Buch | „Die Assistentin“ von Caroline Wahl: Zwischen Hype und Schadensfreude

Plakatwerbung, Info-Screens an Bahnhöfen und Mall-TV mit über 10 Mio. Kontakten“: So großspurig bewarb der Rowohlt Verlag Caroline Wahls Roman Die Assistentin in seiner Sommervorschau 2025.

Die dritte Publikation der 30-jährigen Autorin, die mit 22 Bahnen und Windstärke 17 viel Beachtung erhielt, ist aus mehreren Gründen ein Ereignis. Nicht nur, weil auch dieser Roman kurz nach Erscheinen die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste erklomm oder weil er von den Übergriffen und dem Machtmissbrauch eines Verlagschefs gegenüber seiner Assistentin erzählt – und damit ein Thema berührt, das mit Wahls einstiger Tätigkeit für den Diogenes Verlag in Verbindung gebracht werden kann.

Weibliches Selbstbewusstsein zu viel für die Welt der Literatur

Das eigentliche Ereignis ist die nicht enden wollende Menge an Anschlusskommunikation, die das Buch produziert: Kritiken werden zum Gegenstand von Kritiken, die wiederum kommentiert und kritisiert werden – auch von der Autorin selbst, die sich auf Instagram ausführlich mit der Rezeption auseinandersetzt.

Dieser offensive Umgang mit dem Literaturbetrieb macht Wahl für manche zur Provokation: Selbstbewusst weist sie „unfassbar peinliche“ Rezensionen zurück, reklamiert ihre Verkaufserfolge, posiert – wie sonst eher im Rap – mit Luxusgütern und fordert die Nominierung für den Deutschen Buchpreis, dessen Jury sie bislang ignoriert.

Diese Inszenierung von Autorschaft ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie sich bestens mit dem Thema des neuen Romans verbindet. Es geht darum, wie junge Frauen im Berufsleben auftreten – ob sie sich bescheiden und demütig zeigen sollten, oder ob sie selbstbewusst einen Anspruch auf Anerkennung und Erfolg vertreten dürfen.

Caroline Wahl: „What the fuck“

Zudem zweifeln einige Literaturkritiker:innen daran, ob Wahl als Tochter einer Grundschullehrerin und eines Chirurgen wirklich „aus dem Milieu“ schreibe, das sie in ihrer Prosa darstelle – und dabei Themen wie Armut und Alkoholismus streift. Wahl selbst sagt zu den Vorwürfen – so wird sie von der taz zitiert – nur „What the fuck“ und gibt zu, mit der Intensität und Grausamkeit, mit der sie kritisiert wird, nicht gerechnet zu haben.

Charlotte, die Protagonistin, hat eine „riesengroße Fehlentscheidung“ getroffen: „Schon bevor die riesengroße Fehlentscheidung getroffen wurde, (…) spürte sie, dass das eine riesengroße Fehlentscheidung werden könnte.“

Bereits dieser Einstieg setzt den Ton der subjektiv und mündlich gefärbten Darstellung. Retrospektiv schildert die Erzählerin Charlottes Bewerbung auf die Assistenzstelle, das Leiden unter einem zwischen kindlicher Hilflosigkeit und autoritärem Gebaren schwankenden Verleger, eine wechselhafte Liebesgeschichte, die lange Emanzipation von den Erwartungen des Elternhauses und schließlich das Happy End.

Und das sieht so aus: Kündigung, Karrierebeginn in der Musikbranche und wiedererlangtes Liebesglück. Wer darin den Beweis für das Etikett „New-Adult-Literatur für Akademikerinnen“ sehen möchte, übersieht die kluge, witzige und durchweg doppelbödige Form des Romans. Denn die Erzählerin macht aus ihrer Parteilichkeit für Charlotte, aus Lücken des Berichteten oder aus ihrer Rolle als Regisseurin der Geschichte kein Geheimnis.

So gewinnt Die Assistentin ein doppeltes Thema: Es erzählt vom übergriffigen Verhalten am Arbeitsplatz – und zugleich davon, wie solche Erfahrungen erzählt werden. Eine Stärke des Romans liegt in der Darstellung der Grauzonen des Machtmissbrauchs.

Wahl zeigt, wie schwer aus der Perspektive der Betroffenen zu entscheiden ist, wo missbräuchliches Verhalten am Arbeitsplatz eigentlich anfängt: bei Fragen des Chefs nach dem Liebesleben („Haben Sie einen Freund?“ „Sind Sie verliebt?“), bei Kommentaren zu den klobigen Stiefeln der Assistentin („Herrlich!“ „Sie hat einen ulkigen Kleidungsstil, oder?“), bei Anrufen jenseits der Arbeitszeit, bei scheinbar unverfänglichen Berührungen oder bei unkontrollierten und ungerechtfertigten Wutausbrüchen?

Ein Spiel mit Erwartungen

Weil all dies nicht justiziabel erscheint und Charlotte zahlreichen Erwartungen genügen will, dauert es lange, bis sie erkennt, dass längst Grenzen überschritten sind. Der neue Roman macht sichtbar, wer dazu beiträgt, solche Situationen zu stabilisieren und zu rechtfertigen. Dass Die Assistentin nicht in eine platte Satire abgleitet, liegt auch daran, dass die systemischen Bedingungen für Charlottes missliche Lage eindrücklich beschrieben werden.

Gleichzeitig reflektiert Caroline Wahl auf metapoetischer Ebene, was dazu führt, dass derartige Geschichten geglaubt oder für gelungen gehalten werden. In Einschüben lässt die Erzählerin imaginäre Leser diskutieren, ob die Schilderung „realistisch“ ist; sie verhandelt mit sich selbst, ob die Figuren zu „flach“ sind, ob die Geschichte zu wenig Dynamik habe und wie viel Raum die Liebesgeschichte erhalten dürfe: „Was spricht dagegen, etwas Leichtigkeit in ihre Geschichte hineinzuzaubern? Unrealistisch? Passt nicht?“ Die Erzählinstanz fungiert damit gleichsam als Scharnier zwischen Autorin und Figur.

So wie Charlotte im Verlauf des Romans lernen muss, für sich selbst einzustehen und sich von den Erwartungen des Umfelds unabhängig zu machen, stellt die Erzählinstanz unter Beweis, dass sie mit den Erwartungen des Publikums souverän spielt und sie bisweilen auch bewusst unterläuft. Indem sie Charlottes Geschichte mit den Urteilen über die eigene Autorschaft verschränkt, zeigt Wahl, dass sie ihre vertrauten Muster weiterführt – und zugleich erzählerisch einen Schritt über sie hinausgeht.

Die Assistentin Caroline Wahl Rowohlt Verlag 2025, 368 S., 24 €