„Dänemark-Krimi“: Zehn Kilo Seezunge, Bittgesuch

Die Klimaveränderung macht auch vor der Nordsee nicht halt. Weiß man, kann aber nicht oft genug erwähnt werden. Zum Beispiel vom Wattführer, der seiner Gruppe erklärt: „1986 wurde vor der Küste von Sylt zum ersten Mal die Pazifische Auster angesiedelt. Niemand hat damit gerechnet, dass sie sich in der Nordsee so wohl fühlen würde. Sie benötigt mindestens 22 Grad, um sich zu verbreiten. Aber sie hat sich vermehrt. Bedingt durch den Klimawandel und die Erwärmung der Meere.“ Erstauntes Publikum, man reicht ein aufgelesenes Exemplar herum, lacht, macht Fotos. Wieder was gelernt.
So pirscht sich der von Florian Schott inszenierte „Dänemark-Krimi: Die Tote in den Dünen“ an den Zuschauer heran. Nun sagen die Einen, Krimis sollten eine gute Dramaturgie haben und Vergnügen bereiten. Die anderen sagen, Krimis seien moralische Anstalten und müssten sich um gesellschaftliche Probleme drehen. Und dann gibt es die, die sagen, man könne doch beides miteinander verbinden. Schott und sein Drehbuchautor Timo Berndt probieren Letzteres, ein bisschen Entertainment, ein bisschen Fortbildung. Uns wird zum Beispiel auch gezeigt, wie man mit einer autistischen Jugendlichen am besten spricht. Und was Leute verdienen, die benachteiligte Menschen demütigen – soziale Ächtung, beruflichen Abstieg.
Affären, Gier und Geldgeschichten
Gut, das nennt man poetische Gerechtigkeit, aber warum sehnt man sich auf beschämende Weise nach RTL-Formaten oder Dauerwerbesendungen, wenn man sich so einen öffentlich-rechtlichen Pädagogik-Lehrgang anschaut? Könnte es sein, dass die besten Krimis doch vor allem unterhalten und nicht unterrichten? Der Plot jedenfalls ist zunächst einmal generisch: Die Polizistin Ida Sörensen (Marlene Morreis) entdeckt eine Frauenleiche in Strandnähe, dann wird sie von hinten niedergeschlagen. Die Tote war die Ehefrau der Gastronomin und Food-Influencerin Airin Falk (Alice Dwyer). Deren Bruder Poul (Rafael Stachowiak) ist der Klimawandelfolgenerklärer, siehe oben, und führt die Geschäfte im Restaurant. Die junge Küchenhilfe Hanne Ludvigson (Lale Andrä) scheint manches zu wissen, deren Eltern Mads (Stefan Rudolf) und Lykke (Tina Amon Amonsen) sind allerdings gegen eine Polizeibefragung.
Sörensen, ihr Kollege Magnus Vinter (Nicki von Tempelhoff) und Kommissarin Frida Olsen (Katharina Heyer) starten eine Ermittlung und stoßen auf Dinge, auf die man im Krimi so stößt: Affären, Gier und Geldgeschichten. Hinzu kommen reichlich Kulinarik („Ich nehme zehn Kilo von der Seezunge“) und hübsche Gegenden. Der Film ist hier nicht zuletzt Reiseführer, wobei fine dining mit Dekadenz, Charakterlosigkeit, Sittenverfall und Zerwürfnissen in Verbindung gebracht wird.
Man blickt als potentieller Tourist auf Milieus und Gepflogenheiten
Das lässt man sich gerne gefallen, weil Schlemmerei im Krimi sonst – siehe etwa Jean-Luc Bannalecs Bretagne-Bücher – gerne ein reiner Savoir-vivre-Bonus ist. Anderswo als daheim, so die Botschaft seiner Storys, sind Speisen leckerer und Verbrechen schöner. Von der Landschaft ganz zu schweigen. Das wiederum gilt auch für den „Dänemark-Krimi“, dessen Bilder (Kamera Felix Poplawsky) an Reklameslogans wie „Friesisch herb“ denken lassen.
Der Film ist von Deutschen für Deutsche, man blickt in erster Linie als potentieller Tourist auf Milieus und Gepflogenheiten. Der Mord wird fast zur Nebensache, weil man sich mithilfe der präsentierten Klischees urlaubsreif schaut und ohnehin nur das zu sehen kriegt, was man irgendwie schon zu kennen glaubt. Unvertraut klingende Namen bilden hier das Maximum an dargebotener Fremde. Die Figuren könnten einem so auch in Regionalkrimis über den Weg laufen, die in Bückeburg, Rheda-Wiedenbrück oder Würselen spielen.
Die von Schott gewählte Inszenierungsdevise lautet nicht „show, don’t tell“, sondern immer wieder „tell and show“. Vinter: „Da Hanne Schwierigkeiten hat, das Verhalten anderer zu verstehen, zeigt sie eine hohe Sensibilität für Reize, die zu Stress und Wutausbrüchen führen können.“ Anschließend sehen wir, wie Hanne Tische im Restaurant deckt, Poul spricht sie an, berührt sie an der Schulter, Hanne schreit, sagt: „Ich muss die Tische decken, ich muss die Tische decken.“ Das will ästhetische Feinkost sein, ist aber Einheitsbrei.
Der Dänemark-Krimi: Die Tote in den Dünen läuft in der ARD-Mediathek und an diesem Donnerstag um 20.15 Uhr im Ersten.
Source: faz.net