Chinas Jugend: Mehr Chancen in jener Provinz?

Eine Farminfluencerin auf einer Landstraße in China.


weltspiegel

Stand: 01.03.2026 • 14:46 Uhr

Viele junge Menschen in China sind arbeitslos. Könnte ein Umzug in die Provinz ihnen helfen? Die Partei propagiert das. Doch mit dem Umzug kommen neue Schwierigkeiten.

Ein Reisbauer zieht mit seinem Wasserbüffel an mehreren livestreamenden, jungen Frauen vorbei. Sie sitzen auf einer Bank am Dorfbaum. Vor ihnen auf einem Tisch stehen abgepackter Reis und 1-Liter-Pflanzenöl-Flaschen. Diese Produkte versuchen sie per Livestreams übers Handy zu verkaufen – in einem kleinen 200-Seelen-Ort im Südwesten Chinas im Landesteil Guizhou inmitten von Reisfeldern und spitzen Bergen.

Sandy, 26, lebt hier in einem alten Bauernhaus, in dem sie auch Zimmer vermietet. Sie versucht, sich eine Existenz aufzubauen. Sie ist inspiriert von den vielen Influencern, die auf chinesischen Social Media-Plattformen ein wunderschönes, idyllisches Landleben darstellen: „Ich probiere einfach aus: Wie kann ich erfolgreicher sein mit den Social-Media -Inhalten vom Land. Was für Produkte kaufen die Leute in der Stadt. Ich will aber auch eine gute Work-Life-Balance haben.“

Die anderen jungen Frauen sind Studentinnen, die über den Sommer bei ihr sind und das machen, was in China sehr populär ist: Livestreamen. E-Commerce ist ein Milliarden-Markt in China. Sandy sagt, sie versuchten auf diese Art und Weise, selbstständig Geld zu verdienen. In den Städten sei es schwer, einen Job zu finden.

Sandy setzt auf den Vertrieb ländlicher Produkte über Social Media. Doch sie stellt fest: Es ist mühsam, die nötige Anzahl von Kunden zu finden.

Schlechte Perspektiven für junge Menschen

Denn der Arbeitsmarkt sieht alles andere als rosig aus für junge, gut ausgebildete Menschen. Zuletzt lag die Jugendarbeitslosigkeit nach offiziellen Zahlen bei 17 Prozent. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.

Das Aufstiegsversprechen, das die Kommunistische Partei für die Gesellschaft einst hatte, gilt nicht mehr. Für Uniabsolventen gibt es oft nur schlecht bezahlte Jobs.

Die Zentralregierung hatte 2025 bekanntgegeben, dass in den vergangenen Jahren bereits zwölf Millionen junge Menschen in China auf das Land zurückgekehrt seien. Demnach kommen immer mehr junge Hochschulabsolventen und Büroangestellte zurück.

Frust und Selbstironie

Der Anthropologe Xiang Biao forscht zur chinesischen Jugend am Max-Planck-Institut in Halle. Er sagt: „Die Situation wird natürlich immer ernster, da sich die wirtschaftliche Stagnation weiter ausbreitet. Gleichzeitig deuten alle Diskurse, auch in Social Media, auf ein wachsendes Bewusstsein der jungen Generation für die eigene Situation und die Notwendigkeit, diese zu verändern.“

Der Frust der jungen Generation hat sich in den vergangenen Jahren in den Social-Media-Kanälen immer wieder Bahn gebrochen. Manche bezeichnen sich auch als „Rattenmenschen“. Die selbstironische Aussage: Man haust in kleinen Zimmern und zieht sich aus der Gesellschaft zurück.

Auftrag an alle Ebenen

Die allesüberwachende und alleinherrschende Kommunistische Partei hat diese Problematik erkannt und bereits vor einigen Jahren in einem langfristigen Strategiepapier für die ländliche Wiederbelebung festgehalten: „Junge Menschen sollen ermutigt und angeleitet werden, in ländliche Regionen zurückzukehren, einen Job zu finden und ein Business zu starten.“

Was darin festgehalten wird, ist eine Richtlinie für alle unteren Ebenen – von den Lokalregierungen, über die Universitäten, bis hin zu den Social Media-Plattformen. Die einen setzen die Pläne um, die anderen sollen das Narrativ der KP transportieren.

Der riesige Techkonzern Tencent, zu dem die beliebteste Social Media-App gehört, produziert eine eigene Reality Show, bei der junge Menschen Start-Up-Ideen auf dem Land vorstellen und dann eine Förderung bekommen. Dies wird unterstützt von der Kommunistischen Jugendliga und einer Landwirtschaftsuni.

Milliarden für die ländliche Wiederbelebung

„Diese ganze ländliche Entwicklung ist ein Wettbewerb für all die Lokalregierungen. Sie versuchen auch ihre guten Projekte zu bewerben auf ihren Plattformen. Das ist für uns eine wichtige Ressource“, sagt Guan, der an der Harvard-Universität seine Abschlussarbeit über regionale Entwicklungsmöglichkeiten in China geschrieben hat.

Guan betreut ein Dorfprojekt im vergleichsweise wohlhabenderen Landesteil Zhejiang mit der Tech-Metropole Hangzhou als Hauptstadt, südlich der Millionenmetropole Shanghai. Guan ist überzeugt davon, dass in Zukunft mehr junge Menschen in ländliche Regionen in Reichweite der Metropolen ziehen werden.

Die Lokalregierung in Zhejiang unterstützt junge Menschen finanziell, die sich auf dem Land eine Existenz aufbauen wollen. Zwischen 2021 und 2025 waren es umgerechnet etwa 100 Milliarden Euro für die gesamte ländliche Wiederbelebung.

Guan betreibt ein Café in einem Dorf. Er ist überzeugt, dass es noch viele junge Chinesen so machen werden wie er.

Zurück in die Stadt

Sandy lebt fernab der reicheren Küstenregion und für sie ist es sehr schwierig. Die Zimmervermietung läuft nicht so gut. Es kommen kaum Gäste. Das Livestreamen bringt auch kaum Einkommen.

Xiang Biao vom Max-Planck-Institut in Halle erkennt ein typisches Muster: „In China werden Dinge, die man fördern möchte, tendenziell als Idealbild dargestellt. Und genau das macht es dann verwundbar. Warum? Die Menschen werden leicht desillusioniert.“

Sandy ist zwar nicht desillusioniert, aber: „Mein Traum hat sich gewandelt. Ich hoffe einfach, dass der Weg, den ich einschlagen werde, der richtige für mich ist.“

Sie lebt mittlerweile wieder in der Stadt, glaubt aber weiterhin daran, landwirtschaftschaftliche Produkte übers Livestreamen irgendwann zum großen Verkaufsschlager machen zu können.

Die ganze Weltspiegel-Doku „Gen Z in China: Vorwärts aufs Land!“ sehen Sie im Ersten – am Sonntag um 18:30 Uhr und schon jetzt hier in der ARD-Mediathek.

Source: tagesschau.de