Campusroman | Zwischen Fußnote und Farce: Dario Ferrari bissige Universitätssatire

Campus Novels oder Universitätsromane haben hierzulande nie recht reüssiert. Sieht man von Der Campus (1995) ab, also von Dietrich Schwanitzens etwas penetrantem Aufguss der mustergültigen Romane von David Lodge aus den Achtzigern, dann fällt einem nur Annette Pehnts feines Hier kommt Michelle von 2010 ein. Nun ist die deutsche Universität nie so Lebensmittelpunkt von Studierenden und Lehrenden gewesen wie in England oder den USA. Schon gar nicht mehr seit Durchmodularisierung und Exzellenzmanie.
In Italien scheint das noch anders zu sein, zumal dort das Ordinarien- und Pfründenwesen souverän alle nach Bologna benannte Studienbürokratie zu überdauern scheint. Jedenfalls, wenn man Dario Ferraris Roman Die Pause ist vorbei Glauben schenken will, der bei seinem Erscheinen dort 2023 begeistert begrüßt wurde. Marcello, der sich im „Kokon seines Phlegmas“ eingerichtet und sich „zwanzig Jahre Pubertät“ spendiert hat, hat just mit 30 sein Studium abgeschlossen und einen Horror davor, die Bar seines Vaters übernehmen zu müssen. Er bewirbt sich daher in Pisa um ein Promotionsstipendium. Auch, um nicht so ganz blöd vor seiner Freundin Letizia dazustehen, angehende Medizinerin, aus wohlhabendem Hause, ehrgeizig und fokussiert.
Die Bewerbung gerät zur ersten virtuosen Passage durch den Höllenkreis der Uni. Eine Mischung aus Selbstmarketing und Börsenspekulation: Welche Buchtitel der Professoren muss man kennen, wer sind die Konkurrentinnen, was ist angesagt, wer hat das Sagen? Nun, er bekommt ein Stipendium – weil Großprofessor Sacrosanti ein ganz spezielles Interesse hat. Er wolle ja keinen Roman schreiben, für den man „äußerste Strenge und Dreistigkeit gleichermaßen“ brauche, sondern eine strikt geregelte Fachwelt betreten. „In dieser Welt ist es üblich, mit Umsicht zu agieren.“
Nicht vorhandene Hotelbetten sind das geringste Problem
Darum drückt er ihm die Befassung mit Tito Sella auf, einem Terroristen aus den 1970ern. Sella verübte mit der Brigade Ravachol spektakuläre Aktionen, die in Raub, Entführung und Mord endeten. Während sein Komplize Palamides verschwunden blieb, wurde Sella verurteilt und begann in der Haft eine Karriere als Starautor, der in Marcellos Alter bereits sein bedeutendstes Werk veröffentlicht hatte.
Vor allem soll es bei der Dissertation aber um Phantasima gehen, einen mysteriösen autobiografischen Text, der als verschollen gilt, vielleicht nie geschrieben wurde. Marcello muss sich erst einmal ins akademische Arbeiten einführen lassen, bei dem Fußnoten eine prominente Rolle spielen. Sacrosanti, der „Mourinho der italienischen Literatur“, ist zwar eine Ausnahme, denn er behandelt seine Doktoranden nicht als Leibeigene, doch bald muss Marcello einen Kongress für ihn organisieren, wovon er keine Ahnung hat, aber nun umso schneller lernt, dass die Universität eine eigene Welt ist, „in der alle unter einer schwer gestörten Realitätswahrnehmung leiden“, in der sich selbst Lowperformer für Rockstars halten. Nicht vorhandene Hotelbetten, weil Bob Dylan gleichzeitig ein Konzert gibt, sind noch das geringste Problem. Was Ferrari naturgemäß zu weiterem virtuosen Schmäh nutzt.
Wobei wir etwa mitbekommen, dass einen Wissenschaftler als „belesen“ zu bezeichnen, mies ist, als „gelehrt“ noch mieser – und mit „gebildet“ gibt man ihm einen „Tritt in den Arsch“. Damit ist man einigermaßen in Machtverhältnisse, Rituale, Konventionen und Sprachregeln des akademischen Betriebs eingeführt.
Und so geht es zum zweiten Teil, in dem wir erfahren, was Marcello in Paris über die Biografie Tito Sellas herausbekommen hat – eine nun eher distanziert nüchtern erzählte Ein- und Rückführung in die damalige Lebens- und Denkwelt der Roten Brigaden, in Aktionismus und Zaudern, Hierarchien und Rivalitäten, Freundschaften und Liebesbeziehungen, unterschiedliche Temperamente, Sprachreglungen und Tabus. Dabei erscheint Sella Marcello nicht unähnlich, denn er grübelt, ob ihre Aktionen nicht eher Parodien auf die von wahren Revolutionären seien. Zunächst erscheint das auch so, eine skurrile Entführung, bei der man die Summe von „zweitausend Monatslöhnen eines ungelernten Werftarbeiters“ erbeutet. Die Sprengung eines Karnevalswagens. Bis die Farce in Tragik endet.
Ferraris Roman ist bei allem bissigen Spott eine Hommage an die Literatur
Im dritten Teil begleiten wir Marcello durch Paris, durch die Verführungen der Stadt und die einer italienischen Kommilitonin, an der die Beziehung zu Letizia zerbrechen wird, aber auch in die Bibliotheque National, mit Kabinettstückchen zur französischen Bürokratie und Akademikerarroganz, zur Verwandlung der Literatur für alle in Literatur als „Wichsvorlage“ für Intellektuelle – und natürlich die Frage, die nicht nur Marcello umtreibt, sondern vom Roman selbst durchgespielt und reflektiert wird, wie sich Leben und Werk zueinander verhalten, was wir über das Werk vom Autor und von dessen Biografie übers Werk erfahren.
Und dann ist da noch die entscheidende Pointe des Romans, die nicht verraten werden darf. Ferraris Roman ist bei allem bissigen Spott wie mildem Humor über die Literaturwissenschaft eine Hommage an die Literatur. Aber in der raffinierten, eleganten und zugleich tiefgründigen wechselweisen Spiegelung der tragikomischen Paradoxien der einstigen Revolutionäre mit den Alltagsmiseren und akademischen Flausen der Jetztzeit gelingt ihm darüber hinaus, beide Welten je neu ins Licht zu setzen und obendrein zu demonstrieren, dass allein Literatur das vermag, indem sie Leben und Werk, Vergangenheit und Gegenwart ineinander verkehrt.
Der Titel zitiert de Gaulles Botschaft an die 1968 demonstrierenden Studenten, der Roman setzt dessen Umkehrung ins Werk. Und aus der Umkehrung von Italo Calvinos Satz „Manchmal hält man sich für unvollkommen und ist doch nur jung“, zieht Marcello, nun Ende dreißig, seine Lehre: „Manchmal hält man sich für jung und ist doch nur unvollkommen.“
Die Pause ist vorbei Dario Ferrari Christiane Pöhlmann (Übers.), Wagenbach 2026, 352 S., 26 €