Christian Elsner zusätzlich Grönland: „Im Moment bin ich zufrieden, dass wir Dänemark nach sich ziehen“
Christian Elsner empfängt zum Gespräch in dem Musikgeschäft seiner Eltern in einem kleinen Holzhaus in der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Dort arbeitet er, wenn er nicht gerade zusammen mit seinem Bruder durch die Welt tourt. Ihre Rockband „Nanook“ („Eisbär“) ist eine der populärsten Gruppen des Landes, ihre Lieder gelten als Soundtrack einer selbstbewussten Inuit Nation.
Woran ich mich aus meiner Kindheit erinnere, ist das Fischen und sind die Fjordausflüge mit meinem Vater. Das war schön. Wir hatten ein Haus mit Blick runter auf die Stelle, an der die Jäger vom Meer zurückkamen, mit allen möglichen Tieren, etwa Robben, Eisbären, Walen. Heute angle ich selbst noch viel, allerdings nur im Sommer. Und ich jage, aber nur Rentiere, denn davon gibt es zu viele.
Welche Rolle spielt die Natur für die grönländische Identität?
Eine große. Wir sind alle in der Natur aufgewachsen. Egal, wo man sich in Nuuk befindet, man ist immer in der Nähe des Meeres und der Berge. Und Nuuk ist im Vergleich zu anderen Orten eine sehr europäische Stadt. Die Inuit, die Grönländer können nicht ohne die Nähe zur Natur leben.
In den Liedern Ihrer Band „Nanook“ geht es viel um die Wildheit der grönländischen Natur und darum, sich selbst treu zu bleiben. Warum?
In unserer Musik geht es sehr stark um die Identität und Kultur hier. Das Wichtigste ist, die tiefen Wurzeln zu bewahren, die wir mit unseren Vorfahren haben. Aber auch offen für Neues zu sein, ohne dabei zu vergessen, wer wir sind. Wir können nicht einfach ein isoliertes Land sein, ohne neue Impulse aus der Welt aufzunehmen. Wir müssen uns weiterentwickeln, aber mit Respekt vor der Kultur der Inuit.
In dem Lied „Ingerlaliinnaleqaagut“, was auf Grönländisch so etwas wie „Wir ziehen weiter“ bedeutet, geht es auch darum, Hindernisse zu überwinden. Ist das eine Metapher für Ihr Land?
Das Lied nicht, das ist eher auf einer persönlichen Ebene gemeint. Der Song wurde eigentlich für einen Horrorfilm geschrieben. In dem gibt es viel Blut und Horror, an einer Stelle brauchte es eine Pause mit einem Liebeslied. Aber klar, sich selbst treu zu bleiben, kann auch als Metapher für mein Land gesehen werden. Ich denke, wir zeigen das durch unsere Musik und durch die Sprache, in der wir singen.
Sie singen immer auf Grönländisch, nie auf Dänisch oder Englisch. In Grönland leben nur rund 57.000 Menschen. Sony hatte Ihnen einst angeboten, Sie unter Vertrag zu nehmen, wenn Sie auf Englisch singen. Aber Sie haben abgelehnt.
Ja, uns wurde angeboten, auf Englisch zu singen. Aber wir haben uns dafür entschieden, auf Grönländisch weiterzumachen. Es ist die Art, wie wir uns ausdrücken, es fühlt sich echt an, wenn wir in unserer eigenen Sprache singen. Wenn wir jemals etwas auf Englisch machen würden, müssten das neue Lieder sein.
Was wünschen Sie sich für ihr Land?
Dass wir unsere sozialen Probleme hier oben überwinden können. Es gibt so viele davon. Die Selbstmordrate ist wahnsinnig hoch, es gibt viele Alkoholprobleme. Und natürlich wünsche ich mir eine Zukunft, in der es einfacher ist, über die Runden zu kommen. Es ist wahnsinnig teuer, hier zu leben. Viele Menschen haben zu kämpfen. Sie haben nicht genug Geld, um sich Essen zu kaufen.
Amerikas Präsident Donald Trump will Grönland besitzen. Lange hatte er nicht einmal eine Invasion ausgeschlossen. Viele hier in Nuuk sagen, die Krise sei längst nicht vorbei. Wie waren die vergangenen Wochen für Sie?
Es ist eine verrückte Zeit. Unsere eigenen Kinder konnten manchmal nicht schlafen, weil sie Angst hatten. Sie sprechen in der Schule darüber. Auch wir sprechen mit unseren Freunden und unserer Familie darüber. Wir wissen nicht, was passieren wird. Wir sind solche Situationen in Grönland nicht gewohnt. Wir sind ein friedliches Land. Es war beängstigend. Viele Menschen sind auch wütend wegen der Respektlosigkeit. In der Gesellschaft schwirren gerade viele Gefühle herum.
Was empfinden Sie gegenüber Dänemark. Soll Ihr Land Teil des dänischen Königreichs bleiben?
Das ist schwer zu sagen. Wenn wir ein unabhängiges Land wären, wären die Vereinigten Staaten wohl schon längst hier. Im Moment bin ich also ziemlich froh, dass wir nicht allein sind, sondern Dänemark haben. Ich hoffe immer noch, dass der Konflikt mit den USA bald vorbei ist. Und dass wir uns Inuits hier mehr Rechte verschaffen können. Damit wir mehr selbst zu entscheiden haben. Grönland hat so viel Potential, aber wir müssen die Wirtschaft voranbringen.
Aber innerhalb des Königreichs hat das teilautonome Grönland heute schon viele Rechte.
Ja, es geht seit rund 50 Jahren in die richtige Richtung. Im Vergleich zu anderen Ländern, in denen es indigene Völker gibt, sind wir meiner Meinung nach die Glücklichsten.
Wie hat Dänemark aus Ihrer Sicht in der Vergangenheit die Grönländer behandelt? Die Zwangssterilisierung Hunderter junger Frauen und Mädchen in den Sechziger- und Siebzigerjahren ist immer noch ein großes Thema.
Natürlich gibt es viele traurige Dinge, die ans Licht kamen. Darunter auch die Kryolith Mine, mit der Dänemark Rohstoffe im Wert von vielen Milliarden Kronen abbaute und nach Dänemark brachte. Diese Milliarden haben dazu beigetragen, dass Dänemark heute das ist, was es ist. Grönland hingegen bekommt jedes Jahr nur rund vier Milliarden Kronen von Dänemark, was nicht viel ist im Vergleich zu dem, was Dänemark mit Grönland verdient hat.
Aber Grönland hat auch von Dänemark profitiert, etwa im Bildungsbereich.
Genau. Man kann kostenlos eine Ausbildung erhalten. Und wir sollten nicht vergessen, dass die Gesundheitsversorgung kostenlos ist. Man muss hier nichts zahlen, wenn man krank ist. Auch der Zahnarztbesuch kostet nichts. Das möchte ich nicht verlieren. Wenn wir ein US-Bundesstaat würden und Donald Trump uns viel Geld zahlen würde, dann würde das Geld einfach verschwinden. Denn all die Leistungen müssten wir dann bezahlen.
Sie wollen also kein US-Bürger werden?
Nein, niemals. Oder zumindest nicht, solange Trump Präsident ist.
Source: faz.net