Cornelia Poletto Palazzo: Poetische Dinner-Show zum zehnjährigen Jubiläum

Mit der Gala zum Auftakt der Saison feiert der Palazzo im nostalgischen Spiegelzeit in Hamburg zugleich seinen zehnten Geburtstag. In der Waidmannstraße überzeugen eine Live-Band und elf Artisten mit der neuen Show zum Vier-Gänge-Menü der Spitzenköchin Poletto. Neben akrobatischen Spitzenleistungen zu Land und in der Luft punktet der Abend mit Humor und Menschlichkeit.

Auf der Bühne steht Zane Jarvie im weißen Hemd und einer schwarzen Hose, die durch einen Hosenträger gehalten wird. Den Kopf hat er leicht in den Nacken gelegt, denn auf seiner Stirn balanciert er auf einem bleistiftdünnen, etwa halben Meter hohen Stab ein Martiniglas. Und während er es balanciert, versucht er ein ums andere Mail, eine Olive auf einem Zahnstocher mit der Hand in die Höhe zu werfen und sie anschließend durch geschicktes in die Knie gehen mit dem Glas zu fangen, kurzum, auf eine etwas umständliche Art einen Dirty Martini zu mixen. Zane wirft – und die Olive verfehlt ein ums andere Mal den Kelch. Sie wird dirty. Was Imogen Stone nicht davon abhält, sie aufzuheben, „Mmmmhhh, Olive“ zu rufen und sie zu verspeisen. Jedes Mal.

Warum einfach, wenn‘s auch kompliziert geht?

Zanes Bruder Degge steht nach den ersten beiden erfolglosen Versuchen mit einem XXXL-Glas voller Oliven neben Imogen, damit er nicht immer hinter den Vorhang laufen muss, um eine neue Olive zu holen – bis Zane es schließlich, beim sechsten Versuch hinbekommt, was neben heftigem Applaus wilde Spekulationen im Publikum auslöst. Kann er es wirklich nicht besser? Oder war das alles Absicht? Wer weiß. Das clowneske Prinzip jedenfalls, simple Dinge möglichst umständlich zu bewerkstelligen, ist neben Zane auch seinen beiden Partnern in Fleisch und Blut übergegangen. So verrenkt sich Imogen nicht nur beim Streichholz-Anzünden, sondern auch, wenn es gilt, Wein in Gläser zu gießen. Und Degge ist beim Versuch, einen kleinen Knaller vom Silvester-Tischfeuerwerk sachgerecht zu zünden, unermüdlich.

Die Brüder Zane und Degge Jarvie bilden gemeinsam mit der befreundeten Artistin Imogen Stone das neuseeländische Zirkustrio Laser Kiwi. Benannt haben die drei so spielerischen wie humorvollen Artisten sich nach einem spektakulären Flaggenentwurf der Designerin Lucy Grey für eine neue neuseeländische Nationalflagge von 2015. Sie zeigt den putzigen Nationalvogel des Landes, der aus seinem linken Auge einen grünen Laserstrahl abfeuert. Und da die Neuseeländer sich selbst gern als Kiwis bezeichnen und der Entwurf sich in einem Referendum 2016 nicht gegen die traditionelle Flagge durchsetzen konnte, flattert er seither rastlos durch die sozialen Medien. Da lag es nah, ein Artistentrio danach zu benennen.

Prominente Gäste zum köstlichen Vier-Gänge-Menü

Laser Kiwi sind mit ihrem anarchischen Humor der Dreh- und Angelpunkt des diesjährigen Programms im Cornelia Poletto Palazzo im Spiegelpalast in der Altonaer Waidmannstraße (der Weg wird weiter unten genauer beschrieben), das insgesamt elf Artisten umfasst, die sich sehen lassen können. Hören lassen kann sich die Live-Band Boomraiders mit Sängerin Katharina Münz die mit internationalen und deutschen Hits die Dinner-Party untermalt – vom Start mit „Come together“ von den Beatles bis zum Abschluss mit Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“.

Am Donnerstag feierte der Cornelia Poletto Palazzo mit der Gala zum Auftakt der Saison zugleich seinen 10. Geburtstag in Hamburg. Prominente Gäste aus Showbusiness, darunter Liedermacher Rolf Zuckowski und Rote-Rosen-Star Maria Fuchs sowie Wirtschaft wie Manager Rüdiger Grube oder die Brüder Gerrit und Frederik Braun (Miniatur-Wunderland) genossen das stimmige Vier-Gänge-Menü der Spitzenköchin Cornelia Poletto. Auf die Vorspeise mit Roter Beete folgten ein raffiniert zubereiteter Lachs in einer leckeren Kürbiscremesuppe, eine zarte, lackierte Entenbrust mit gebackenem Safran-Arancino und weiteren Zutaten sowie ein dunkles Schokotörtchen-Dessert.

Herr der Ringe trifft Blätterteigpastete

Lediglich die Schokotörtchen waren mit Vorsicht zu genießen, staubtrocken sprangen sie schon mal einen halben Meter über den Tisch, machte ein Gast den Versuch, sie mit der Gabel oder dem Löffel zu zerteilen, ohne das Messer zu bemühen. Im vegetarischen Menü wird der Lachs durch pflanzliche Canneloni ersetzt, die Ente durch lackierten Knollensellerie. Vorspeise und Dessert sind identisch. Die Getränkekarte wusste mit einem weichen Merlot und einem gefälligen Grauburgunder zu überzeugen.

So wurde der Abend mit den Darbietungen von Spitzenartisten wie dem Hula-Hoop-Künstler Igor Boutorine, der sich als virtuoser Herr der Ringe entpuppte, zu einem Ausflug in ein poetisches „Hier & Jetzt“ im nostalgischen Spiegelzelt, das anmutete, wie eine kleine Flucht in ein kindlich verspieltes Paralleluniversum, in dem es keine Ängste und Sorgen gibt, die den Alltag noch anstrengender machen, als er ohnehin schon ist. Das kanadisch-amerikanische Damen-Duo Vol au Vent („Im Wind fliegen“, der Ausdruck bezeichnet eine Blätterteigpastete) mit Clara und Lily unterhielt mit gestreckten Salti und ähnlich schönen Kunststücken vom koreanischen Schleuderbrett. Der Equilibrist Mukhamadi ist Tadschike und steht mit einem Arm kopfüber auf einem Stapel Backsteine, wie andere mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

Schwerkraft des Alltags professionell relativiert

Das Duo Moh schließlich entzückt mit Ikarischen Spielen, bei denen der eine Künstler auf dem Rücken liegt und den anderen mit seinen Beinen zu seinem Spielball macht, der längs und quer durch die Luft geschleudert wird, bis er aus dem Flug landet – etwa im Stand auf den Fußsohlen des anderen. Noch höher hinaus zieht es an diesem Abend im „Hier & Jetzt“ die Kanadierin Madeline Haugen, die am chinesischen Mast elegant schwebt und die, wenn sie stürzt, kontrolliert ästhetisch fällt. Seraphim Richter wiederum, deutscher Strapatenkünstler, lässt völlig vergessen, wieviele Strapazen beim Training in den Strapaten stecken und dass gewöhnliche Sterbliche der Schwerkraft deutlich stärker ausgesetzt sind.

Rund dreieinhalb Stunden dauert die höchst gelungene, neue Show von Remi Martin Lenz und Lena Gutschank (Regie), Chris Német (Musikalische Leitung) sowie Dima Lavrynenko (Choreografie) und Hermine Seifert (Kostümbild). Sie stellt neben dem artistischen Können die Menschlichkeit und den Humor in den Mittelpunkt und punktet nebenbei mit kurzen, flüchtigen Momenten der Interaktion zwischen den Künstlern, aber auch zwischen Künstlern und Publikum. Da kann es schon mal passieren, dass die Jungs von Laser Kiwi in Engelskostümen am Tisch vorbeiflattern und ein Rosenblatt werfen oder dass eine Artistin über den Kerzen ein Marshmallow röstet.

Ein Wegweiser zum Abschluss

Der Weg zum Cornelia Poletto Palazzo ist diesmal noch ein wenig schwieriger zu finden, als im vergangenen Jahr, steht das Spiegelzeit doch ein paar Meter weiter auf dem Gelände des Gewerbegebiets in der Waidmannstraße. Zudem ist die Beschilderung ausbaufähig, ganz gleich, ob man zu Fuß vom S-Bahnhofs Diebsteich oder mit dem Auto kommt. Wer aber weiß, dass der Eingang zum Parkplatz an der Ecke Große Bahnstraße/ Waidmannstraße liegt, der findet seinen Weg, denn der Eingang für die Automobile ist zugleich der Eingang für die Fußgänger.

Cornelia Poletto Palazzo im Spiegelzelt, bis 8. März 2026, Waidmannstraße, Altona

Source: welt.de