Da stimmt welches nicht: Falsches Zitat im Sloterdijk-Buch?
Er ist seit 1983 im Geschäft, aber im Buchhandel bürgt der kontinuierliche Ausstoß von Peter Sloterdijk immer noch dafür, dass der Begriff der Novität einen emphatischen Sinn transportiert. New Sloterdijk just dropped: Wenn dieser Auslieferbescheid ergeht, schlägt in den Auslagen von Indie-Läden wie Bahnhofsbuchhandlungen berechenbar Frappantes ein, sodass die perfekte Druckwelle die schwankende Weltkugel aus der Linkskurve trägt und Peter Hahnes Alarmfibeln in apokalyptischer Reihe umfallen wie Dominosteine beim Weltrekord. Angesichts der konsequent maximierten Neuigkeitswertschöpfung wirkt ein altmodischer Zug von Sloterdijks Büchern geradezu rührend: Sie haben noch Fußnoten.
Während auch Wissenschaftsverlage den gelehrten Apparat heute am liebsten ans Buchende schieben oder gleich in einen Online-Anhang ungewisser Haltbarkeit auslagern, kann Sloterdijk bei Suhrkamp wohl mit einem sanften Schnäuzerzittern erzwingen, dass man bei ihm das Kleingedruckte am Seitenfuß stehen lässt. Gerade weil er mehr als genug Phantastisches bietet, mag ihm an den Nachweisen gelegen sein, dass er sich nicht alles selbst ausdenkt, an Autoritätsargumenten, die einer wie er doch nicht nötig hat. So steht auf Seite 181 seines jüngsten Klappenbroschurbandes „Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“ unter dem Satz „Wie die fortgeschrittene Telemalignität sich mit einer neuartigen Tele-Indifferenz verbindet, zeigte sich in Wernher von Brauns Antwort auf die Frage, wo denn seine Raketen herunterkommen, nachdem sie gestartet wurden: ‚That’s not my department‘“ die Fußnote Nr. 147: „Zit. n. ibid., S. 149.“

Ibidem, ebendort, das verweist auf die vorangehende Anmerkung: „Alfred Crosby, Throwing Fire. Projectile Technology through History, Cambridge 2010.“ Der Nachweis ist korrekt, trotzdem stimmt etwas nicht, das der Jurist Tom Braegelmann entdeckt hat. Nicht Wernher von Braun gab die zitierte Antwort, sondern der am 26. Juli letzten Jahres verstorbene Kabarettist Tom Lehrer in seinem berühmten, hart deutsch akzentuierten Lied in der Rolle des Wernher von Braun.
Ändert das aber etwas am Gewicht des Arguments von der Gleichgültigkeit der Denker gegenüber den Fernwirkungen ihrer Erfindungen, das ohnehin längst nicht so originell ist wie die Tele-Neologismen? Sloterdijk mag zu heikel in seiner geistigen Nahrung sein, wenn er Lehrer nicht kennt. Aber man weiß, dass er keine Raketenwissenschaft treibt. Er darf sich Indifferenz erlauben, was die Urheberrechte an dem Bildungsschrott betrifft, aus dem er sich seine Gedankensplitterbomben bastelt. Runter kommen sie immer.
Source: faz.net