China verstehen: Was kommt, wenn eine bestehende Ordnung zerbricht?
Achtes Jahrhundert vor Christus, im Norden Chinas und zu einer zentralen zivilisatorischen Frage: Was kommt, wenn die bestehende Ordnung zerbricht? Gerade ist genau das geschehen. Die Regentschaft der Zhou-Könige ist zu Ende, ihre Dynastie, die so lange regierte und das Land zusammenhielt, faktisch verblasst. Das Reich zersplittert.
An die Stelle einer einzigen einigenden Gewalt tritt ein kompliziertes Geflecht aus Territorialstaaten, die einst um bedeutende Städte herum gewachsen und einflussreicher geworden waren. Diese ringen nun miteinander um Macht, politisch, wirtschaftlich, militärisch. Eine Zeit großer Ungewissheit bricht an, eine kriegerische, blutige Epoche, in der sich Grenzen immer wieder verschieben, Traditionen versiegen, Institutionen und Instanzen zerfallen, viele Klein- und Kleinststaaten sogar ganz verschwinden.
Die Zeit der Streitenden Reiche
Zugleich revolutioniert der technische Fortschritt die Möglichkeiten zumal der einfachen Menschen, was wesentlich an einem neu zugänglich gewordenen Werkstoff liegt, am Eisen. Der Sinologe Kai Vogelsang bringt das in seiner „Geschichte Chinas“ trefflich so auf den Punkt: „Wenn Bronze das Edelmetall der Eliten war, der Stoff, aus dem prestigeträchtige Ritualgefäße gemacht wurden, so war Eisen vor allem das Metall der Bauern: Bronze diente der Distinktion, Eisen der Nivellierung. In weitaus größeren Mengen verfügbar als Bronze, war Eisen besonders gut geeignet zur Herstellung von Werkzeug – Spaten, Hacken, Sicheln und vor allem Eisenpflüge.“
Zuvor verfügen die Bauern bloß über Hilfsmittel aus Holz und Stein. Die Landwirtschaft wird ergiebiger, sie kann mit demselben Aufwand immer mehr Menschen ernähren. In den Städten wiederum steigt die Spezialisierung und treten an die Stelle geerbter Karrieren zunehmend auch solche, die auf Handel, Handwerk oder allgemein eigener Leistung fußen.

Und auch das Militär wandelt sich dramatisch. Eisen erleichtert, auch wenig ausgebildete gewaltige Fußsoldatenheere aufzustellen und gefährlich zu bewaffnen, die Armbrust ersetzt den Bogen, eine Kavallerie die hergebrachten Streitwagen, die Staaten führen allgemeine Wehrdienste ein und sind so erstmals in der Lage, quasi das ganze Volk mobilzumachen.
Die Rivalität der Territorialstaaten spitzt sich zu, Historiker nennen die Phase zwischen den Jahren 453 und 221 vor Christus darum „Zeit der Streitenden Reiche“. Schließlich bleiben sieben von ihnen übrig, die versuchen, die Macht über alle anderen an sich zu reißen, sie heißen Qin, Chu, Qi, Yan, Han, Zhao und Wei. Die Machthaber probieren verschiedene neue Formen der Verwaltung und Gesetzgebung.
Konfuzius rückt Menschlichkeit in den Vordergrund
Die vielen Veränderungen, die hohe Unsicherheit und Unübersichtlichkeit schaffen einen neuen, vielschichtigen Bedarf auch an geistiger Orientierung. Was ist jetzt richtig, was falsch? Wie gelingt das Leben – im Großen wie im Kleinen?
Einerseits wird nötig, Begriffe wie Staat und Moral neu zu definieren. Andererseits überholt sich das Verständnis der Welt und des Weltgeschehens insgesamt, Chinas klassische Philosophie prägt sich aus, jene „Zeit, als der Logos den Mythos ablöste“, wie Sinologe Vogelsang ausführt: „Die Erkenntnis, dass die Welt einmal anders gewesen war, machte die Annahme plausibel, dass sie anders sein kann. Die soziale Ordnung erschien nun zeitgebunden und wurde damit von der zeitlosen kosmischen Ordnung entkoppelt; sie verlor ihre fraglose Selbstverständlichkeit und geriet in den Kontext von Alternativen.“
Alsbald tritt eine ganze Reihe entsprechender Ideenanbieter auf den Plan, die jeweils für unterschiedliche Denkschulen stehen. Der bekannteste von ihnen heißt Konfuzius. Er und seine Schüler Mencius und Xunzi erdenken auf disziplinierter Selbstkultivierung und vielen Ritualen bestehende Handlungsempfehlungen für alltägliche wie herrschaftliche Angelegenheiten, stellen Begrifflichkeiten wie Menschlichkeit und Sittlichkeit in den Vordergrund. Laotse und Zhuangzi wiederum etablieren eine Denkrichtung, die später einmal unter dem Namen Daoismus bekannt wird, Machbarkeitsideen prinzipiell skeptisch gegenübersteht und mehr darauf setzt, sich nicht einzumischen beziehungsweise den Dingen ihren „natürlichen Lauf“ zu lassen.
Wirkmächtiger als diese beiden Ideen erweist sich indes ein Ansatz, der unter dem Namen Legismus firmiert. Er stellt geringere intrinsisch motivierte Verhaltensansprüche an den Einzelnen. Dafür setzt er auf starke, strenge Institutionen, harte Strafen, einen eher detaillierten gesetzlichen Rahmen, der rigoros durchzusetzen ist ohne Ansehen der Person, ist bürokratisch und nicht aristokratisch.
Der Staat Qin orientiert sich daran und wird infolgedessen militärisch und ökonomisch mächtiger als alle anderen. Nach und nach besiegt er die übrigen Staaten und vereinigt sie unter seinem Banner zu einem neuen chinesischen Reich – das bis dahin größte, das es jemals gab. Der Herrscher gibt sich einen neuen Namen, nennt sich Qin Shihuangdi, was übersetzt „Erster Erhabener Kaiser von Qin“ heißt.

Er konsolidiert sein neu vereintes Reich schnell und brutal. Einerseits vereinheitlicht und standardisiert er Schrift, Maße, Gewichte, die Währung, den Kalender und beispielsweise auch die Spurbreite für Fuhrwerke, lässt Tausende Kilometer Straßen bauen und neue Wasserwege anlegen – dadurch erleichtert er das Wirtschaften.
Andererseits ermöglicht er so der unterdrückenden Bürokratie, ihr kleinteiliges Regelwerk auf das gesamte Reich auszubreiten. Zugleich macht er seine neuen Untertanen gefügig, indem er Zigtausende umsiedeln, alte Schriften wie etwa Chroniken und philosophische Abhandlungen verbrennen und Gelehrte und Andersdenkende hinrichten lässt. Nachfolgende Herrscher reformieren, adaptieren, mischen mitunter verschiedene Lehren. Alsbald schon spielt der Konfuzianismus eine größere Rolle, später kommt der Buddhismus hinzu.
Das Reich der Qin, aus dem sich der Name China abgeleitet haben soll, wird gleichwohl der politische Ausgangspunkt für die Struktur des riesigen Landes, für alle folgenden Dynastien. Auch Mao Tse-tung rekurriert später bisweilen darauf, der seinerseits ein kriegsgebeuteltes Land wiederaufbauen muss und diesem seine Ideen oft gewaltsam aufzwingt.
„Ich bin Marx plus Qin Shihuangdi“, bemerkt Mao einmal. In der Antike wiederum entwickelt sich das chinesische Kaiserreich zu einem zivilisatorischen und wirtschaftlichen Zentrum des Planeten, das in der Folgezeit vielfach bewundert wird, auch in Europa. Der Verweis auf die „Zeit der Streitenden Reiche“ fällt übrigens gegenwärtig im intellektuellen Diskurs bezogen darauf, ob sich die ganze Welt in solch einem Szenario befindet.
Die Opiumkriege und das Jahrhundert der Demütigung
Jahr 1840, Hafenstadt Guangzhou im Süden: China steht kurz davor, eine Reihe vernichtender Niederlagen zu erleiden, die Land und Volk bis in die Gegenwart traumatisieren werden.
Rein rechnerisch ist es immer noch die größte und bevölkerungsreichste Ökonomie. Doch die europäischen Länder haben technologisch aufgeholt und übertrumpfen das Reich der Mitte inzwischen nicht nur durch neue Antriebs- und Produktionstechniken, sondern auch durch vorteilhaftere Formen der Kapitalbildung. Den chinesischen Machthabern ist das nicht ansatzweise bewusst.
Dahinter stehen große Ingenieurleistungen wie die Erfindung der Dampfmaschine und der Eisenbahn. Aber auch, darauf weisen die Ökonomen Avner Greif, Joel Mokyr und Guido Tabellini in einer umfangreichen neuen Analyse hin, überlegenere soziale Institutionen, die öffentliche Güter bereitstellen, die der Staat nicht liefert. Sie nennen Zünfte, Gilden und privates Unternehmertum als Beispiele, die ein Umfeld geschaffen haben, in dem Wissen einfacher akkumuliert und weitergegeben und Innovation wahrscheinlicher wird, als dies in Fernost der Fall ist.
Und während China sich geographisch im Kern selbst genügt, greifen die europäischen Mächte längst auf andere Teile der Welt aus, haben sie umfangreich kolonisiert oder in anderer Form ihre Vorstellungen von Handel und Warenaustausch durchgesetzt. Auch mit China wollen europäische Kaufleute gerne viel mehr Geschäft machen, allen voran die Briten. Die Chinesen erlauben aber bloß etwas Handel über einzelne Häfen wie den in Guangzhou, und dies auch nicht das ganze Jahr über.

Darum entsendet London in Gestalt der mächtigen East India Company Ende des 18. Jahrhunderts eine erste größere Delegation um den erfahrenen Diplomaten Lord George Macartney, der mehr kommerzielle Zugänge abringen soll. Er scheitert, weil es offenbar Missgeschicke in der Kommunikation gibt – vor allem aber, weil die Chinesen das einfach nicht wollen. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege schicken die Briten eine zweite Gesandtschaft, im Jahr 1834 eine dritte, auch diese beiden bringen nicht den erwünschten Erfolg. London begnügt sich damit nicht.
Stattdessen mehren sich jene Stimmen, die Härte fordern. „Alle diplomatischen Manöver und brüsken Zurückweisungen der Chinesen verzögerten nur den unvermeidlichen Zusammenstoß mit dem modernen internationalen System, das damals gemäß europäischen und amerikanischen Vorstellungen strukturiert war“, schreibt der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger in seiner großen China-Analyse, und er fährt fort: „Dieser Zusammenstoß sollte sich als eine der qualvollsten sozialen, intellektuellen und moralischen Krisen in der gesamten chinesischen Geschichte erweisen.“
Brief an Briten: „Wo, bitte, ist Euer Gewissen?“
Der Streit eskaliert auch deshalb, weil die Briten die wachsenden Tee- und Porzellanimporte aus China nicht mehr so einfach mit aus Amerika eingeführtem Silber begleichen können. Stattdessen streben sie an, in China noch mehr Opium abzusetzen. Das produzieren sie in ihrer indischen Kolonie und schmuggeln es ohnehin schon lange in immer größeren Mengen über verschiedene chinesische Häfen ins Landesinnere. Doch die Drogenabhängigkeit ist dort längst ein Problem, das der kaiserliche Hof dringend in den Griff bekommen muss, der seinerseits die Produktion, Einfuhr und den Vertrieb zunehmend einschränkt.
Weil alle bisherigen Mahnungen und Maßnahmen nicht wirken, schickt er schließlich den Sondergesandten Lin Zexu nach Guangzhou, um der Lage Herr zu werden. Der greift durch. Er lässt Süchtige medizinisch behandeln und entwöhnen, bestraft einheimische Drogenhändler. Um die Einfuhr endlich zu unterbinden, lässt er schließlich mehrere Hundert Ausländer verhaften und Tausende Kisten Opium konfiszieren und vernichten.
Und er schreibt einen beklagenden Brief an die britische Königin Victoria, in dem er auch auf ethische Argumentationsfiguren zurückgreift, die im Westen durchaus üblich sind. „Wo, bitte, ist Euer Gewissen? Ich habe gehört, dass in Eurem Land der Opiumkonsum streng verboten ist: Ihr wisst also genau, wie schädlich es für die Menschen ist. Wenn Ihr solchen Schaden in Eurem Land nicht zulasst, solltet Ihr ihn doch wohl nicht auf andere Länder übertragen, schon gar nicht auf China! (. . .) Angenommen, es kämen Ausländer nach England, um Opium zu verkaufen und die Menschen zum Konsum zu verführen: Das würdet Ihr, ehrenwerte Königin, sicher tief verabscheuen und energisch unterbinden. Ich habe gehört, dass Ihr, ehrenwerte Königin, ein gütiges und großzügiges Herz habt: Sicher wollt Ihr nicht anderen zufügen, was Ihr selbst Euch nicht wünscht.“

Ob die Monarchin den Brief persönlich erhält und liest, ist nicht überliefert. Die britische Regierung entsendet im Jahr 1840 eine Flotte, der auch einige stark gepanzerte und mit Kanonen bestückte Dampfschiffe angehören. Die Engländer nehmen Guangzhou ein und in der Folge einige weitere Städte, darunter auch Shanghai. Zwei Jahre später kapituliert der Kaiserhof. Und verpflichtet sich dazu, viele Millionen Silberdollar zu zahlen, Hongkong an Großbritannien abzutreten, die Zölle deutlich zu senken, mehrere Häfen zu öffnen und Briten in China das Recht auf eigene Gerichtsbarkeit einzuräumen. Auf Dauer reicht London das nicht aus.
Anderthalb Jahrzehnte später nehmen die Engländer einen eher unbedeutenden Vorfall als Vorwand, um einen neuen Krieg zu führen, diesmal schließen sich die Franzosen an. Ihre Truppen besetzen schlussendlich die Hauptstadt Peking und plündern und verbrennen den prunkvollen Sommerpalast-Komplex, was sich tief in die kollektive Erinnerung der Chinesen einbrennt.
Die Europäer zwingen den Kaiser, weitere Häfen zu öffnen, Opium zu legalisieren, christliche Missionare das Evangelium verkünden zu lassen und britischen Schiffen zu erlauben, angeworbene chinesische Arbeitskräfte nach Amerika zu befördern. Die beiden Opiumkriege erweisen sich als Einschnitt unvorstellbaren Leids, sie stellen das Selbst- und Weltverständnis der Chinesen auf den Kopf.
„1861 lag die Qing-Dynastie am Boden“, urteilt China-Fachmann Vogelsang. „China fiel zwar nicht vollständig unter ausländische Herrschaft, aber es war auch (. . .) nicht in der Lage, seine Souveränität uneingeschränkt auszuüben“, urteilt der Sinologe Klaus Mühlhahn, der eine umfassende Monographie über die Zeitspanne der letzten chinesischen Dynastie bis in die Gegenwart verfasst hat. Auch andere Länder nutzen Pekings Schwäche aus. Russland annektiert ein gewaltiges Gebiet an der nördlichen Grenze, Japan besetzt gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Mandschurei und die Insel Taiwan.
„Im heutigen China blickt man auf die Katastrophen, in die das Land durch die Fremden gestürzt wurde, voller Betroffenheit zurück, sie sind Teil des schändlichen ‚Jahrhunderts der Demütigung‘, das erst mit der Wiedervereinigung des Landes unter einer betont nationalistischen Form des Kommunismus zu Ende ging“, resümiert Kissinger: „Gleichzeitig gilt die Ära, in der China wie gefesselt war, in vielfacher Hinsicht als Beweis für die bemerkenswerte Fähigkeit seiner Menschen und seiner sozialen Ordnung, Belastungen auszuhalten, unter denen andere Gesellschaften womöglich auseinanderbrechen würden.“
Wer verstehen möchte, warum die kommunistische Führung heute häufig so empfindlich und harsch reagiert, wenn es um von ihr beanspruchtes Territorium geht oder wenn sich andere Länder in chinesische innere Angelegenheiten einmischen, findet im traumatisierenden 19. Jahrhundert eine Antwort. Dasselbe gilt für die technologisch ambitionierten Ziele Pekings, die dafür sorgen sollen, dass das Land niemals wieder so die Kontrolle über sich selbst verliert. Die gerade geschilderte Episode ist aber nicht die größte bisherige Belastungsprobe Chinas, diese kommt erst noch.
1937 steht China im Krieg mit Japan – und sich selbst
13. August 1937, die Schlacht um Shanghai beginnt. Das chinesische Kaiserreich ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert Geschichte, die letzte Dynastie hat abgedankt. Seither ringt das Land um die künftige Herrschaftsform und Führung. Zwei mächtige Anwärter bilden sich schließlich heraus, die Nationalistische Partei Chinas (Guomindang) unter der Führung Chiang Kai-sheks und die Kommunistische Partei unter Mao Tse-tung. Ihr Konkurrenzkampf mündet in eine jahrelange blutige Auseinandersetzung, die das Land durchzieht und umwühlt.
Sie unterscheiden sich weltanschaulich, politisch, wirtschaftlich, die einen genießen Sympathien in Amerika, die anderen in Russland. Inmitten des chinesischen Bürgerkriegs beginnt Japan – die vermeintliche Gunst der Stunde nutzend – damit, seinen Einmarsch fortzusetzen und weitere Gebiete zu erobern. Ohne dass er offiziell erklärt wird, bricht Krieg zwischen beiden Ländern aus.
Die Japaner marschieren in den Großstädten Peking und Tianjin, später eskalieren die Kämpfe weiter südlich, diesmal geht es um Shanghai, das ebenfalls von Tokios Truppen überrannt wird. Die Schlacht kostet Schätzungen zufolge mehrere Hunderttausend chinesische Soldaten und unzählige Zivilisten das Leben. Noch schlimmer geht es in der Stadt Nanjing zu, in der die japanischen Soldaten ein Massaker anrichten, nachdem die chinesische Armee sich zurückgezogen hat. Sie plündern, morden und vergewaltigen wochenlang, abermals sollen mehrere Hunderttausend Menschen gestorben sein.
Von den Gräueltaten zeugen Quellen wie beispielsweise die Tagebucheinträge des damals dort stationierten Siemens-Managers und NSDAP-Mitglieds John Rabe, der gemeinsam mit deutschen und amerikanischen Missionaren und Ärzten eine Zufluchtszone für Chinesen einrichtet und dafür bis heute verehrt wird; sein Wirken wird später mehrfach verfilmt.
Im Zweiten Weltkrieg erobern die Japaner schließlich nahezu die gesamte Ostküste Chinas und Teile des Hinterlandes. Sie richten Konzentrationslager ein, in denen Gefangene zum Arbeitsdienst gezwungen oder mitunter auch zu Testzwecken mit Krankheiten wie Milzbrand infiziert werden, um biologische Kampfstoffe zu entwickeln.

Infolge der japanischen Invasion sterben Millionen Chinesen, viel mehr noch fliehen in andere Landesteile. Die Japaner verlieren den Zweiten Weltkrieg und müssen sich auch aus China zurückziehen. Der Bürgerkrieg geht indes noch einige Jahre weiter. Am Ende setzen sich Maos Kommunisten durch, Chiang Kai-shek flieht mit seinen Truppen in das von Japan zurückeroberte Taiwan und führt dort fortan die Republik China.
Maos Kommunismus gewinnt
Am 1. Oktober des Jahres 1949 ruft Mao in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China aus. Mehr als hundert Jahre, in denen China an inneren und äußeren Kriegen, Unruhen oder Umstürzen beinahe zerbrochen wäre, gehen zunächst zu Ende. Das Land und seine Bevölkerung sind zerschunden. Mao und seine Mitstreiter errichten einen kommunistisch-autokratischen Einparteienstaat. Sie verbessern die medizinische Versorgung, verschaffen mehr Menschen Zugang zu Bildung. Doch die Bevölkerung bleibt arm und unterdrückt.
Eine unter dem Titel „Großer Sprung nach vorne“ vermarktete Modernisierungs- und Kollektivierungsvision, mit der Mao technologisch zu Europa aufschließen und sich zugleich von der Sowjetunion abgrenzen will, schlägt dramatisch fehl – Millionen Menschen verhungern. Bald darauf tritt er seine sogenannte Kulturrevolution los und bringt abermals unsägliches Leid über seine Landsleute.
Außenpolitisch ändert sich die Lage indes zum Besseren. Die Amerikaner ersinnen den Plan, in ihrer System-Auseinandersetzung mit der Sowjetunion China auf ihre Seite zu ziehen. Präsident Richard Nixon schickt seinen damaligen nationalen Sicherheitsberater Kissinger im Jahr 1971 auf Geheimmission nach China, um Kontakt aufzunehmen mit der kommunistischen Führung und sie von seinem Ansinnen zu überzeugen. Mit Erfolg.
Auf Mao folgt die ökonomische Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts
Die Volksrepublik wird auf Druck Washingtons von westlichen Ländern anerkannt. Sie übernimmt überdies Taiwans Sitz in den Vereinten Nationen, auch im wichtigen Sicherheitsrat. Mao stirbt im Jahr 1976. Eine unter dem Strich grausame Ära geht zu Ende in China.
Der Rest ist breiter bekannt: China beginnt unter neuer Führung, die sich mit dem Namen Deng Xiaoping verbindet, marktwirtschaftliche Reformen auf den Weg zu bringen und das Land kommerziell und wissenschaftlich zu öffnen. Was in den kommenden Jahrzehnten folgt und gelingt, ist die wohl größte ökonomische Erfolgsgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Hunderte Millionen Menschen entkommen der Armut, der Wohlstand wächst in der breiten Bevölkerung erheblich, aus der einstigen Fischereistadt Shenzhen wird eine mit dem Silicon Valley vergleichbare Hochtechnologieregion, Shanghai entwickelt sich zu einem international bedeutenden Finanzstandort, die chinesische Industrie wird die größte des Planeten, inzwischen zählen beispielsweise chinesische Autokonzerne und Internetunternehmen zur Weltspitze, chinesische KI-Forscher ebenso. Dem Reich der Mitte glückt der wirtschaftliche Wiederaufstieg – und auch der militärische.

Eine Demokratie nach westlichen Vorstellungen wird China nicht, will es auch nicht werden. Die Kommunistische Partei unterdrückt Meinungen und Minderheiten mit teils rabiaten Methoden. Und sie hält fest an einer auf zwei Säulen fußenden Hierarchie, einer staatlich-bürokratischen und einer parteilichen, die mitunter im Westen nicht genau verstanden wird.
Xi Jinping konzentriert die Macht auf sich
Der amtierende chinesische Außenminister Wang Yi ist zum Beispiel zugleich Mitglied des mächtigen Politbüros der Kommunistischen Partei und damit in China deutlich ranghöher als der deutsche Außenminister Johann Wadephul hierzulande. Der amtierende Staats- und Parteichef Xi Jinping befindet sich in seiner dritten Amtszeit. Er regiert inzwischen deutlich länger als seine beiden unmittelbaren Vorgänger, die nach zwei Perioden ihre politische und militärische Position weitergegeben haben. Xi konzentriert mehr Macht auf sich und stellt seine Person mehr in den Vordergrund. Wie das weitergeht, darüber streiten die Gelehrten.
Dessen ungeachtet nehmen die Spannungen zwischen Washington und Peking seit Jahren zu. Beide konkurrieren wirtschaftlich, technologisch, machtpolitisch. Beide aus unterschiedlichem Antrieb. Konkret geht es um Künstliche Intelligenz, Taiwan, Seltene Erden, Sojabohnen, solche Sachen. Abstrakt geht es um das Recht auf die eigene Weiterentwicklung.
Jedes Land hat seine Geschichte. Sie legitimiert nicht automatisch gegenwärtiges Verhalten. Aber sie erklärt und vermittelt es. Verstehen ist die Basis für Verständigung. Und Verständigung scheint so nötig wie lange nicht mehr. Denn wieder stellt sich die Frage, diesmal rund um die Welt: Was kommt, wenn eine bestehende Ordnung zerbricht?