Branche im Krisenmodus: Die deutsche Autoindustrie liefert

Die deutsche Autoindustrie wird abgehängt, verschläft wie immer alles und baut sowieso nur Zeugs, das keiner braucht? Das stimmt an sich schon nicht, und die IAA wird Augen öffnen. Vom 8. September an findet in München die Automesse statt, ob sie ein Erfolg wird, hängt von vielem ab, sogar vom Wetter.

Das Konzept der geteilten Ausstellung mit weiten Wegen ist nicht ideal, die Kulissen der bayerischen Landeshauptstadt sind derweil herrlich, der Stammsitz Frankfurt wäre internationaler und besser angebunden, man wird sehen, wohin die Reise geht. München wird dann dreimal Austragungsort gewesen sein, die weitere Vergabe durch den veranstaltenden und unter Druck stehenden Verband VDA steht an.

Deutschland, das Land des Erfinders des Automobils, braucht eine erfolgreiche, selbstbewusste Visitenkarte. Deswegen ist es schon ein schöner Erfolg, dass die IAA überhaupt stattfindet, man denke nur an den kaum minder traditionsreichen Salon in Genf: Die Schweiz hat kapituliert.

Spannender könnte es nicht sein

Das wirtschaftliche Umfeld ist schlecht, in der Autobranche gehen Zehntausende Arbeitsplätze verloren, die vor allem in Brüssel politisch gestellten Weichen drohen auf ein Abstellgleis zu führen. Aber die deutsche Industrie, die lange die Folgen des von VW zu verantwortenden Dieselskandals gespürt und nicht die Kraft aufgebracht hat, sich davon zu lösen, zeigt nun eine starke Reaktion.

Ältere Semester erinnern sich, wie die Ausstellung, als sie noch in Frankfurt stattfand, regelmäßig zum Duell der Giganten wurde, wenn die jeweils neueste Version von VW Golf und Opel Astra der Welt präsentiert wurde. Die Käufergunst hat sich verschoben, nun spielt die Musik im Segment der SUV. Dort lassen jetzt BMW und Mercedes-Benz aufhorchen, spannender könnte es nicht sein. Das Duell ist eines auf dem noch jungen Feld der Elektromobilität. Es lautet BMW iX3 gegen Mercedes-Benz GLC.

Der zur Familie der Neuen Klasse gehörende iX3 tritt optisch mutig, wenn auch nicht übermütig an, mancher mag gar enttäuscht sein nach dem langen Vorgeplänkel. Aber dieses erste Modell, das BMW mit Bedacht als SUV ins Rennen schickt, darf nicht zu viel riskieren, es soll die Mitte der Gesellschaft gewinnen. Die Neue Klasse ist mehr als ein Auto, im doppelten Wortsinn. Es erscheinen weitere, wahrscheinlich progressiver gestaltete Modelle. Letztlich folgt die gesamte Palette der Richtung.

Mehr Reichweite, mehr Ladetempo

Innerhalb der Firma ist Aufbruchstimmung entfacht. Der Vorstand um den Vorsitzenden Oliver Zipse fährt ein hohes Risiko. Es spricht einiges dafür, dass es sich auszahlt. Technisch setzt BMW Zeichen: Die Bayern wechseln von prismatischen Batteriezellen zu zylindrischen wie auch die Art der Bauweise. Sie erlaubt höhere Energiedichte, angenehmere Sitzposition und einiges mehr.

So ergibt sich ein Sprung in den Alltagswerten. Mit einer Normreichweite um 800 Kilometer und 400 kW Ladetempo beweist der iX3 Spitzenleistungen, die sich mit exzellentem Fahrverhalten paaren. Schnell laden kann die chinesische Konkurrenz, die deutlich langsamer vorankommt als vielfach kolportiert und nun auch in ihrem Heimatland Wachstumsschmerzen spürt, auch. Aber derart freudvoll fahren, das kann sie bis heute nicht.

Zum Duell kommt es mit dem Mercedes-Benz GLC. Stuttgart strauchelt mit seiner Luxusstrategie, auch die für das Elektrische zuständige Submarke EQ wird gestrichen. Damit einher geht ein Schwenk im Design, fortan sehen Elektroautos und solche mit Verbrennungsmotor einander ähnlich – so auch der auf neuer Basis antretende elektrische GLC, der seinem mit Verbrennungsmotor weitergebauten Pendant optisch nahekommt.

Mehr als 700 Kilometer Normreichweite sind drin, die Ladeleistung liegt um 320 kW; das sind ebenfalls feine Werte, die das Elek­troauto alltagstauglich machen. Auch hier: ein Fahrwerksniveau, von dem die meisten Konkurrenten nur träumen. Die Daten sprechen für BMW, an der Säule kommt es denn aber auf die Ladekurve an. Man wird mehr wissen nach ersten Tests. Fehlen nur noch günstigere Strompreise.

Mercedes-Benz gegen BMW wird das Topduell, freilich in der 60.000- bis 70.000-Euro-Liga. Aber das ist längst nicht alles. Von Volkswagen fährt im angesagten Segment kompakter SUV ein neuer T-Roc heran, der das Zeug zum Bestseller hat. Er sieht formidabel aus, hat saubere und sparsame Verbrennungsmotoren, bleibt finanziell erreichbar. Volkswagen beweist nach langer Durststrecke, zu was es in der Lage ist. Die deutsche Autoindustrie also liefert, welch mutmachende Nachricht. Für die IAA. Und über den Tag hinaus.