Buchhandlungen sind magische Orte: Aber Wolfram Weimer kann nur Buchstabensuppe
Wie unfassbar schön ist es, in der Buchmessestadt Leipzig anzukommen, im Sackbahnhof aus dem Zug zu springen und beschwingt von Buchvorfreuden die riesige Buchhandlung im Hauptbahnhof auf der Gleisebene zu besuchen? Für alle Reisenden ein Labsal, öffnet sie bereits um 5.30 Uhr ihre Pforten und versorgt uns Lesehungrige mit dem nötigen Lesestoff, denn ohne Bücher gibt es keine wahre Seligkeit.
Ich hatte die fette Freude, dort als Autor mehrfach diverse Bücher vorstellen zu dürfen. Reisende, Bahnpersonal, Messebesucher, zufällig vorbeikommende Neugierige bevölkerten den großen Saal der Buchhandlung. Traf ich den Nerv der Anwesenden, ergaben sich knorkeske Gespräche zur Aftershow über das, was uns alle bewegt: gute Geschichten, neue Bücher, Verbrecher, Politiker und ihre Schweinigeleien, der globale Rechtsruck.
Ob in großen Städten wie Leipzig oder in der Provinz, wer sich auf das Publikum einlässt, kann Überraschungen erleben. Mein vorletztes Buch Der Pate von Neuruppin führte mich an viele Buchorte. Die Premiere im beschaulichen Fontanestädtchen Neuruppin wurde von der größten lokalen Buchhandlung (natürlich nach Fontane benannt) ausgerichtet.
Vor der Tür protestierten drei schwäbische Superchristen
Wir waren vom Publikumsinteresse überwältigt und mussten von der Buchhandlung in die Stadthalle ausweichen, wo knapp 800 Menschen mehr über die Abenteuer und Untaten ihres einstigen lokalen Koksbandenchefs erfahren wollten. Die Lesung wurde zur wilden Diskussionsrunde über die Verstrickung lokaler Politiker, Polizisten und Stadtangestellter in den Kriminalfall. Vor der Tür protestierten drei schwäbische Superchristen gegen die Satans-Propaganda, mittendrin ich, leicht überfordert.
Die Buchhändlerin hatte ein durchaus differenziertes Bild zur Bande und deren Verbrechen, wollte aber genau dieses Buch der Stadt präsentieren. Es erwuchs ein im positiven Sinn wunderbar kontroverses Durcheinander, während draußen eine mobile Polizeistaffel mit Drogenhunden die in ihren Stuben sitzenden, besorgten Bürger beschützte, man weiß ja nie.
Buchhandlungen sind Bindeglieder zwischen Schreibern und Lesern, jeder wird liebevoll an die Hand genommen. Die Oberärztin trifft den Straßenbahnschaffner, man vertraut den Buchhändlern, die in ihren besten Momenten die Wünsche und Interessen ihrer ziellos herumirrenden Kunden an deren Nasenspitze erkennen können.
Ich trat während Lesetouren in vielen kleinen Orten auf
Vergangenen Freitag war es wieder so weit, als ich unter der Schirmherrschaft der Berliner Buchbox im proppenvollen Humboldthainclub die Premiere meines neuen Buchs feiern durfte. Weil die Buchhandlung zu klein war, um den Andrang bewerkstelligen zu können, wichen wir in den von Gentrifizierung bedrohten Weddinger Club aus. In Balkanblut, Leben und Sterben des serbischen Mafiosos und Warlords Arkan geht es um das Wurzeln des Bösen, um Kriminalität, ethnische Vertreibung und Krieg.
Heiße Streitgespräche im Clubraum, während softer Techno unsere Gehörgänge föhnte und frische Bücher aus unseren Arschtaschen ragten. Palaver bis in die Puppen, die letzten sahen das Morgenrot im legendären Weddinger Magendoktor aufgehen. Im Laufe meiner Lesetouren trat ich in vielen kleineren Orten auf, zumeist wurden die Lesungen von Buchhandlungen betreut, fast immer von Frauen geführt.
Bei Frankfurt/Oder sprach ich mit lesenden Handwerkern, die sich als AfD-Wähler entpuppten und mich mit ihren kritischen Fragen herausforderten. Mit Rechten reden? Klares Ja. Eine Buchhandlung ist keine Kneipe. Alles blieb friedlich, die Sonne schien für jeden von uns.
In der Goethe- und Buchenwaldstadt Weimar wurde es hitzig, als ein Besucher die Contenance verlor. Ich führte ihn an die frische Luft, die Buchhändlerin trat mit einem Birnenschnaps hinzu und glättete allen Zorn. In Triptis besangen wir gemeinsam den großen FC Carl Zeiss Jena, in Rostock deklinierten wir den Begriff Zivilgesellschaft.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat Furcht vor Kritik
Einmal wurde es in Bautzen brenzlig, als ich meine frühere Tätigkeit als Wandzeitungsredakteur nicht für mich behalten konnte, zuständig für Agitation und Propaganda (7. Klasse, POS Friedrich Fürnberg, ab der 8. Klasse wurde ich renitent bis zum Bausoldaten-Antrag). In Mainz wurde abermals gesungen, diesmal Bella Ciao, dass sich in der kleinen Buchhandlung die Balken bogen.
Auch bei Thalia trifft man tolle Buchhändlerinnen, die sich ein Publikum geschaffen haben. Buchvorstellungen unter echten Menschen sind eine wichtige Angelegenheit. Zum einen ist es für den Autor naturgemäß das Lesungshonorar. Zum anderen sind es die tiefen, flachen, beglückenden, anstrengenden Begegnungen und Gespräche mit Menschen – im besten Fall nehmen alle etwas davon mit nach Hause. Lesungen bieten Raum für Diskurs und Austausch, es gibt auf unserer schrecklichen Menschenwelt keine schöneren Orte als Buchhandlungen und Bibliotheken.
Wahres Glück finde ich in Büchern und Buchorten. In einer fremden Stadt halte ich zuerst Ausschau nach Buchhandlungen, Friedhöfen und Fußballstadien, ungefähr in dieser Reihenfolge. Ein paar Worte zu Wolfram, dem drögen Kulturbürokraten und Kulturverhinderer. Du trauriger Kulturstaatsminister hast aus Furcht vor Kritik drei Juryvorschläge gestrichen und nun die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises in Leipzig gänzlich abgesagt.
Schande über dich, ein Platz im Bücherhimmel ist dir für immer verwehrt, wie mein Freund Arno Schmidt mir gestern gegen drei Uhr nachts geflötet hat. Die Entscheidung im Elysium fiel einstimmig. Wolfram, das war’s, für dich wird’s welke Rosen regnen, und dir bleibt nur ein Job als Koch in der Kantine des Buchstabensuppenmuseums.
Frank Willmann, geboren 1963 in Weimar, 1984 Ausreise nach Westberlin. Mit Anne Hahn veröffentlichte er mehrere Sachbücher, die sich der Aufarbeitung von subkulturellen Strömungen in der DDR widmen, unter anderem: Stadionpartisanen. Fans und Hooligans in der DDR (2007) und negativ-dekadent: Punk in der DDR (2022).
Er schreibt für diverse Zeitungen und Magazine, ist Mitglied der Akademie für Fußballkultur und ist Kolumnist im Neuen Deutschland. Sein Buch Der Pate von Neuruppin (2023) war ein Besteller und wurde von der Kritik gefeiert. Soeben ist Balkanblut. Leben und Sterben des serbischen Mafiosos und Warlords Arkan (Klett-Cotta 2026, 304 S., 24 €) erschienen.