werden würden. Fürchten Sie, dass am Ende 50+1 vor Gericht fällt?

Leki: Jedem der Beteiligten muss klar sein, dass das Thema 50+1 eine große Sprengkraft für Fußball-Deutschland hat. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass auch den beiden Mutterkonzernen, die ihre Wurzeln in Deutschland haben, bewusst ist, welche Verantwortung sie bei diesem Thema tragen.

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Frage: Bayern-Präsident Hainer und Aufsichtsrat Hoeneß fordern die Abschaffung von 50+1, weil die Regel verhindert, dass externe Investoren die Mehrheit der Stimmrechte übernehmen können und dadurch mehr Wettbewerb und Spannung in der Liga verhindert werden. Was antworten Sie ihnen?

Leki: Ich schätze sowohl Herbert Hainer als auch Uli Hoeneß. Zu glauben, dass der Wegfall von 50+1 zu mehr Wettbewerb im Kampf um die Meisterschaft und die Europacup-Plätze führen würde, halte ich aber für eine Fehleinschätzung. Das große Tabellenbild würde sich bis auf die ein oder andere Ausnahme überhaupt nicht verändern. Klubs, die heute schon eine starke Position haben und interessant für externe Investoren wären, würden auch in diesem Prozess die besten Abschlüsse tätigen. Am Ende würde nur deutlich mehr Geld ins System fließen.

Frage: Was schlagen Sie vor, um für einen spannenderen Wettbewerb zu sorgen?

Leki: Ein wirkungsvoller Ansatz wäre, die astronomischen Summen, die aus der Champions-League-Vermarktung von der Uefa eingenommen werden, ausgewogener an die Starter in der Europa League und Conference League zu verteilen. Auch die zehn Millionen Euro Solidaritätszahlung pro Saison an die Bundesliga-Vereine, die nicht am Europacup teilnehmen beziehungsweise aktuell in die 2. Liga fließen, sind viel zu gering.

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Frage: Die Uefa schüttet in der laufenden Saison 2,5 Milliarden Euro an die 36 Klubs in der Champions League aus – weit mehr als an die Europa League (565 Mio.) und Conference League (285 Mio.) zusammen.

Leki: Das Charmante einer Umverteilung wäre, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Topklubs nicht geschwächt würde, weil auch die Topklubs der anderen großen Ligen in gleicher Weise auf Geld verzichten müssten. Ich habe daher die Erwartung an unsere Vertreter bei der Uefa und in der Klubvereinigung EFC, dass sie sich dafür einsetzen. Sonst braucht mir keiner mehr etwas von mehr Spannung in der Liga zu erzählen. Und wir müssten auch nicht alle vier Jahre einen Stellvertreterkrieg um den nächsten Verteilerschlüssel der nationalen TV-Einnahmen führen. Dieser ist nämlich ganz in Ordnung.

Dieses Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) geführt und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.

Source: welt.de