Buch | „Alles ganz schlimm“ von Julia Pustet: Wie eine Fahrt gen einer Schlaglochpiste

„Alles ganz schlimm“ erzählt von einer jungen Frau, deren Beziehungen nur eine Richtung kennen: in den Abgrund. Julia Pustet hat ein funkelndes Stück Literatur geschaffen. Ein Debüt, so gegenwärtig, so sinnlich, man will mehr davon


Das Prinzip „Show, don’t tell“ hat Julia Pustet in ihrem Debüt Roman „Alles ganz schlimml“ in einem unverwechselbaren Stil umgesetzt

Foto: Haymon Verlag/Fotowerk Aichner


Vor diesem Buch muss man warnen: Seine Lektüre ist kein Spaziergang über sonnige Hänge in Italien, an die man bei den Zitronen auf dem Cover denken könnte. Es ist eine Fahrt mit dem Cabrio über eine Schotterpiste voller Schlaglöcher, denen das Gefährt schwindelerregend präzise gerade so ausweicht.

Will man auf der einen Seite laut auflachen, greift wenige Seiten später eine tiefe Traurigkeit aus den Seiten auf den Leser über. Kurzum: Julia Pustet hat ein funkelndes, glühendes Stück Literatur geschaffen, das einem ein Loch ins Herz brennt und den Verband gleich mitliefert.

Worum geht’s? Um Susanne, genannt Susi, eine Frau Anfang, Mitte 30, deren Beziehungen zu Familie, Freunden, Männern, Frauen nur eine Richtung kennen: in den Abgrund. Alles ganz schlimm eben (Haymon 2025, 360 S., 25,90 €).

Die Eckdaten der Handlung: Susi schreibt einen Text über ihre Zeit in der Prostitution mit Anfang 20. Ihre Freundin Stella veröffentlicht diesen Text als ihren eigenen. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Wie genau, ist gar nicht das Entscheidende.

„Alles ganz schlimm“ ist diskursgesättigt, aber kein Thesenroman

Was diesen Debütroman ausmacht, ist die Art und Weise, das Wesentliche über Umwege zu erzählen. Zwischen den einzelnen Abschnitten klaffen Schlaglöcher in der erzählten Zeit. Diese füllt die Autorin durch rasante Dialoge, die die emotionale Verkrüppelung eines linken bis linksliberalen Milieus, das alles richtig machen will und dabei komplett erkaltet, präzise aufspießt, ohne je gehässig zu sein.

Dazu kommen Beschreibungen, die so plastisch und sinnlich sind, ohne abstrakt oder Kitsch zu werden, wie man sie in der Gegenwartsliteratur selten findet. Geräusche, Gerüche, Körperflüssigkeiten und Gefühle: Das Prinzip „Show, don’t tell“ hat Julia Pustet in einem unverwechselbaren Stil umgesetzt.

Obwohl in Sprache und Gegenstand so gegenwärtig, obwohl so diskursgesättigt, ist Alles ganz schlimm kein Thesenroman. Denn so schlimm alles ist, dieser Roman ist nicht fatalistisch, im Gegenteil: Er ist eine Feier der Ambiguität und der Hoffnung, selbst wenn das Auto kaputt, das Konto leer und der eigene Bruder ein Arschloch ist. Man kann nur sagen: Bitte mehr davon!