Crashkurs verbleibend die segensreiche Wirkung von Mikroabenteuern
Ein Abend ohne Plan, eine Nacht draußen, ein spontaner Aufbruch im Morgengrauen: Mikroabenteuer holen das Ungewisse zurück in den Alltag. Kleine Risiken, große Wirkung – und plötzlich dehnt sich Zeit wieder, statt einfach zu vergehen.
Könnte sein, dass in naher Zukunft ein Mann mit Ukulele in einer Hamburger Einkaufsstraße steht. Er wird auf eine Weise in die Saiten greifen und dazu singen, dass sofort klar ist, dass hier kein versierter Musiker aufspielt. Sein Name ist Christo Foerster. Die Mission des Hamburgers: regelmäßig etwas machen, was er noch nie gemacht hat. So ist es zum Beispiel gar nicht lange her, dass er im Klövensteen, einem Waldgebiet im Stadtteil Altona, 24 Stunden lang auf einer Eiche zugebracht hat. In drei Metern Höhe. Gesichert, in einer Hängematte und ohne ein einziges Mal hinabzuklettern. Eine weitere Idee für diesen Frühling: Er möchte den Sonnenaufgang an der Ostsee erleben. Das Ziel steht schon fest, er will nach Travemünde. Er weiß nur noch nicht, ob er mit dem Rad hinfährt oder zu Fuß geht.
Foerster, 48, verheiratet, zwei Kinder, ist Abenteurer – mit einer Spezialisierung auf „Mikroabenteuer“. Der Begriff geht auf den Briten Alastair Humphreys zurück, seines Zeichens ebenfalls Abenteurer. 2014 veröffentlichte Humphreys das Buch „Microadventures“. Die Botschaft: Mikroabenteuer warten vor der eigenen Haustür. Sie sind günstig, unkompliziert und kurz. Sie holen einen heraus aus der Komfortzone und bringen Energie ins Leben. Adieu Langstreckenflüge und die Illusion, ein Abenteuer sei etwas, das Zeit und Geld kostet. Christo Foerster hat den Begriff in den deutschen Sprachraum gleichsam importiert und hierzulande populär gemacht. Inzwischen hat er drei Bücher zu dem Thema herausgebracht. Er hält Vorträge und macht wöchentlich einen Podcast mit dem Titel: „Frei raus“; knapp 400 Folgen hat er schon produziert.
Kleine Abenteuer helfen, „sich rauszuziehen aus dem Wahnsinn des Alltags“, sagt er. Was ein Abenteuer zu einem Abenteuer macht? Der Trick sei, „sich in eine Ungewissheit zu begeben. Das sind die Räume, in denen wir uns entwickeln.“ Ein Restrisiko muss da sein, sonst könnte man ja auch gleich zu Hause im „safe space“ bleiben, Krimis gucken und das Erleben von etwas Spannendem an Schauspieler delegieren, die allerdings auch nur so tun als ob.
Ziel ist es, den Routinen zu entkommen. Die sind nach Psychologenmeinung wichtig, um halbwegs stressfrei durch den Tag zu kommen. Es sind Beharrungskräfte, die unser Sicherheitsbedürfnis befriedigen. Und wie das so ist mit der Sicherheit: Sie beruhigt. Doch zu viel davon kann Angst erzeugen – vor der Unsicherheit. Besser also, man übt sich im Aushalten kleiner Ungewissheiten. Im Übrigen: Wer jeden Tag auf ähnliche Weise verbringt, bekommt schnell das Gefühl: Au weia, die Zeit rast, das Leben huscht an mir vorbei.
Mikroabenteuern wohnt die Kraft inne, die Zeit zu dehnen. Foerster empfiehlt zum Einstieg, eine Nacht draußen zu verbringen. Ohne Zelt. Wildes Campen ist in Deutschland weitgehend verboten. Ohne Zelt draußen zu schlafen, das ist jedoch okay. Ein anderer Auftakt könnte sein, einfach mal zu Fuß zur Arbeit gehen, auch wenn es zwei Stunden dauert. Oder: Kochen unter freiem Himmel, mit Gaskocher oder am offenen Feuer, und dann zum Dinner einladen. Auch darin liegt ein Abenteuer: Bei Sonnenaufgang das Haus verlassen und bis Sonnenuntergang wandern, ohne vorher zu wissen, wohin. Bei jeder Weggabelung lässt man einen Würfel entscheiden.
Um 16 Uhr stieg er aufs Rad und strampelte durch die Nacht
Foerster entdeckte die Welt des Mikroabenteuertums vor zehn Jahren. Damals rief ihn ein Berliner Freund an, und plötzlich hörte er sich sagen: „Lass uns morgen am Brandenburger Tor frühstücken. Ich komme mit dem Rad.“ Ein Anfall von Abenteuerlust sei das gewesen, von Sehnsucht, dem Alltagstrott zu entfliehen – „einen Knoten zu lösen“. Mit größeren Abenteuern kannte er sich aus, hatte viel Zeit in Neuseeland und Südamerika verbracht. Jetzt ging es um etwas anderes, um etwas Alltägliches, Spontanes. Um 16 Uhr stieg der Mann, der Sport studiert hatte und körperlich fit war, jedoch nie daran gedacht hatte, von jetzt auf gleich stundenlang zu radeln, in Hamburg aufs Rad und strampelte durch die Nacht. 324 Kilometer. Häufig an der Elbe entlang. Über ihm Wildgänse. Störche. In den Häusern schliefen die Menschen. Er fuhr und fuhr. „Als die Sonne aufging, kam die Müdigkeit.“ Was ihn antrieb? „Euphorie. Stolz. Der Kick, mir zu sagen: Ich schaffe das.“
Die Freunde frühstückten am Brandenburger Tor. Dann bestieg Foerster den Zug Richtung Heimat. Um 16 Uhr war er wieder zu Hause, todmüde und um folgende Erkenntnis reicher: „Für ein Abenteuer muss ich auf nichts warten. Nicht auf Geld, nicht auf Urlaub. Das war ein Schlüsselerlebnis.“ Gäbe es Mikroabenteuer in der Apotheke zu kaufen, auf der Packungsbeilage könnte stehen: das Mittel der Wahl, um gewohnte Verhaltensmuster zu durchbrechen und Selbstvertrauen zu tanken. Mögliche Nebenwirkung: kann süchtig machen. Der Fachausdruck in diesem Zusammenhang heißt „Sensation Seeking“.
Gemeint ist das Bedürfnis, wieder und wieder neue, intensive Erlebnisse zu haben. Dem Reiz, die Abenteuerdosis kontinuierlich zu erhöhen, gelte es zu widerstehen. Andernfalls, so Foerster, katapultiert man sich in die Sphäre der Makroabenteuer hinein, die Zeit und Geld verschlingen. Um dies zu verhindern, hörte er irgendwann auf, immer wieder neue Mini-Abenteuer vor der Haustür zu suchen, und sattelte um auf kleine Herausforderungen. Wie die Sache mit der Ukulele, mit der er sich demnächst in eine Einkaufsstraße stellen möchte.
„Auf Weltreise durch die eigene Stadt“
Wer es einfacher mag, sich beim Mikroabenteuer lieber an die Hand nehmen lässt, der findet Unterstützung bei Reiseexperten wie Thomas Bönig, der in Köln die Agentur „Kulturklüngel“ betreibt. Sein Slogan: „Auf Weltreise durch die eigene Stadt“. Er organisiert Touren beispielsweise durch den orientalischen Teil von Düsseldorf, inklusive Essen und vielen persönlichen Begegnungen mit Menschen vor Ort. Den Alltag auf diese Weise hinter sich zu lassen, schaffe „Platz für neue Gedanken“, sagt Bönig, „aber auch Raum für alte Erinnerungen und Themen, die noch verarbeitet werden sollten“. Bedauerlich sei, dass viele Teilnehmer ihr Telefon immer dabei haben – „und durch Telefonate und Nachrichten daran gehindert werden, sich auf die neue Situation und die neue Freiheit einzulassen.“
Das Handy einfach mal zu ignorieren – für viele könnte das ein großes, aber effektives Wagnis sein beim Versuch, ein schnelles Abenteuer zu erleben. Ein erster, sicher nicht einfacher erster Schritt. Er sollte zu schaffen sein. Als Nächstes dann mit der Ukulele auf die Straße? Zur Not tut’s auch eine Blockflöte.
Source: welt.de