Comic von LUkas Weidinger: Im virtuosen Linienverhau

„Opus Tropus“? Klingt ein bisschen wie Hokuspokus, braucht aber keine Zauberei, sondern allein immense grafische Geschicklichkeit. Lukas Weidinger verfügt über sie. Der gebürtige Wiener unbestimmten Alters hat in seiner Heimatstadt, Leipzig, Halle und Straßburg studiert und somit mindestens drei Grafikkulturen in sich aufgesogen. Und ein gerütteltes Maß an Comicbegeisterung. Für den Band „Opus Tropus“ hat er 2024 den damals erstmals vergebenen Wiener Comicpreis abgestaubt.

Nicht dass Sie denken, ich würde jetzt schon wieder ein zwei Jahre altes Buch hier vorstellen – das habe ich ja schon in der vergangenen Woche getan. Die Ausgabe von „Opus Tropus“, die Thema sein soll, ist ganz neu, obwohl es eine Nachauflage ist. Aber die ursprüngliche war nur in fünfzig Exemplaren erschienen und mit achtzig Euro prohibitiv teuer. Nunmehr bekommt man die preisgekrönte Arbeit schon für 26 Euro, was angesichts des Schauvergnügens ein Spottpreis ist. Und zudem gibt es von der günstigeren Ausgabe dreihundert Stück. Aber wahrscheinlich auch nicht allzu lange. Wer’s also selbst haben will: Der – mir zuvor völlig unbekannte – Verlag heißt 2b press und ist in Wien und Berlin beheimatet.

Die Comickolumne von Andreas Platthaus
Die Comickolumne von Andreas PlatthausF.A.Z.

Weidinger selbst ist auch wieder in Wien, und wenn man ein wenig auf Klischees gibt, dann hat man es bei ihm mit einem für die Stadt üblichen Grantler zu tun. Nicht dass ich ihn persönlich kennte, aber wer so wunderbar boshaft auf die Welt blicken kann, wie „Opus Tropus“ es vorführt, der muss seine Dosis Weltschmerz intus haben. Und wo bekäme man die angenehmer vermittelt als in der Stadt, die seit etlichen Jahren immer die Wertung der weltweit liebens- und lebenswertesten Metropolen anführt, aber dennoch mehr misanthrope Bewohner zu beherbergen scheint als jede andere Stadt?

Der Titel hat etwas Geographisches und etwas Rhetorisches

„Opus Tropus“ kommt aber auch nicht von „misanthrop“. Es ist ein Werk (Opus), das sich mit einer Wendung (Tropus) beschäftigt, Letzteres allerdings wiederum in doppeldeutigem Sinne, denn einerseits spielt sich das Geschehen überwiegend in einem städtischen Rahmen ab, in dem die Akteure wendig zu sein haben, andererseits darf man wohl auch das rhetorische Verständnis von Trope in Rechnung stellen, also die Wendung im sprachlichen Sinne als feststehendes und wiederkehrendes Element. Man könnte auch sagen: als Schlagwort.

Im Frühling werden junge Männer gerne geschmacklos.
Im Frühling werden junge Männer gerne geschmacklos.Lukas Weidinger

Zunächst aber ordnet sich der Band in eine mittlerweile unüberschaubare Phalanx von Jahreszeitendarstellungen in der menschlichen Kulturgeschichte ein. Sie wissen schon: Haydn, Botticelli, Knausgård, Blexbolex (nein, den kennen Sie mutmaßlich nicht, sollten Sie aber …). Und nun also Weidinger. Der die erste Überraschung schon dadurch liefert, dass sein Jahrezeitenzyklus schwarz-weiß daherkommt. Das mag für den Winter ja noch angehen, aber bei Darstellungen der anderen drei Kalendersaisons?

Aber sie sind wunderbar ins Bild gesetzt, denn Weidinger erzeugt Farbeffekte durch Liniendichte. Keine bunten natürlich, aber die durch Schraffuren und Linienzug erzeugte Plastizität der Motive lässt sofort die Vorstellung der realen Atmosphären von Frühling, Sommer und Herbst aufkommen. Man kennt das von Robert Crumbs Darstellungsweisen. Oder auch von Patrice Killoffer, dem Virtuosen des Comic-Pointilismus. Weidinger steht den beiden nicht nach.

Besser und böser geht es schwerlich

Vor allem aber ist sein Band gar kein normaler Comic, sondern er stellt sich in eine Traditionslinie (noch eine Form der Linienkunst!), die gar nicht edler und anspruchsvoller zu denken ist. In den späten Sechzigerjahren brachten ohne gegenseitige Beeinflussung die Zeichnerlegenden Sempé und Tomi Ungerer jeweils einen sozialkritischen Band heraus, die Cartoonzyklen versammelten, die dem dekadenten Leben der Upperclass gewidmet waren. „St. Tropez“ hieß der von Sempé, „The Party“ der von Ungerer. Besser und böser ist seitdem nicht gezeichnet worden.

Vasarely ist doch nichts dagegen: das Cover zu „Opus Tropus“.
Vasarely ist doch nichts dagegen: das Cover zu „Opus Tropus“.Lukas Weidinger

Und wenn man sich noch einmal die drei Grazien am Strand vom ersten Bild in diesem Blog ansieht, dann kann man darin viel vom gnadenlosen Blick finden, den Ungerer auf die gelifteten alten Schabracken der New Yorker High Society warf, die er in „The Party“ auftreten ließ (nicht dass die Lustmolche an ihren Seiten freundlicher gezeichnet worden wären). Oder von der Blasierheit der Figuren Sempés. Nur dass es bei Weidinger auch immer einmal wieder bemitleidenswerte Akteure gibt: traurige Clowns, vom Autoterror gebeutelte (Fuß-)Verkehrsteilnehmer, Punks und Bobos, die mit ihrem ausgestellten alternativen Look gegen die Durchschnittlichkeit des städtischen Alltags nichts ausrichten können.

Und Weidinger zeigt auch Facetten urbaner Existenz, die Ungerer und Sempé nie in ihren gezeichneten Wutausbrüchen geduldet hätten: Mitleid und  Empathie, die auf uns, das Publikum, überschwappen. Etwa bei dem Winterschwimmer, der sich, bedeckt mit Gänsehaut (und wie toll ist die gezeichnet!), auf einem zugefrorenen See zum Eisloch schleicht. Man friert mit ihm, bibbert mit ihm, wenn auch nicht vor Kälte, sondern vor Furcht, was da wohl geschehen wird. Aber Weidinger erzählt ja nie, wie es weitergeht. Er stellt Situationen still und überlässt es uns, den Nexus zur vorherigen und nächsten Doppelseite herzustellen. Klar, manches erklärt sich mit dem Ablauf der Jahreszeiten. Aber es gibt auch schöne Erzählstränge, die sich durch die Linienverhaue ziehen und denen es zu folgen gilt wie Ariadnefäden.

Manche davon wiederum mögen unsere Deutung allein sein, denn Weidinger hat nach eigenem Bekunden bei Beginn einer Zeichnung keinen Plan, sondern zeichnet drauflos und füllt das Blatt, wie es sein Horror vacui verlangt. Also kein inhaltliches, sondern ein formales Ziel, und so wird es auch keine übergeordnete Geschichte geben, die hier zu verfolgen wäre. Aber Sie werden merken: Man versucht sich selbst an ihr.

Dieser Horror vacui ist keine Schreckensvision: Doppelseite mit grandios visualisierter Herbststimmung.
Dieser Horror vacui ist keine Schreckensvision: Doppelseite mit grandios visualisierter Herbststimmung.Lukas Weidinger

Sempé und Ungerer habe ich erwähnt. Crumb auch. Aber damit hat es sich nicht. Zitterlinien wie bei Olaf Gulbransson gibt es. Picassos deformierte Physiognomien lassen grüßen, und auf denselben Blättern kann man elaborierte Figuren sehen, wie sie Al Hirschfeld machte, aber auch abstrahiert-simple wie von Sam Gross. Wie man allerdings in Wien auf diese weltläufige Sichtweise verfallen kann, das würde ich gerne wissen. Und warum gelingt das etwa in Berlin niemandem außer Christoph Niemann?

Schnee ist hier nicht einfach weiß oder eine simple Linie

Wind, Regen, Sonne – für alles findet Weidinger eine Anschauung. Schnee ist natürlich leicht, könnte man meinen, aber wie er einen Mann mit Schneeschaufel ins Bild setzt, der en passant einen Passanten außer Gefecht setzt, das ist schon etwas Besonderes. Denn der Schnee ist eher pointilistisch als linear angelegt, und das muss man sich erstmal trauen. Die Linien auf der entsprechenden Doppelseite sind dem grauen Wintersmog vorbehalten.

So sieht Sturm aus.
So sieht Sturm aus.Lukas Weidinger

Und dann gibt es da doch noch einen winzigen Farbtupfer. Ein junger Jongleur verdient sich im städtischen Verkehrsstau vor dem Fußgängerüberweg ein paar Kröten, und Weidinger gibt dessen vier rotierenden Bällen die Farben Rot, Blau, Grün und Gelb. Doch sie kreisen vor dem Kühlergrill eines riesigen, mit wilden Mustern lackierten Trucks, der aber wie der ganze Rest des Buchs schwarz-weiß gehalten ist. Der kleine Farbeinbruch lässt uns auch die Farbexplosion auf Motorhaube und Fahrertür imaginieren, und das ist Weidingers größte Kunst: uns an seinen Bildern weiterarbeiten zu lassen, obwohl es doch eigentlich gar keinen Freiraum darauf mehr gibt.

Source: faz.net