Britischer Rechtspopulist: Warum Nigel Farage die Banken nicht mag

Nigel Farage, der Chef der Rechtspartei Reform UK, hat gute Chancen, nächster Premierminister des Vereinigten Königreichs zu werden. Jedenfalls führt er mit seiner Partei seit einem Jahr die nationalen Umfragen an. Die Buchmacher handeln Farage als Favoriten für den nächsten Regierungschef in der Downing Street. Laut Meinungsumfragen ist er deutlich beliebter als Premierminister Keir Starmer von der Labour-Partei, die im Umfragekeller hängt.

Doch in der Londoner City verfolgen nicht wenige den Aufstieg des alten Brexit-Kämpfers mit Unbehagen und Sorge. Farage hat mehrfach angekündigt, dass er für höhere Steuern im Bankensektor wäre. Zudem will er den Einlagenzins streichen, den die Notenbank auf die Hunderte Milliarden Überschussliquidität der Banken zahlt. Dabei geht es um zweistellige Milliarden-Einnahmen für die Banken. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg bekräftigte er jüngst diese Position.

„Wir werden es tun, und einigen Banken wird das nicht gefallen“, sagte Fa­rage. „Ich mag die Banken nicht besonders, weil sie mir mein Konto gekündigt haben“, fügte er hinzu. Damit spielt er auf den Fall der Coutts-Privatbank an, einer Tochtergesellschaft der Großbank Natwest. Diese hatte Farage 2023 aus politischen Gründen sein Konto gekündigt. In der Folge verwickelte sich die Bank in Widersprüche, das Ganze weitete sich zum großen Skandal. Coutts-Chef Peter Flavel und Natwest-Vorstandschefin Alison Rose mussten zurücktreten. 2025 schlossen Farage und die Bank einen Vergleich. Welche Entschädigung gezahlt wurde, blieb vertraulich.

Eine Folge des großen Anleihekaufprogramms

Die Angriffe des Chefs der Reform-Partei richten sich nun besonders gegen die Zahlungen der Bank of England an die Geschäftsbanken für deren Einlagen in dreistelliger Milliardenhöhe bei der Notenbank. Diese sind eine Folge des Anleihekaufprogramms der Notenbank – des geldpolitischen „Quantitative Easing“ – in der Finanzkrise 2008 und erneut in der Covid-Krise. Bis 2020 erwarb die Notenbank Staatspapiere, in der Spitze für 875 Milliarden Pfund. Als logische Folge schossen die Einlagen der Banken hoch, worauf die Notenbank den Einlagenzins zahlt, der in Großbritannien identisch ist mit dem Leitzins.

In der Spitze – als der Zins über fünf Prozent lag – erhielten die Banken 2023 und 2024 fast 40 Milliarden Pfund im Jahr. Inzwischen baut die Notenbank ihren Anleihebestand kontinuierlich ab. Ende 2025 hielt sie noch Staatspapiere von rund 550 Milliarden Pfund. Dadurch ist die Überschussliquidität gesunken. Folglich sind die Einlagen geringer. Der Einlagenzins sank zuletzt auf 3,75 Prozent. Dennoch zahlt die Notenbank immer noch sehr viel Geld aus.

Nicht nur Farage, auch einige Labour-Politiker wie der ehemalige Finanzminister und Premierminister Gordon Brown haben ein Ende der Zahlungen an die Banken gefordert, zumindest auf einen Teil der Einlagen, die zur Mindestreserve erklärt würden. Die amtierende Schatzkanzlerin Rachel Reeves hingegen hat den Einlagenzins verteidigt.

Den Banken könnten 20 Milliarden Pfund entgehen

Eine Abschaffung hätte für die Banken einschneidende Folgen. Ihnen würden damit Einbußen in zweistelliger Milliardenhöhe drohen. Die Reformpartei schätzte, dass es um 20 Milliarden Pfund gehen könnte. Einige Banken warnten, dass sie dann die Kreditzinsen für Hypothekendarlehen anheben müssten. Farage meint: „Sie könnten auch effizienter werden oder die Kosten anderswo kürzen.“

Immer wieder hat Reform Schlagzeilen gemacht mit der Forderung an die Notenbank, die Verluste zu reduzieren, die aus dem aktuellen Verkauf der Staatspapiere zu geringeren Kursen resultieren. Der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, weist diese Kritik zurück. Nach Berechnung der Notenbank soll der Staat unter dem Strich durch das Kaufprogramm und Verkaufsprogramm Geld gespart haben, da die Notenbank damit lange Zeit die Zinsen drückte. Laut BoE-Berechnung hat der Staat so netto 50 bis 125 Milliarden Pfund gespart. Das überwiege die Verluste beim Verkauf der Papiere zu niedrigeren Kursen und die Zinszahlungen an die Banken. Farage sagte, er habe mit Bailey darüber „einen sehr interessanten Zusammenstoß der Kulturen“ gehabt.

Der 61 Jahre alte Reform-Chef arbeitete vor seinem Einstieg in die Politik vor mehr als drei Jahrzehnten selbst in der City als Rohstoffhändler. Er kennt die Finanzszene gut. Ursprünglich war er ein Freund der Bankenwelt und begrüßte die Deregulierung unter Premierministerin Margaret Thatcher. Inzwischen geht er auf Distanz zu den großen Geldhäusern. Gleichzeitig hat er versprochen, er werde im Fall eines Wahlsiegs die Unabhängigkeit der Notenbank achten.

Bankaktien haben 2025 stark zugelegt

Im vergangenen Sommer hatte Labour-Finanzministerin Reeves zeitweilig Pläne für höhere Gewinnsteuern der Banken. Entsprechende Berechnungen wurden im Schatzamt angestellt. Als dies herauskam, sanken die Aktienkurse der großen Banken Ende August an einem Tag scharf um vier bis fünf Prozent. Nach intensivem Lobbying der Banken verzichtete Labour letztlich auf die Sondersteuer.

Bankaktien gehörten zu den großen Gewinnern an der Londoner Börse vergangenes Jahr. Die Kurse von Barclays und Lloyds legten in den letzten zwölf Monaten um mehr als 60 Prozent zu, Natwest um mehr als 50 Prozent, die HSBC-Aktie um etwas weniger als 50 Prozent.

Source: faz.net