Brechtfestival | „Hamletmaschine“ beim Brechtfestival: Der Mensch wie Restgröße seines Systems
In Augsburg inszeniert Lilli-Hannah Hoepner Heiner Müllers „Hamletmaschine“ und hinterfragt die Rolle des Menschen im System. Doch gelingt es der Inszenierung, die radikale Kritik Müllers an der gesellschaftlichen Ordnung freizulegen?
Im Stück werden klassische Rollen und dramatische Handlung rigoros zerlegt, lässt sich Shakespeares Vorlage noch erkennen? Im Bild die Schauspieler:innen: Kai Windhövel, Julius Kuhn, Ute Fiedler, Jenny Langner
Foto: Jan-Pieter Fuhr
Unter der neuen Leitung von Sahar Rahimi und Mark Schröppel sucht das Brechtfestival Augsburg 2026 unter dem programmatischen Titel „Alle“ nach Öffnung und Diversität. In diesem Rahmen wirkt die Entscheidung, Heiner Müllers Hamletmaschine zu zeigen, nur konsequent – ein Text, der den Kanon als politisches Schlachtfeld begreift und ihn damit für eben alle öffnen kann. An diesem Abend wird jedoch sichtbar, wie schwer sich eine Inszenierung damit tun kann, diese Radikalität freizulegen.
Die 1977 verfasste Hamletmaschine bot Müller die Gelegenheit, Staatskritik an der DDR, insbesondere hinsichtlich ihrer Intellektuellen, in Form einer lustvollen Kanonzerpflügung zu formulieren. Gerade für das Theater liegt darin subversives Potenzial: Klassische Rollen und dramatische Handlung werden zerlegt; nur vereinzelte Textsplitter erinnern noch an Shakespeares Vorlage – eine klare Abrechnung Müllers.
Der ewige Kampf zwischen Mensch und Maschine
Das Stück besteht aus fünf kurzen Szenen, in denen Hamlet als fluides Bewusstsein sich mühsam durch die Ruinen der europäischen Ideengeschichte bewegt. Anders als im Original kommt Ophelia größere Bedeutung zu: Sie verkörpert die Möglichkeit der Sprengkraft eines gesamten Systems. Diese textlichen Anlagen gilt es – gerade in ihrer Patriarchatskritik – szenisch auszuschöpfen; im Rahmen eines Festivals wären sie umso bereichernder.
Die Inszenierung von Lilli-Hannah Hoepner entscheidet sich gegen dieses analytische Potenzial zugunsten einer gewissen Bildtreue. Die Projektionsebene zeigt vereinzelte Bilder von Ophelia, die ihre Wirkung in der Nebelflut jedoch weitgehend verlieren. Eine konkrete Übersetzung von Müllers Intentionen findet sich eher in der kostümbasierten Groteske: Faun, Diva, Harlekin – Figuren in leuchtenden Farben.
Ihre Körperlichkeiten greifen einen wesentlichen Bestandteil von Müllers Texten auf, gekoppelt an industrielle Stahlkonstruktionen, die auf der Bühne manövriert werden: der fortwährende Kampf zwischen Mensch und Maschine, der in Vereinzelung mündet.
Das Stück selbst wirkt über Strecken eher wie eine dramatische Lesung als ein theatrales Ereignis. Umso deutlicher tritt die musikalische Gestaltung des Sounddesigners Lilijan Waworka hervor. Sein Klangraum vermag Zorn und Groteske der Hamletmaschine freizulegen – eine Radikalität, die in der Inszenierung sonst unterzugehen droht.
Ein Theater, das auch zerstören kann
Hier lassen sich präzise Elemente der Verzerrung beobachten, die an das epische Theater Bertolt Brechts erinnern. Erst kurz vor Ende, im Zusammenscharren der Polizeigitter, tritt der Kern des maschinell aufgeladenen Textes hervor, der insbesondere Konformität sowie das Obszöne bestehender Systeme und Institutionen in den Blick nimmt. Wenn massive Stahlgerüste verschoben werden, Körper sie erklimmen oder abzurutschen drohen, erscheint der Mensch nur noch als Restgröße seines Systems – und als Vorahnung auf etwas Unabwendbares.
Die Linearität der Inszenierung entwickelt kein Bühnenspektakel, betont jedoch – im Sinne Heiner Müllers –, dass Theater nicht nur verbinden, sondern auch zerstören kann. Es muss Systeme sichtbar machen, statt sie lediglich abzubilden. Lilli-Hannah Hoepners Inszenierung streift diese Gedanken, legt sie jedoch nicht frei.
Doch in jenen Momenten, in denen Bühne, Körper und Stahl tatsächlich zu einer Maschine werden, blitzt jene radikale Skepsis auf, die Brecht und Müller unter dem Motto des Festivals verbindet: das Misstrauen gegenüber jeder Ordnung, die behauptet, bereits für alle zu sprechen – und die Frage danach, wer zu diesem „Alle“ überhaupt gehört.