Comic zum Thema Fleisch: Vegetarische Verlustanzeige
Die Edition Moderne, ein Comic-Verlag aus Zürich, den man als Wegbereiter für die Comic-Avantgarde im deutschsprachigen Raum ansehen darf (sie steuert auf ein halbes Jahrhundert Publikationsgeschichte zu), hat in jüngerer Zeit ihr Profil noch einmal geschärft. Zwar wird immer noch das zuverlässigste Geld mit Kalendern und Nachdrucken von Cartoons des bereits 2009 gestorbenen Zeichners Mike Van Audenhove gemacht (die Backlist mit den Titeln von Jacques Tardi ist leider weniger einträglich). Aber seit dem Wechsel in der Verlagsleitung, die der Gründer David Basler 2019 niedergelegt hatte, erwirbt sich die Edition Moderne nun auch Meriten mit ihrer ungewöhnlichen Buchgestaltung: Die jungen Verlegerinnen Marie-France Lombardo und Julia Marti (Letztere betreut die Herstellung) machen damit geradezu Epoche und finden großen Anklang vor allem bei jungen Comic-Schaffenden.
Mit einem Wort: Es ist schick, von der Edition Moderne verlegt zu werden, und es ist auch im guten Sinne plakativ, denn die Bücher des Hauses zeichnen sich durch knalliges Auftreten aus. Das wäre alles egal, wenn nicht auch meist knallige Geschichten drinsteckten, und gerade sind zwei Neuerscheinungen am Start, die zum Besten gehören, was derzeit an Comics aus dem deutschen Sprachraum zu lesen ist. Beide kommen in Signalrot daher, was jeweils seinen guten inhaltlichen Grund hat: In beiden kochen die Emotionen hoch. Ihnen wird mein Blog in dieser und der nächsten Woche gewidmet sein, und die Reihenfolge dabei soll keine Hierarchie widerspiegeln, sondern trägt allein der bedauerlichen Tatsache Rechnung, dass einer der zwei Comics deutlich verspätet in die Läden kommen wird: eben erst nächste Woche. Dabei warte ich schon Wochen darauf, ihn endlich würdigen zu können. Doch zum Auftakt meines zweistrophigen Loblieds auf die Edition Moderne geht es um einen Band, der seinen Weg an die Öffentlichkeit schon erfolgreich gemacht hat: um Martin Oeschs „Fleischeslust“.

Wer ein wirklich gutes Gedächtnis hat, wird sich erinnern, dass davon hier schon einmal kurz die Rede war, denn in der neuesten Ausgabe des queeren Literaturmagazins „Glitter“ war Oesch mit einer Kurzgeschichte vertreten, allerdings unter Pseudonym. „Fleischeslust“ ist alles andere als kurz: zweihundert pralle Seiten, aber das Thema gibt auch einiges her. Und es ist geeignet, so könnte man meinen, mancher zeitgeistig geprägten Comic-Autorenpersönlichkeit die Edition Moderne unheimlich zu machen, denn es geht darin ums Metzgerhandwerk.
Warum man Fleisch nicht ansehen darf, woher es stammt
Das hat Martin Oesch selbst einmal betrieben, und diese Vertrautheit merkt man der Geschichte an. Ihr Protagonist, der seit gut vierzig Jahren als Metzger in einer Schweizer Kleinstadt aktive Erwin Merz, ist ein Fleischhandwerker der alten Schule. Da wird noch selbst gewurstet, wenn auch nicht mehr selbst getötet. Merz ist Kunde im nahen Schlachthof, wo aber kaum mehr andere Teile als Filetstücke (durchaus buchstäblich verstanden) angeboten werden, weil die Kundschaft für die ihr dubios erscheinenden Bestandteile des Schlachtviehs nichts mehr übrig hat: keine Innereien (bis auf den Naturdarm als Wurstpelle, aber das merkt ja niemand), keine Beinscheiben, Markknochen, Zungen, Hirne oder Sonstiges, dem man die Herkunft vom Lebewesen zu deutlich ansieht. Je abstrakter Fleisch wirkt, desto besser.

Bei Oesch ist Fleisch dagegen konkret, gerade wenn es mit Metzger Merz in den Schlachthof geht. Gut, gegen Rainer Werner Fassbinders entsprechende Szenen in seinem Spielfilm „In einem Jahr mit 13 Monden“ ist das nichts – Fassbinder hatte damals in einem Frankfurter Schlachthaus gedreht, und kein Splatterfilm der Welt dürfte größere Blutmengen verspritzt und ein größeres Publikum verstört haben. Comic als Erzählform hat den Vorzug suggerierter Sublimation, ohne dass dadurch etwas visuell unterdrückt würde. Da sind herabhängende Tierhälften, aber gezeichnet sehen sie nicht so grausig aus wie fotografiert. Und außerdem ist Erwin Merz ein herzensguter Mann.
Hier geht es nicht um Appetitliches
In dessen Ehe es allerdings nicht mehr zum Besten steht. Nachts treiben ihn Albträume um (von Oesch schön in Schwarz-Weiß oder monochrom eingefärbt dargestellt, denn es sind einfach decodierbare Strukturen, in denen der Metzger träumt: er selbst als Schlachttier oder im Angesicht all derer, die für ihn und seine Kundschaft gestorben sind). Dazu ist alles Geträumte ansexualisiert. Erwin sieht sich darin meist in Unterwäsche, aber tatsächlich läuft mit seiner Frau Margrit nach langer Ehe nicht mehr viel. Der Titel des Comics ist also durchaus doppeldeutig, und man kann nicht behaupten, dass das zweite Fleischesfeld appetitlicher wäre als das erste.

Dafür ist das eine so offenherzig und ohne Scheuklappen erzählt wie das andere. Oeschs Figuren sind beredte Repräsentanten eines vielbeschwiegenen Themas: fleischliche Genüsse. Da ist einmal der kriselnde Markt für Metzgereien, und das nicht nur der Vegetarier oder gar Veganer wegen, sondern mehr noch weil die Fleischesser sich preisbewusst und herkunftsunbewusst in Supermärkten und Dönerbuden versorgen lassen, während eine nachhaltige Tiernutzung zwar allseitig gewünscht, aber nirgendwo konsequent gefördert wird: zu teuer und eben auch zu konkret. Und genauso ist in unserer Ära allgegenwärtiger erotischer, wenn nicht pornographischer Verfügbarkeit Alterssexualität immer noch tabuisiert; gerade jüngere Menschen halten sie für genauso eklig wie das Fleischessen.
Optikfiliale in der Fleischerei? Nur über die Leiche des Metzgers!
Oesch macht beides in seinem Comic nicht schöner, aber seine Geschichte ist ein Plädoyer gegen wohlfeile Aburteilung und Überlegenheitsgefühle. Sein Metzgerpaar führt einen einsamen Kampf gegen die Zeitläufte: gegen den Verfall des eigenen Metiers und der eigenen Libido, und in diesem Kampf agieren beide heldenhaft. Einmal, weil Herr und Frau Merz sich ihre handwerklichen Wertvorstellungen nicht abhandeln lassen – Erwin verwehrt einem potentiellen Käufer seiner Metzgerei den Geschäftsabschluss, weil der nicht den Betrieb fortführen, sondern ein Optikfachgeschäft in der Immobilie einrichten will –, und dann weil sie am Schluss eine neue lustvolle Art des Umgangs miteinander finden. Es ist ein Happy Ending, das Oesch seinem Paar und uns beschert. Obwohl eine treue Kundin der Metzgerei Merz das anders sieht.

Ob jedoch die politisch und gewiss auch lebensweltlich engagierte Klientel der Edition Moderne einen solchen Comic zu schätzen weiß? Man darf gespannt sein und den beiden Verlegerinnen gratulieren zum Mut, die Toleranz ihres Publikums auf die Probe zu stellen. „Fleischeslust“ abzulehnen, hätte den Verzicht auf eine brillante Arbeit bedeutet, und wäre der Comic nicht hier erschienen, hätte er mutmaßlich nicht halb so gut ausgesehen. Wobei „gut“ hier „passend“ meint, denn schon der blutrote Titelschriftzug auf schweinchenrosa gedrucktem Grund dürfte allen als gültig erachteten Gesetzen „guter“ Buchgestaltung erst einmal widersprechen. Doch dieses Buch will provozieren, und es macht von Beginn an klar, dass man sich bei der Lektüre aus seinen Konsumkomfortzonen verabschiedet. Obwohl der bärbeißige Erwin ein so sympathischer Herr ist.
Differenzierung statt Denunziation
Auch weil er selbst zweifelt. Das ist kein blutrünstiger Sadist am Hauklotz in der Metzgerstube, sondern ein reflektierter Vertreter seines Fachs, der eine enge Freundschaft zum Biobauern außerhalb der Stadt pflegt und die eigene Kundschaft bisweilen skeptischer sieht als die wachsende Zahl von Vegetariern. Deren Essensverhaltensänderung bedeutet für die Metzgerei Merz einen Verlust, aber der Niedergang verdankt sich ebenso sehr der wählerischen Haltung der Fleischkonsumenten. Bigotterie nimmt Erwin allerorten wahr, und da hat Oesch einen Punkt bei seinem illusionslosen Blick auf die jeweils lautstarken Vertreter einerseits eines Menschenrechts auf Fleischverzehr und andererseits der Verachtung aller Fleischesser. Im Nachwort kommt Marlene Halter zu Wort, eine bekannte Metzgerin aus Zürich, die sich für bewussten Fleischgenuss einsetzt. In Oeschs Comic wird nicht denunziert, sondern differenziert.

Noch haben wir kaum etwas zur Ästhetik dieses Buchs gesagt (mit Ausnahme der Titelbildtypographie). Oeschs Bilder sind scheinnaiv, wozu die küchenschürzenartigen Farben das Ihre beitragen. Ganz und gar nicht naiv ist dagegen die Seitenarchitektur: Da hat jemand erkennbar von Brecht Evens gelernt, und was soll man Besseres sagen, wenn es um originelle Gestaltung geht. Auf einer Doppelseite mit dem Interieur des Metzgerladens bewegen sich Erwin und Margrit gleich mehrfach als Figuren durch die Szenerie, und wie Oesch das Landleben von Erwins Biobauern-Freund durch strahlende Farben von der eher gedeckten Palette des Stadtlebens absetzt, ist zwar klischeegerecht, aber das macht es nicht weniger effektiv und attraktiv.
Und kommende Woche an dieser Stelle? Wird es da ähnlich drastisch? O ja, wenn auch ganz anders, nämlich psychologisch-metaphorisch. Aber auch dann wird es wieder um eine heilige Kuh unserer Gesellschaft gehen. Dass sich die Edition Moderne mit ihren wunderschönen Publikationen dorthin wagt, wo es wehtut, ist ein Glück für all die, die abseits üblicher Comic-Konfektionsware auch das lesen wollen, was das Äquivalent zu Innereien beim Schlachtvieh ist: überlebensnotwendige Bestandteile eines Organismus. Die Existenz des Comics als Erzählgattung kann nur dadurch gesichert werden, dass er seine Traditionen nicht verrät. Dazu gehört der Mut zu Themen und Formen, die nicht per se massentauglich sind. Aber die es werden sollten, denn bei aller Bewunderung für das, was Martin Oesch hier gezeichnet hat, ist wohl noch bedeutender, was er ohne jede falsche Rücksichtnahme geschrieben hat.
Source: faz.net