Chef von Boehringer Ingelheim: „Pharma braucht keine Seltenen Erden, Pharma braucht helle Köpfe“
Herr Deshpande, vor Kurzem haben Sie Kanzler Merz auf seiner Reise nach Indien begleitet. Wie haben Sie das Land erlebt?
Für mich war es nicht nur meine erste Reise mit dem Bundeskanzler, sondern auch die Möglichkeit, das Heimatland meiner Eltern aus einer anderen Sicht zu sehen. Der wirtschaftliche Fortschritt in Indien ist beeindruckend. Sie sprechen dort von acht bis zehn Prozent Wachstum im Jahr. Für Deutschland und Europa ist das ein Signal, enger mit Indien zusammenzuarbeiten. Jetzt muss man sehen, wie das Handelsabkommen mit Leben gefüllt wird. Besonders spannend war für mich die Pharmaindustrie. Indien ist gerade in der Herstellung von generischen Arzneimitteln stark. Nun hat das Land aber auch den Willen, in innovative Forschung vorzudringen.
Haben Sie für Boehringer schon Ideen für Partnerschaften mitgebracht?
Es gibt frühe Ideen. Zwar steigt man auf einer eineinhalbtägigen Reise nicht sehr tief in die dortige Pharmaindustrie ein. Man gewinnt aber Eindrücke: Dieser fast grenzenlose Optimismus in die eigene Wirtschaftskraft ist für uns ein Anstoß, den Markt näher anzuschauen. Bisher sind wir in Indien mit ungefähr 500 Mitarbeitern vertreten. Wir haben dort keine eigene Produktion, aber einen Vertrieb, und wir engagieren uns in Forschungskollaborationen. Indien ist sehr stark in Naturwissenschaften. Was aber im Vergleich zu China noch fehlt, ist das Bekennen zu Innovation in der Pharmaindustrie, eben weil der Schwerpunkt auf der Generikaproduktion liegt. China steht dagegen heute schon für 35 Prozent aller neu eingeführten Arzneimittel weltweit – noch vor den USA und Europa.
Weiterhin ist Europa bei generischen Medikamenten stark auf China und Indien angewiesen. Nach einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft stammen 76 Prozent der in Deutschland eingeführten Antibiotikamenge aus China. Soll Europa wieder Produktionsstätten zurückholen, um Lieferketten stabiler zu machen?
Im Generikabereich wurden in der EU die Preise über Jahre so gedrückt, dass Hersteller ihre Produktion in Europa kaum mehr rentabel gestalten konnten. Sie haben sich nach anderen Produktionsorten umgesehen – und die Chinesen und Inder haben das dankend angenommen. Nun müssen wir feststellen, dass wir die Abhängigkeit selbst erschaffen und mitfinanziert haben. In Deutschland sind aktuell rund 500 Wirkstoffe knapp, mittlerweile gibt es in Europa nur noch einen großen Antibiotikahersteller. Damit die forschende Pharmaindustrie nicht die gleiche Entwicklung nimmt, müssen wir jetzt gegenlenken.
Wenn die Produktionskosten so hoch sind: Wie kann es sich Boehringer leisten, noch hier am Standort in Ingelheim oder auch in Biberach und Wien zu produzieren?
Dadurch, dass wir im forschungsintensiven und patentgeschützten Bereich arbeiten, können wir hier zum Marktstart neuer Produkte andere Preise aufrufen, als die Generikahersteller später erzielen können. Deswegen kann Boehringer auch eine hundertprozentige Versorgungssicherheit für seine Produkte bieten. Generell stellt sich aber die Frage, was wir als Gesellschaft wollen. Bis jetzt wollten wir in Europa niedrigere Preise. Nun kommen aber Themen wie Versorgungssicherheit, Resilienz und Verfügbarkeit von Topinnovationen hinzu. Was sind uns also Gesundheit und Innovation wert? Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel das Medikament Jascayd auf den Markt gebracht. In Amerika und China ist es bereits für Patienten mit Lungenfibrose erhältlich. Auch in Japan wird es bald auf den Markt kommen. In Deutschland werden wir bis September warten müssen, weil die Zulassung noch dauert.

Warum ist das so?
Zum einen liegt es daran, dass die Zulassung in Europa grundsätzlich langsamer ist als in Amerika und China. Zum anderen kostet das Erstattungsverfahren Zeit. Extrem zeigt sich das auch bei unserem Produkt Hernexeos. Das ist ein Mittel zur Behandlung von HER2-mutiertem, kleinzelligem Lungenkrebs, das wir im selben Zeitraum wie Jascayd eingeführt haben. In Amerika ist das Medikament seit August erhältlich. In Deutschland werden wir erst 2028 auf den Markt gehen können, weil von den Behörden eine direkte Vergleichsstudie gefordert wird, die Zeit und Geld kostet. Deutsche Innovation erreicht Europa zuletzt.
Können Sie das Patienten erklären?
Nein. Menschen, die nur noch wenige Monate zu leben haben, kann man das nicht erklären. Auch amerikanischen, chinesischen oder japanischen Ärzten können wir nicht erklären, warum das Produkt in Deutschland noch nicht zugelassen ist. Die glauben natürlich, dass wir es zu Hause als Erstes anbieten, und wollen Erfahrungswerte hören. Absurd ist: Selbst wenn wir nur einen im europäischen Vergleich akzeptablen Preis anstreben, müssen wir eine zweijährige Vergleichsstudie durchführen. Das hat nichts mehr mit Innovation zu tun. Hier suchen wir den Dialog. Über den Verbrennermotor lesen Sie fast jeden Tag in der Zeitung. Was aber ist mit der Wertschöpfung, die die Pharmaindustrie leistet? Es gibt 130.000 Mitarbeiter in Deutschland, und die Forschungsintensität ist mit am höchsten über alle Industriezweige. Pharma braucht keine Seltenen Erden, Pharma braucht helle Köpfe.
Aktuell läuft der Pharmadialog mit Vertretern des Gesundheitsministeriums. Welche Reaktionen kommen dort?
Ich glaube schon, dass die Bundesregierung die Bedeutung der Pharmaindustrie als Leitindustrie erkannt hat. Angesichts der Dringlichkeit, mit der die Amerikaner uns in die Verhandlungen gezwungen haben, geht es im Dialog aber noch zu theoretisch voran. Wir versuchen, das gleiche Gesundheitsbudget zu optimieren – daran scheitert die Sache.
Brauchte es auch ein Sondervermögen für die Pharmaindustrie?
Es gibt viele Möglichkeiten, die man sich anschauen muss. Erst mal muss der Wille da sein, medizinische Innovation anders zu finanzieren. Unsere wahnsinnige Bürokratie muss abgebaut werden. Wo sind die Effizienzen im Gesundheitssystem? Warum stecken wir als Gesellschaft so viel in die letzten Lebensjahre und nicht in die Prävention, in die Frühdiagnose? Ich war neun Jahre in Japan. Da kann man sehr viel lernen. Die Japaner haben ein wesentlich niedrigeres Gesundheitsbudget je Kopf und eine wesentlich höhere Lebenserwartung.
Welche Maßnahmen würden Sie sofort von Japan übernehmen?
Wenn wir außer Acht lassen, dass sich Japaner prinzipiell gesünder ernähren, geht man dort ganz anders mit dem Thema Frühdiagnose um. Jedes Jahr gibt es für jeden Bürger einen Gesundheits-Check-up. Dabei werden Krebs, Lungen- und Nierenkrankheiten früher erkannt. Die Kosten einer Dialyse oder Nierentransplantation können so erheblich sinken, wenn die Behandlung früher ansetzt. Das könnte man sofort übernehmen.
Boehringer Ingelheim war eines von 17 Pharmaunternehmen, die im vergangenen Sommer per Brief von Donald Trump zu sofortigen Preissenkungen aufgefordert wurden. Welche Zugeständnisse haben Sie gemacht, um Zölle abzuwenden?
Im Prinzip haben wir uns geeinigt, dass wir in Amerika investieren werden und einige unserer Produkte zu einem günstigeren Preis für US-Patienten auf der sogenannten TrumpRX-Website anbieten werden. Ähnlich gefasste Deals haben auch die anderen Pharmaunternehmen ausgehandelt. Für Boehringer sind die USA der mit Abstand größte Einzelmarkt. Unser stärkstes Produkt, das Herzinsuffizienzmittel Jardiance, ist zum großen Teil auch in den staatlichen Erstattungskanälen Medicare und Medicaid enthalten. Insofern haben wir uns geeinigt, die Produktion in Amerika auszuweiten. Da Boehringer schon lange in Amerika aktiv ist und dort auch unser drittgrößter Standort für F&E liegt, ist es natürlich, weiter in Amerika zu investieren.
Wenn sich nun europäische Unternehmen infolge von Trumps Drohungen stärker verpflichten, in den USA zu investieren: Welche Folgen hat das für den Forschungsstandort Deutschland?
Boehringer ist vielleicht das Pharma-Unternehmen, das am engsten mit Deutschland verbunden ist. Wir geben in Biberach den großen Teil unserer Forschungsgelder aus: Von 25 Milliarden Euro insgesamt haben wir über die letzten fünf Jahre mehr als elf Milliarden in Deutschland investiert. Warum? Weil wir hier Talente finden. Weil wir hier bis jetzt einen guten Absatzmarkt hatten. Weil wir gut vernetzt sind in Europa. Es gibt viele Voraussetzungen, die stimmen. Und das muss man auch offen sagen. Nur, wenn sich Unternehmen zunehmend fragen müssen, ob sie ihre Produkte hier noch anbieten, ist das keine gute Perspektive. Hinzu kommt der Hebel der Amerikaner, auf den günstigsten Preis in einem Land zu referenzieren.
Können Sie Trump verstehen?
Ich habe lange in Amerika gelebt und kann nachvollziehen, wo Trumps Denkweise herkommt. Die globale, forschende Pharmaindustrie hat sich zu 70 Prozent von den Amerikanern finanzieren lassen. Ich glaube, dass die Preise in den USA zu hoch sind, und ich glaube auch, dass die europäischen Preise mittlerweile zu niedrig sind. Nur wo ist das neue Equilibrium? Das müssen wir noch finden.
Für Trump ist es ein besonderes Anliegen, die Kosten für Abnehmspritzen in den USA zu senken. Auch Boehringer will sich mit einem deutschen Präparat in den Markt wagen. Adipositas verursacht jährlich Gesundheitskosten in Milliardenhöhe in den USA. Bislang müssen Patienten die teuren Präparate meist selbst bezahlen. Warum ist die Zahlungsbereitschaft so hoch?
Adipositas ist nicht länger ein Stigma, sondern ein medizinisches Problem, das erkannt wurde. Das erste Mal überhaupt gibt es eine Reihe von Mitteln, um dieses Übergewicht zu bekämpfen und damit einhergehende Nachfolgekrankheiten einzudämmen: Diabetes, Lebererkrankungen, Nierenerkrankungen. Dafür sind Patienten bereit, auch aus eigener Tasche zu zahlen. Davon können Gesundheitssysteme gerade viel lernen. Die Frage ist natürlich, wie es weitergeht, wenn Menschen ihr Zielgewicht erreicht haben. Bleiben sie dabei? Wie vermeiden sie einen Jo-Jo-Effekt? Perfekt ist da noch lange nichts.
Wegovy-Hersteller Novo Nordisk hat die Marktführerschaft in den USA an Eli Lilly verloren, dessen Abnehmspritze günstiger ist und wirksamer sein soll. Mit auslaufenden Patenten und dem Aufkommen von Pillen werden die Preise sinken. Viele Patienten werden auf Tabletten umsteigen. Wo sehen Sie überhaupt noch Potential?
Vieles wird davon abhängen, wie die Daten aus der Phase-III-Studie ausfallen. Unsere Idee setzt bei den Patienten an, die nicht nur Adipositas, sondern auch die Lebererkrankung MASH, also Metabolic Dysfunction-Associated Steatohepatitis, haben. Da erhoffen wir uns ein Alleinstellungsmerkmal, indem wir mit unserem Mittel Survodutid nicht nur auf das Hungergefühl und die Fettverbrennung, sondern auch auf die Funktionalität der Leber positiv einwirken.
Bevor Sie Vorstandsvorsitzender wurden, haben Sie den Geschäftsbereich Tiergesundheit geleitet: Im Jahr 2024 hat Boehringer damit einen Umsatz von 4,7 Milliarden Euro eingefahren. Umsatztreiber ist hier das Mittel Nexgard gegen Würmer und Flöhe. Wie viel Potential gibt es noch?
Boehringer hat weltweit einen Marktanteil von rund 17 bis 18 Prozent bei Tiergesundheit. Wir waren das Unternehmen, das mit den Antiparasitika Hunde aus dem Garten ins Haus gebracht hat. Nach der Covid-Welle, als sich jeder einen Hund angeschafft hat, gab es in Europa und in Nordamerika zwar eine Sättigung. Wir sehen aber steigende Haustierzahlen in anderen Ländern. Das heißt: Steigende Mittelklasse bedeutet auch eine steigende Anzahl von Hunden und Katzen.
Und dafür greifen Tierbesitzer – ähnlich wie bei der Abnehmspritze – sehr tief in die Tasche. Ist das ein länderübergreifender Trend?
Ja. Grundsätzlich sind Haustierbesitzer bereit, für hochwertige Medizin mehr Geld auszugeben. Tiere leben heute auch länger, genau wie die Halter. Wir sehen da viele Parallelen, auch in der Forschung. Wenn zum Beispiel der Halter Adipositas hat, ist meist auch der Hund übergewichtig. Für Katzen mit Diabetes haben wir vor gut zwei Jahren den Wirkstoff Velagliflozin auf den Markt gebracht. Hier liegt noch enorm viel Innovation vor uns. Neben Haustieren entwickeln wir auch für Nutztiere Medikamente und Impfstoffe. Das mag unromantisch klingen, aber mit einer steigenden Bevölkerung und Wirtschaftskraft erhöht sich auch der Anteil an Proteinen in der Nahrung. Wir tragen damit zur Nahrungsmittelkette bei.
Bei Nutztieren kam es in der jüngeren Vergangenheit zu Ausbrüchen von Seuchen wie Vogelgrippe und der Maul- und Klauenseuche. Ist das für Boehringer dann ein gutes Geschäft?
Wir wollen natürlich keine Ausbrüche haben. Als Unternehmen wollen wir die Gesellschaft aber darauf vorbereiten. Im Jahr 2024 hat sich die Blauzungenkrankheit extrem schnell in Deutschland, in den Benelux-Ländern und Frankreich ausgebreitet. Darauf konnten wir uns einstellen. In nur sieben Monaten haben wir einen Impfstoff entwickelt, den wir durch eine Notverordnung schnell produzieren und millionenfach ausliefern konnten. Denn wenn die Tiere nicht geimpft werden, müssen sie gekeult werden – das trifft auch viele gesunde Tiere. Neben einem ethischen Problem wird das zu einem wirtschaftlichen Verlust.
Die Zahlen für das abgelaufene Jahr stellen Sie erst Ende März vor. Geben Sie schon einen Ausblick, ob die Umsätze – 27 Milliarden Euro im Jahr 2024 – übertroffen wurden?
2025 war wirklich ein aufregendes Jahr und für mich natürlich das erste Jahr als Chef der Humansparte und Vorstandsvorsitzender. Da gibt es so viel Gutes zu erzählen, das will ich mir noch ein wenig aufsparen.
Zur Person
Shashank Deshpande ist seit Juli 2025 Vorstandsvorsitzender des Familien- und Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim und verantwortlich für die Humangesundheit-Sparte. Er übernahm die Führung vom Urenkel des Unternehmensgründers Hubertus von Baumbach. Seine Karriere begann Deshpande, der neben der deutschen auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, nach seinem BWL-Studium beim Beratungskonzern Capgemini. Es folgten Stationen beim französischen Pharmaunternehmen Sanofi, für das der Manager zehn Jahre lang in den USA tätig war.
Im Jahr 2012 wechselte Deshpande zu Boehringer. Bevor er in den Vorstand berufen wurde, war der gebürtige Hesse mehrere Jahre für das Japan-Geschäft tätig, der zweitgrößte Einzelmarkt für den Konzern, nach den USA und vor Deutschland. Zudem leitete Deshpande nach seiner Rückkehr nach Deutschland den Geschäftsbereich Tiergesundheit.
Boehringer Ingelheim ist – gemessen am Umsatz – das größte Pharmaunternehmen Deutschlands. Im internationalen Vergleich belegt das Familienunternehmen nach einer Erhebung des Branchenmagazins „Fierce Pharma“ Rang 15 – vor Bayer und der Merck KGaA. Das Unternehmen verfolgt einen ganzheitlichen Forschungsansatz für Mensch- und Tiergesundheit. Zu den wichtigsten Arzneimitteln („Blockbustern“) zählen Jardiance und Ofev, deren Patente in einigen Märkten schon auslaufen. Neue Marktchancen erhofft sich Boehringer mit seiner Abnehmspritze Survodutid, für die ein genauer Starttermin noch nicht bekannt ist.