Buch darüber hinaus den Popstar: Ist Taylor Swift ein Genie?
Wann begannen auch die letzten Skeptiker zu begreifen, dass diese Musikerin etwas Besonderes sein musste? Dass sie in einer Liga mit den ganz Großen mitspielte? Dass man sie womöglich einmal im selben Atemzug mit Britney Spears, Madonna und Michael Jackson nennen würde? Und ja, vielleicht sogar mit den Beatles und Bob Dylan?
Vielleicht, als sich ein Seminar an der Harvard University, der Universität der Universitäten, ganz Taylor Swift widmete. Das Seminar unterrichtete Stephanie Burt, Anglistikprofessorin mit Fokus auf Poesie des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie rechnete mit 20 Studierenden. Am Ende nahmen zweihundert teil, Medien aus der ganzen Welt besuchten das Seminar und berichteten. Taylor Swift war selbst im Hörsaal eine Sensation.
Auf Grundlage des Seminars hat Stephanie Burt nun ein über 300 Seiten starkes Buch über den übergroßen Popstar Swift geschrieben. „Taylor Version’s – Das poetische und musikalische Genie von Taylor Swift“ ist Biographie, Text- und Musikanalyse in einem. Ein Rundumschlag für Swifties von einem Swiftie – der Burt nämlich selbst bekennend ist. Anhand von drei Thesen will sie erklären, wie Swift zum weltweiten Phänomen wurde: erstens, weil die Songs gut sind. Zweitens, weil sie trotz aller Stil- und Genrewechsel immer nahbare Identifikationsfigur bleibt. Und drittens, weil sie ein fleißiger Workaholic ist. Deshalb sei Taylor Swift ein Genie, argumentiert Burt. Kann das gut gehen, wenn ein Fan versucht, mit diesem Anspruch über sein großes Idol zu schreiben?

„Taylor’s Version“ nimmt sich viel vor. Jedem Album, mit Ausnahme des erst im Herbst 2025 erschienenen „Life of a Showgirl“, ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Ausführlich arbeitet sich Burt dabei von Song zu Song vor, untersucht sprachliche Mittel und Tonartwechsel und versucht, all das in Swifts Biographie und große literarische Traditionen einzuordnen. Swifts musikalische Anfänge als Teenagerin im Countrygenre werden als „Pastorale“ verstanden, die ländlichen Motive ihrer Songs mit denen der großen Dichter Alexander Pope und William Butler Yeats verglichen. Die nahbare Swift auf „Fearless“ wird als „hermeneutische Freundin“ nach dem Dichter Allen Grossman interpretiert.
Die Männer als „extradiegetischen Kontext“
Der Hochglanz-Pop auf „Red“ kann als spätromantische Dichtung verstanden werden. Die Coming-of-Age-Geschichten auf „Speak Now“ werden bei Stephanie Burt zur Variante eines Bildungsromans. Besonders viel Platz wird Swifts verflossenen Beziehungen mit anderen Stars eingeräumt, beginnend bei Joe Jonas über Jake Gyllenhaal, Harry Styles und Matty Healy bis hin zum maximal-amerikanischen Footballspieler und aktuellen Verlobten Travis Kelce. Sie werden zum „extradiegetischen Kontext“ ihres Werkes erklärt und damit zentral dafür, es gänzlich zu begreifen. Man hat schnell verstanden: Große Referenzen sollen das Genie einer großen Künstlerin begründen.
Manchmal ist das interessant. Zum Beispiel wenn Burt ein Gedicht von Yeats zitiert, um Taylor Swifts ständige Neuerfindungen zu erklären: „Die Freunde, denen zufolge ich einen Fehler begehe, / wann immer ich ein Lied umschreibe, / sollten wissen, um was es dabei wirklich geht: / Ich selbst bin es, den ich damit umschreibe.“ Oder wenn sie mithilfe der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison Swifts R’n’B-Album „reputation“ kritisch diskutiert: „Wenn Weißsein Unschuld und Verletzlichkeit bedeutet, was sagt es dann aus, welche Stereotypen werden zementiert, wenn die versuchte Dekonstruktion dieser Vorstellungen darin besteht, schwarz zu klingen?“ Häufiger aber wirken die herangezogenen Parallelen konstruiert.
Versteht man Swift nur, wenn man sie mit toten Männern vergleicht?
Mehr noch: Sie hinterlassen einen merkwürdigen Nachgeschmack. Lässt sich Taylor Swifts Genie wirklich vor allem verstehen, wenn man sie mit großen toten Männern vergleicht? Mit Schiller, Bowie und Pope? Das mutete schon komisch an, als eine Zeit lang Quizze das Netz fluteten, in denen man entscheiden musste, ob ein Zitat von Shakespeare oder Taylor Swift stammt. War sie nur gut, weil sie anderen in nichts nachstand?
Es sind diese Rechtfertigungen, die Swifts Karriere stetig begleiteten – wie auch Stephanie Burt in ihrem Buch aufzeigt. Erst mit ihren Pandemie-Alben „folklore“ und dem Nachfolger „evermore“, entstanden in Zusammenarbeit mit männlichen Indie-Darlings wie Justin Vernon von Bon Iver und Aaron Dessner von The National, wurde Swift plötzlich auch von vermeintlich wahrhaftigen Musikkennern geschätzt. Endlich konnte auch ein Mann mit Eras-Tour-Shirt ohne Scham vor die Tür gehen!

Taylor Swifts Geschichte, wie Burt sie in ihrem Buch zeichnet, spiegelt so die ultimative Frauwerdung wider: Es ist der ewige Kampf nach Anerkennung, in dem sie erst zu viel Mädchen („Fearless“), dann zu viel Frau („Red“), in ihrem Selbstbewusstsein dann zu viel Mann war („reputation“) – nur um später Anerkennung zu erfahren, all diese Ungerechtigkeiten überstanden zu haben.
Stephanie Burt ist in „Taylor’s Version“ sowohl Expertin als auch Bewunderin, die vor allem darauf konzentriert ist, Swift gegen all diese Ungerechtigkeiten zu verteidigen. „Taylor Swift hat dies sehr wohl verdient. Dies zu zeigen, war und ist mein Anliegen, weil ich davon vollkommen überzeugt bin“, schreibt sie im letzten Kapitel. Das Resultat ist ein unentschlossenes Sammelsurium aus Zitaten und Anekdoten.
Kein Fokus, keine Stimme
Einen Fokus und eine Stimme findet Burt nicht. Die musikalischen Analysen bleiben oberflächlich, wenn sie schreibt: „Der Refrain hüllt sich behaglich in drei tiefe Töne ein, wie ein trauriges Mädchen, das sich in seine Bettdecke kuschelt“. Stellenweise lesen sich ihre Schlussfolgerungen wie Rezensionen („Brillant, unvollkommen, verletzlich und souverän zugleich“).
Auch sonst ist „Taylor’s Version“ sprachlich teilweise schwer zu ertragen: „In ‚exile‘ will der von Justin Vernon gesungene Charakter in seine Stadt zurückkehren, aber er wurde rausgeworfen. Armer Kerl. Arme alle.“ Womöglich ist das aber auch der Übersetzung geschuldet. Oft wünscht man sich, Burt würde Swift und ihren Texten mehr Platz zum Wirken lassen. Es braucht weder Shakespeare noch Robert Frost, um zu verstehen, dass Zeilen wie „My friends all smell like weed or little babies“ oder „And you were tossing me the car keys, ‚Fuck the patriarchy‘ keychain on the ground“ großartig sind.
Sitzen Swifties auch in Aufsichtsräten und Chefetagen?
Natürlich lernt man in diesem Buch auch viel Nützliches. Zumindest sollte man in nächster Zeit vorhaben, einen Swiftie zu beeindrucken, was sich aufgrund der schieren Anzahl von Swifties (sicher sitzen sie auch in Aufsichtsräten und Chefetagen) zu einer nicht zu unterschätzenden Fähigkeit entwickelt. Nicht auszuschließen, dass einem dieses Wissen mal zu einer Wohnung, einem Date oder einem Geschäftsabschluss verhelfen könnte.
Man könnte dann zum Beispiel erzählen, dass Auto- und Straßenverkehrsmetaphern in vielen Swift-Songs vorkommen und schlechte Männer oft zu schlechten Fahrern degradiert werden (empfohlen sei die Spotify-Playlist „taylor swift bridges that are dangerous to drive with“). Oder, dass viele Songs auf „reputation“ von „Game of Thrones“ und der rachsüchtigen Arya Stark inspiriert sind. Oder, dass Taylor Swift und Jake Gyllenhaal erstmals im Herbst 2010 auf einer Apfelplantage in Upstate New York zusammen gesehen wurden.
Swifties wissen das alles natürlich. Womit die Frage bleibt, an wen sich dieses Buch denn eigentlich richten soll. Denn für alle Normalsterblichen wird „Taylor’s Version“ viel zu viel von allem sein.
Stephanie Burt, „Taylor’s Version. Das poetische und musikalische Genie von Taylor Swift“. Aus dem Englischen von Anja Kauß. Verlag C. H. Beck, 364 Seiten, 28 Euro.
Source: faz.net