Christopher Eckers Roman: Fernschach mit falschen Fischen
„Was wir gefangen, ist fort, und was nicht wir gefangen, das blieb uns“: Diese hübsche altertümliche Paradoxie aus dem Munde von Fischern ist das Motto eines Buches, das am Anfang eines wenig beachteten Werks steht. Das Motto würde auch zum ganzen Werk gut passen – denn Christopher Ecker, geboren 1967 in Saarbrücken, schreibt per se eine verrätselte Literatur, bei der einem vermeintliche Fänge bald wieder aus den Händen gleiten, während im Blickfeld schon die nächste Fische springen. Es sind oft literarische Fische, Bildungsfische, vielleicht ein bisschen wie bei Arno Schmidt, und der Autor scheint die Angler aus dem Dechiffriersyndikat schon lachend vorm Auge zu haben, wenn er die Tierchen aufblitzen und wieder abtauchen lässt – manchmal schon in Kapitelüberschriften wie „Die Welt aus Tau“, „Alarmstufe rot“ oder „Väter der Klamotte“, die zwischen Hoch- und Popkultur schillern.
Eckers Literatur grenzt an Phantastik und Science-Fiction – sein Romandebüt, das 1997 erschien und jetzt in überarbeiteter Form vorliegt, liest sich aber zunächst wie ein ordentlicher Hardboiled-Krimi mit typischen Elementen des Genres. Der Kommissar tritt uns plastisch und unverrätselt vor Augen, die ganze Wache kennt ihn ob seines Übergewichts als „Michelin-Männchen“, was ihn aber nicht stört, denn: „Ab vierzig war es egal, wie ein Mann aussah.“ Für einen Krimi wird es dann aber bald sehr poetisch: „Vielleicht schlug sogar manch einer zu Hause die schwierigen Wörter im Lexikon nach, in die sich der Dienstgruppenleiter hüllte wie ein barocker Monarch in seinen Hermelinmantel.“
Ein Abenteuer oder nur ein Wahn?
Doch kaum hat man sich auf diese Ebene des Erzählens eingelassen, betritt Ecker schon eine neue: Denn nun wird es wahnhaft-abgründig und geht ins Herz der Finsternis. In Kürze: Ein Patient ist aus der Klinik entflohen, obwohl er dort sogar fixiert war. Dem verschwundenen Herrn Rescher, einem „ausgezehrten Rentner, Alkoholiker auf Entzug“, ist bald auch ein „Privatschnüffler“ auf der Spur, ein Lehrer im Vorruhestand namens Gripke. Der ist schlauer, als die Polizei erlaubt, und findet heraus, dass Rescher in Generalfeldmarschall Rommels Afrikakorps gedient hat. Angeblich gehörte er zu einem Bataillon, das unter mysteriösen Umständen 1942 verschwand. Das erfordert Recherchen unter Historikern, Zeitzeugen und Nachfahren, die teils parodistische Züge haben. Und nicht selten kommt auch der Gedanke, das Abenteuer sei nur ein Wahn Gripkes und seines mitermittelnden Freundes Van Aaken, dessen Name an den Geburtsnamen von Hieronymus Bosch erinnert.

Interessanterweise lassen die in diesem Roman angelegten Rätsel aus heutiger Sicht öfter an Effekte der „halluzinierenden“ KI denken, denn Ecker rührt für sie lauter Namen und Titel munter zusammen, etwa aus Werken der Phantastiker Arthur Machen und H. P. Lovecraft, wobei er Details verändert oder Figuren der Fiktion zu realen erklärt. Ein bisschen mehr Subtilität hätte ihm dabei manchmal gutgetan, da er die Anspielungs-Spießchen, auch solche um das Vorbild Edgar Allan Poe, oft mit dem Holzhammer einschlägt.
Ecker hat für die Neuausgabe die Handlung unangetastet gelassen, aber Details und Beschreibungen geändert und nachrecherchiert. Der Gesamteindruck einer bewussten hermeneutischen Überforderung ist dem Text geblieben; ebenso sein Reiz des ständigen Changierens zwischen ironischer Alltagsbeobachtung von breit gebildeten Menschen und deren Hang zur Paranoia.
Diesen Trieb, überall Sinn zu suchen, selbst dort, wo es keinen gibt, hat er auch späteren Figuren eingeschrieben, zum Beispiel in seinem Mammutwerk „Fahlmann“ (2012) oder im Campusroman „Herr Oluf in Hunsum“ (2022). Weitere Bezüge entdeckt der Literaturwissenschaftler Kai U. Jürgens im Nachwort. Sie lassen ein Motivnetz erkennen, dass inzwischen Eckers ganzes Werk überspannt und noch viel weiter, nämlich von „Tausendundeiner Nacht“ bis zu Philip K. Dick, reicht. Auch ein Bild für die Deutung des Romans ist diesem selbst eingeschrieben in einer Kapitelüberschrift: Fernschach. „Die leuchtende Reuse“ ist Fernschach mit falschen Fischen, aber dieses seltsame Spiel macht Spaß.
Christopher Ecker: „Die leuchtende Reuse“. Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2025. Mit einem Nachwort von Kai U. Jürgens. 312 S., br., 24,– €.
Source: faz.net