Brautbriefe von Sigmund Freud: Wochenlang setzte er seine Verlobte unter Druck
Mit großer Verzögerung ist die Veröffentlichung der umfangreichen Korrespondenz zwischen Sigmund Freud und seiner Braut Martha Bernays (mehr als 1500 erhaltene Stücke) aus der vierjährigen Verlobungszeit zum Abschluss gekommen. Trotz einer Reihe von Fehlern (partiell sind sie im letzten Band aufgelistet) und einer zuweilen problematischen Kommentierung hat die Edition der ersten vier Bände die Bedeutung dieses über weite Strecken fast täglich geführten Briefwechsels eindrucksvoll vorgeführt.
Er erweist sich damit nicht nur als die wohl wichtigste biographische Quelle zum Verständnis des jungen Freud, die neue und unerwartete Einblicke in private (und manchmal auch peinliche) Zusammenhänge gewährt, sondern wirft vielfach auch neues Licht auf die Anfänge der Psychoanalyse. Den letzten Band, der die Briefe aus der Zeit von Oktober 1885 bis zur Heirat der beiden Verlobten im September 1886 enthält, durfte man mit besonderer Spannung erwarten. Denn er enthält erstmals Freuds eigene Schilderungen seines Forschungsaufenthalts an der Klinik von Jean-Martin Charcot in Paris, von denen bislang nur ein kleiner Teil (13 von insgesamt 63 Briefen) in gekürzter Form publiziert waren.
„Unmerklich gewöhnt sich mein Ohr an die elenden Laute“
Nachdem Freud sich im Juni 1885 habilitiert hatte und ihm kurz darauf ein Reisestipendium zuerkannt wurde, um mehrere Monate an der Salpêtrière zu verbringen, ging er für die Sommermonate zu Martha und ihrer Familie nach Wandsbek. Danach reiste er über Köln und Brüssel nach Paris, wo er Mitte Oktober eintraf. Schon im Urlaub suchte er sich auf diesen Parisbesuch möglichst gut vorzubereiten und arbeitete hart an seinem Französisch, dessen Aussprache ihm nicht leicht fiel. Das Studium nach der damals beliebten Methode des Sprachpädagogen H.G. Ollendorff, „in sechs Monaten eine Sprache lesen, schreiben und sprechen zu lernen“, zeitigte jedoch vor Ort kaum brauchbare Resultate: „Zum Sprechen habe ich hier sehr wenig Gelegenheit, aber unmerklich gewöhnt sich mein Ohr an die elenden Laute, und mein Mund ahmt sie schon etwas besser nach. Ich höre am liebsten den Ausrufern zu, die mich oft durch ein glückliches Wort über ein quälendes Aussprachproblem aufklären. Die Leute verstehe ich, wenn sie laut sprechen, sonst noch immer kein Wort, ich bin wie schwerhörig.“

Trotz dieser Hemmnisse zögert Freud nicht, ins Theater zu gehen. So sieht er bereits kurz nach seiner Ankunft in der Comédie française Victor Hugos „Hernani“, wobei er „Leben und Tod“ über dem „glänzenden Spiel“ vergisst, und auf Marthas Drängen ergattert er bald eine teure Karte, um die große Tragödin Sarah Bernhardt in Victorien Sardous Historiendrama „Theodora“ zu bewundern: “von acht bis halb ein Uhr Hitze und Höllenschaustück, aber es war der Mühe wert“.
Darüber hinaus macht der Wiener Forschungsreisende in den ersten Tagen Erfahrungen, die jedem Besucher der Stadt bis heute nicht fremd sein dürften. Die Pariser erscheinen ihm „sehr hochmütig und unzugänglich“, und auch die lokale Presse weiß er nicht zu loben: „Die französischen Zeitungen sind miserabel, lauter Klatsch, giftige Bonmots und Unanständigkeiten, den Weltereignissen außerhalb Frankreichs wird eine halbe Spalte gewidmet.“ Wie üblich verzeichnet Freud genauestens alle von ihm konsumierten Speisen und Getränke, samt der hohen Ausgaben und der Auswirkungen auf sein Befinden. Insbesondere die reichhaltigen Mittagessen verschaffen ihm „eine elende Empfindung von Taumel, Hitze im Kopf, Schläfrigkeit und Übellaune. Dabei bin ich immer so hungerig, daß ich Mühe habe, nicht das Doppelte und Dreifache zu essen.“
Der Eintritt in das berühmte Zauberschloss am Boulevard Saint Germain
Die schlechte Stimmung wird zudem vom Arbeitsklima befördert, das Freud an der Salpêtrière vorfindet. Denn schließlich ist der Gast aus Wien nur einer von vielen und wird weder von den Assistenten Charcots noch vom Meister besonders beachtet: „Er spricht nie ein Wort mit mir (oder einem anderen Fremden), und man fühlt sich so beengt und vereinsamt.“ Die Nachmittage verbringt Freud mit gehirnanatomischen Arbeiten, und obwohl man ihm „schönes Material“ in Form von Kindergehirnen zur Bearbeitung überlässt, erscheinen ihm die Laboratoriumsverhältnisse am Krankenhaus „ein bißchen dégoutants“: „Kein Platz, keine Handtücher, keine Gefäße, man ist jedem im Weg und weiß nicht, woher man sich dies und jenes verschaffen soll.“

Die detaillierten Einblicke in die Realität des Klinikalltags, die die ungekürzten Briefe vermitteln, schaffen nun einen noch stärkeren Kontrast zu den hinlänglich bekannten Szenen der Einführung Freuds in das prächtige Haus Charcots und in den dort verkehrenden Kreis aus Schülern und Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft. Dabei zeigt sich deutlich, wie bereits beim Abfassen des Berichts viele der Versatzstücke für die spätere Legende produziert werden. Erstaunlich viel erfährt Martha entsprechend über den großen Arzt und den Eintritt ihres Bräutigams in dessen berühmtes „Zauberschloss“ am Boulevard Saint Germain und nur äußerst wenig über die klinischen Konsultationen und umstrittenen Hypnoseexperimente an der Salpêtrière. Was Freud über die „Wunder des Hypnotismus“ im Einzelnen denkt, teilt er nicht mit, etwa, wenn er zum Fall einer Frau, „die schon seit acht Tagen schläft und wahrscheinlich noch einen Monat schlafen wird“, nur lapidar notiert: „Dornröschengeschichten!“
Als Übersetzer und Schüler Charcots verlässt Freud Paris Ende Februar 1886 mit einer Reihe von Empfehlungsschreiben und Trophäen wie den handsignierten Fotografien des Meisters in napoleonischer Pose, die ihm für die Etablierung seiner eigenen Wiener Privatpraxis nützen sollen. Der weitere, noch etwas mühselige Weg dahin füllt die restliche Hälfte dieses Bandes: Denn Freud beschließt, noch einen Umweg über Berlin zu machen, um dort einen Monat lang von dem erfahrenen Kinderarzt Adolf Baginsky zu lernen.
Freud hatte ein Idol gefunden
Dieser von der Historiographie weniger beachtete Aufenthalt schien ihm sinnvoll, da er bereits eine Stelle am I. Öffentlichen Kinderkrankeninstitut von Max Kassowitz angenommen hatte, die er auch nach seiner Rückkehr im April sogleich antrat. Über Freuds Arbeit mit Kindern wüsste man gerne mehr, aber außer dass diese „Dinger, wenn ihr Gehirnchen nur frei ist, wirklich reizend“ sind „und, wenn sie leiden, so rührend“, erfährt auch Martha nicht, die in diesem Punkt um Nachsicht gebeten wird: „ich kann Dich doch nicht in die Geheimnisse der Kinderkrankheiten einweihen, und selbst Baginsky scheint mir kein so bedeutender Mann, daß ich Dir eine eingehende Schilderung von ihm entwerfen sollte.“
Generell fällt Freuds Urteil über die Berliner Ärzte ziemlich negativ aus: “Es ist kein Zweifel, daß die Leute gegen Charcot weit zurück sind. Der Vergleich lehrt mich erst die ganze Größe des Mannes kennen.“ Dabei trifft er wiederholt auf mehrere Kritiker des französischen Neurologen, die meinen, in der Salpêtrière „gebe es viel Humbug, und die Sachen, die er studiert, seien höchstens Curiosa. Da sie nicht mich, der von dort kommt, befragen, sondern mir Geschichten erzählen, nehme ich keinen Anlaß, sie aufzuklären, was auch nicht gelingen wurde.“ Selbst am Wochenende schließt sich Freud ein, um als „Sonntagsvergnügen“ an der Charcot-Übersetzung zu arbeiten, bis er nicht mehr weiß, „wie man die Worte schreibt, wie man die verschiedenen Nebensätze einrenkt“ und ihm „nichts mehr deutsch und nichts mehr französisch“ klingt: „‚In meinem Frankreich war’s doch schöner‘, seufze ich als Maria Stuart unter den Neuropathologen.”
Die letzten Monate des Briefwechsels, die von der Rückkehr nach Wien und der Eröffnung der Privatpraxis handeln, geben detaillierte Einblicke in die Schwierigkeiten des angehenden Nervenarztes, sich eine solvente Klientel zu verschaffen. Ungeachtet aller finanzieller Sorgen und Ungewissheiten mietet Freud eine teure Wohnung in bester Lage, neben dem Rathaus, und zeigt sich „guten Muts, daß sie ihre Wirkung tun und sowohl mich heiter zu stimmen als auch die Kranken zu verblenden“ vermag. Martha erhält genauesten Bericht über die Anschaffung der Ausstattung und die Einrichtung der Ordination, in der Freud auf seinem Schreibtisch neben dem Bild seiner Verlobten das Bildnis Charcots platziert.
Kein Anflug von Eifersucht
Die Stimmung ist allerdings oft gedrückt, da die Einnahmen durch die ersten, meist von Josef Breuer überwiesenen Patienten gering sind und es immer wieder zu unliebsamen Zwischenfällen kommt. So etwa bei der Behandlung eines nervenkranken amerikanischen Arztes, dessen Fall „durch sein Verhältnis zu seiner schönen und interessanten Frau“ kompliziert wird: „Ich bin zu müde, um Dir die heikeln Dinge näher zu beschreiben. Unheimlich war mir, daß während der beiden Male, da sie bei mir war, Dein Bild, das sich sonst nie rührt, vom Schreibtisch herunterfiel. Ich mag solche Andeutungen nicht, und wenn es einer Warnung bedurft hätte, – es hat aber keiner bedurft!“
Martha zeigt sich von der „Bildergeschichte“ wenig beeindruckt: „was kann denn das neue Bild dafür, wahrscheinlich verlangt es nur, ruhig zu stehen, und die Dame ist vielleicht sehr unruhig und rasch in ihren Bewegungen und bringt wie manche Menschen einen Raum, in dem sie sich aufhält, sofort in Unordnung. Du weißt, mein Schatz, ich bin gar nicht abergläubisch und ebensowenig eifersüchtig und wäre nie imstande, Dich zu quälen, wenn ich merken würde, daß Deine Liebe für mich nachgelassen hätte.“
Nicht die Sorge um mangelnde Zuneigung oder um allzu verführerische Patientinnen, sondern um das für den künftigen Wiener Hausstand nötige Geld führt die Verlobten nur wenige Wochen vor der geplanten Hochzeit allerdings noch völlig unerwartet in eine schwere Krise. Denn als Freud der Verdacht kommt, Eli Bernays könnte die ihm anvertraute Mitgift Marthas veruntreut haben, um damit den Unterhalt eines außerehelichen Kindes zu finanzieren, setzt er seine Braut brieflich unter Druck, das Geld unverzüglich einzufordern.
Am Geld scheiterte die Verlobung beinahe
Bekannt war diese Geschichte zwar schon seit der Veröffentlichung der Korrespondenz zwischen Minna Bernays und Freud, der es vorzog, nur seine künftige Schwägerin unter Auflage strengster Geheimhaltung über die skandalösen und durchaus zutreffenden Machenschaften ihres Bruders zu informieren. Wie hart und unnachgiebig er allerdings wochenlang mit Martha umging, als sie von der Sache erfuhr und nicht zum Bruch mit Eli bereit war, und dass die lang ersehnte Ehe darüber fast zu zerbrechen drohte, dokumentiert jedoch erst dieser letzte Band der Brautbriefe.
Die erbitterte Auseinandersetzung überschattet auch Freuds Suche nach einer neuen Wohnung, die den künftigen Ansprüchen des Ehepaares genügen soll, und als er bei deren Beschreibung bezeichnenderweise das Schlafzimmer vergisst, entgegnet Martha nur spöttisch, sie werde kaum in der Badewanne schlafen: „so bleibt mir nur übrig, mir in Deiner Nähe ein freundliches Cabinet zu nehmen, aber einsam wird es doch immerhin für mich sein, und für Dich? Nicht viel anders.“ Auch dank diverser Geldgeschenke an das Paar von Seiten der Verwandten glätten sich jedoch die Wogen wieder, und Freud entschließt sich im Juli, abermals eine teure Wohnung an einer noch nobleren Adresse, im sogenannten Sühnhaus, zu mieten.
Seinem Hang zu demonstrativer Eleganz und einer gewissen Großmannssucht entgegensteuernd,sorgt die künftige Hausfrau dafür, dass Ordination und Wartezimmer nicht so sehr „nach jüdischem Protzentum“ aussehen. Aus den letzten Wochen vor der schlichten Trauung, die Mitte September in Wandsbek vollzogen wird, fehlen allerdings sämtliche Briefe Freuds, und so hat am Ende Martha das letzte Wort: „Du irrst aber sehr, Schatz, wenn Du Dir ‚Feierlichkeit‘ groß vorstellst. Wir wollen die Trauung in unsern Zimmern machen und hernach eine kleine Mahlzeit von zwölf Gedecken, kann man bescheidener Hochzeit machen?“
Sigmund Freud und Martha Bernays: „Dich so zu haben, wie Du bist”. Die Brautbriefe. Band 5. Hrsgg. v. G. Fichtner, I. Grubrich-Simitis und A. Hirschmüller.S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 720 S., Abb., geb., 78,– €
Source: faz.net