Brigitte Bardot (1934–2025): Eine Ikone dieser Ungezwungenheit, die zuletzt oft falsch lag

Das Verschwinden eines Filmstars aus der Öffentlichkeit ist für das Publikum ein verdrießliches Faszinosum. Sich eine Auszeit oder gar endgültig Abschied zu nehmen, ist in dessen Augen nicht statthaft. Es verlangt unbedingt nach einer Erklärung und Rechtfertigung: Ein Filmstar darf nicht desertieren.

Als Brigitte Bardot sich 1973 aus dem Filmgeschäft zurückzog, war dies ein ungekannter Eklat. Ihre Begründung mochte bewundernswert sein – sie wollte sich nicht länger den Geboten des Glamour unterordnen und ihre Leinwand-Aura durch Schönheitsoperationen aufrechterhalten. In seiner Radikalität passte der Entschluss zwar zu Bardot, dennoch nahm ihn die französische Öffentlichkeit als einen Verrat wahr.

Dabei war er die Konsequenz einer Entfremdung, die sich schon lange abzeichnete. Bereits 1961 führte sie unter der Regie von Louis Malle in Privatleben vor Augen, wie unerträglich der Druck ist, der Öffentlichkeit jederzeit zur Verfügung zu stehen. Damals hatte ihr Ruhm seinen Zenit erreicht. Bardot verkörpert einen fiktiven Star namens Jill, der ankündigt, mit dem Kino Schluss zu machen. In der Rolle vollzieht sie ihren eigenen Aufstieg akribisch nach.

Das Mädchen aus gutem Hause wird zum Sexsymbol

Bardot selbst, 1934 in Paris geboren, stammte aus großbürgerlichem Milieu, der Vater war Ingenieur und die Mutter besaß ein Modehaus in Passy. Sie fing als Balletttänzerin an, von der Etappe als Fotomodell (schon mit 15 zierte sie die Titelseite der Elle) war es nur ein kurzer Sprung zu Probeaufnahmen fürs Kino. Malles Film gewährt einen intimen Einblick in Bardots Legende und Privatleben. Er spielt auf ihre Tierliebe und die Kaskade der Liebschaften mit Leinwandpartnern an; er zeigt auch, wie sie einen Selbstmordversuch begeht.

Allerdings ist Privatleben kein Film darüber, wer und wie „BB“ tatsächlich ist, sondern was es bedeutet, „BB“ zu sein. Wie ein Geist bewegt sich Bardot durch den Film. Bei Dreharbeiten ist Jill nie zu sehen. Ihre Existenz ist ein fortdauernder Belagerungszustand, Paparazzi hetzen sie wie aufgescheuchtes Wild. Sie gehört nicht mehr sich selbst, was dem Rollenbild Bardots als unzähmbarer Rebellin eklatant widerspricht. Tatsächlich war Privatleben an der Kinokasse ein relativer Misserfolg: Ein Bardot-Film, der in Frankreich weniger als zwei Millionen Zuschauer hatte, galt seinerzeit als Enttäuschung. Ihrem begierigen Publikum hielt er einen entlarvenden Spiegel vor.

Lolita mit Selbstbewusstsein

Bardots Kinofigur war ein Geschöpf des restaurativen Klimas der 50er Jahre. Dann aber wurde aus dem kecken Mädchen mit einem Schlag die größte Herausforderung, der sich die bürgerliche Gesellschaft bis dahin im französischen Kino stellen musste. Mit … und ewig lockt das Weib, 1956 von ihrem Entdecker und ersten Ehemann Roger Vadim gedreht, trat etwas auf den Plan, das zuvor nur als literarisches Gerücht existierte: eine Lolita.

Bardot provozierte mit einer Mischung aus unschuldiger Verworfenheit und selbstbewusster Sinnlichkeit. Ihre stärkste Waffe war, neben dem Sex-Appeal, ihre Ungezwungenheit: Dieses Mädchen kannte keine Pflicht, nur Neigung. Sie gehörte nicht einem einzigen Mann. Ihr Körper war ein Instrument der Ermächtigung. Auf der Leinwand sollte sie sich fortan nie wieder für etwas entschuldigen.

In den ersten Filmen, die sie mit Regisseuren des „alten“ Kinos drehte, mit Claude Autant-Lara (Mit den Waffen einer Frau, 1958) und Henri-Georges Clouzot (Die Wahrheit, 1960), geraten ihre Figuren, das ist bezeichnend, mit der Justiz in Konflikt. Der Vatikan geißelte sie als Verkörperung des Bösen.

Unter den Puritanern ein Phänomen

… und immer lockt das Weib wurde in Frankreich zu einem enormen Erfolg, in puritanischen Ländern wie England und den USA jedoch zu einem veritablen Phänomen. Ende der 50er Jahre war Bardot der größte Kassenstar weltweit. Bis zu Die Wahrheit mochte ihr niemand großes Talent nachsagen; wie sie sich vor der Kamera bewegte, war Attraktion genug.

Ihr heutzutage berühmtester Film, Die Verachtung von Jean-Luc Godard, war 1963 eine ihrer seltenen Eskapaden ins Autorenkino. Die Frau, die auf der Leinwand selten mehr sein musste als ein amoralisches Instinktgeschöpf, beschäftigte indes die Phantasie französischer Intellektueller nachhaltig. Für Roland Barthes war sie die Verkörperung einer Freiheit, deren erstes Opfer sie selbst wird. Simone de Beauvoir entdeckte in ihrem Gesicht mehr als nur eine Projektionsfläche – es ist, was es ist –, erkannte jedoch auch ihre Geheimnislosigkeit: Wenn sie sich entkleidete, enthüllte sie nur ihren Körper.

Nacktes Vorbild für das Nationalsymbol der „Marianne“

Dass in den 1960ern die Büste der Marianne nach ihrem Antlitz geformt wurde, besaß poetische Triftigkeit. Ihre Karriere war eine patriotische Angelegenheit. Angebote aus Hollywood, darunter Hauptrollen in Der rosarote Panther und Thomas Crown ist nicht zu fassen, lehnte sie mit kategorischer Nonchalance ab. Sie wolle lieber in Frankreich bleiben, Spaß haben und so wenig wie möglich arbeiten, ließ sie durch ihre Agentin ausrichten. Als Präsident de Gaulle sie 1967 in den Elyséepalast einlud, trafen die zwei berühmtesten Repräsentanten der 5. Republik aufeinander. Wusste Bardot, wie viel es der deutschen Volksseele bedeutete, als sie Gunther Sachs heiratete?

In der Branche hatte sie einen schlechten Ruf. Wie ihre Leinwandfiguren buhlte sie nicht um Sympathie. Zuverlässig war vor allem ihr verspätetes Erscheinen am Set. Jean Gabin klagte, dieses junge Ding habe etwas geschafft, was seine 30-jährige Erfahrung nicht vermochte: Abscheu zu empfinden. Ihre Leinwandbegegnungen mit Rivalinnen wie Jeanne Moreau und Claudia Cardinale hingegen verliefen unerwartet konfliktarm.

Obwohl sie in fast 50 Filmen auftrat, erscheint sie heute nur mehr als ein Komet. Ihr Starruhm währte knapp anderthalb Jahrzehnte. In Viva Maria brillierte sie 1965 noch einmal als tatkräftige Komödiantin, danach ließ ihr Elan spürbar nach. Bardots Mythos hatte sich früh erschöpft, sie und ihre Regisseure fanden keinen tragfähigen, reiferen Ersatz.

Skandale später nur mehr im Privatleben

Eine Ikone blieb sie, aber nun lösten nicht mehr ihre Filme, sondern ihr Privatleben Skandale aus. An der Liebe interessierte sie, daran spiegelten sich wohl Rollenimage und Privatperson, nur der Anfang. Auch mit einer langen Serie von Selbstmordversuchen machte sie Schlagzeilen. Ihr einziger Sohn, Nicolas, wuchs bei ihrem zweiten Ehemann Jacques Charrier auf, nachdem sie das Baby angeblich als „Tumor“ bezeichnet hatte.

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Ihr Engagement für den Tierschutz war nicht ohne Widersprüche: Ihre zahlreichen Pelze, Nerze und Ozelote mochte sie zunächst nicht aus dem Kleiderschrank verbannen. In die Rolle der leidenschaftlichen Aktivistin wuchs sie dennoch glaubhaft hinein. Ihre einst erfrischende Unverblümtheit nahm mit den Jahren einen verächtlichen Zug an.

Nach der Heirat mit Bernard d’Omale, einem Berater Jean-Marie Le Pens, machte sie mit Brandreden gegen die Überfremdung Frankreichs durch schächtende Muslime von sich reden. Mehrfach wurde sie wegen Aufrufs zum Rassenhass angeklagt. Bardots größte Tugend wurde zu ihrem größten Problem: Sie war immer aufrichtig.