Boum! Ich hatte dieses Gefühl so gut wie vergessen, und dann tanzt Alysa Liu
Sie sind so selten geworden, die Momente, in denen pure feministische Kraft explodiert und durch unsere Adern fließt, nicht weil wir explodiert sind, sondern weil vor unseren Augen eine Frau dermaßen zu Licht wird, dass auch wir spüren: Wir können alles schaffen.
Sie sind für mich so selten geworden, weil ich jeden Tag Männer sehe, die sich uns in den Weg stellen. Und mit uns meine ich nicht uns Frauen, sondern uns Menschen, die wir unsere Kraft in Lebensfreude verwandeln wollen, die wir unsere ganze Stärke für das Leben einsetzen wollen, für die Freiheit und die Liebe, und nicht in Gegeneinander und Hass, in den Kampf gegen den Feind. Als Journalistin blicke ich die meiste Zeit meiner Arbeit auf Donald Trump, Wladimir Putin oder Benjamin Netanjahu.
Diese Olympiade brachte mir zwei feministische Sonnen, und sie sind ausgerechnet zwei Bürgerinnen der USA, in denen Donald Trump gerade den Himmel gegen ihr Strahlen zu verdunkeln trachtet: Alysa Liu und Lindsey Vonn. Ich hatte fast vergessen, was Frauen schaffen, wenn sie sich befreien und ihren Weg gehen. Und dann kamen sie.
Alysa Liu ist frei
Eigentlich verfolge ich die Olympischen Spiele nicht. Oder wenig. Oder nur das, was mein Instagram-Algorithmus halt so anspült. Dann am Wochenende scrolle ich nur durch die Kanäle, ziellos. Von Alysa Liu hatte ich bis dahin nie etwas gehört, Eiskunstlauf schaue ich mir kaum an. Ich scrolle also herum, wie man früher herumzappt, und der Algorithmus beschließt, dass diese Kür hier selbst mich faszinieren könnte.
Boum. Da ist sie, diese Kraft. Diese junge Frau in Gold, die die Party ihres Lebens feiert, auf dem Eis. Die frei ist.
Bis in die Fingerspitzen ist diese Frau sie selbst, jeder Millimeter ihres Körpers selbstbestimmt und entschlossen, zu genießen, zu lieben, das Leben zu feiern. Die Drehungen sind überwältigend gut, ja, bestimmt, was weiß ich schon darüber. Das eigentlich Beeindruckende spürte ich nach den Drehungen, im letzten Teil ihres Tanzes, der, wie ich später lerne, ihr Befreiungstanz ist: Alysa Liu performt keine Choreografie, sondern sie tanzt sich selbst. Sie gehorcht nicht, sie vollzieht keine Schritte, keine Regeln. Alysa Liu tritt nicht bei den Olympischen Spielen an, sondern es scheint, als seien die Olympischen Spiele eigens für sie organisiert worden. Alysa Lius Party.
Inzwischen geht ihre Geschichte in den sozialen Medien um, jeder Interviewer fragt sie danach, dabei müsste man gar nicht fragen, denn ihr Tanz erzählt alles, erzählt, wer Alysa Liu ist: eine junge Frau, die bis zu ihrem 16. Lebensjahr fremdbestimmt wurde und dann alle von sich gestoßen hat, um atmen zu können. Die den Profisport hat sein lassen, um leben zu können. Und jetzt den Sport nutzt, um zu leben.
Eine Umarmung mit Ami Nakai: So geht Solidarität
Wie sie zu sich selbst gefunden hat, wird sie gefragt: „Taking a break“ ist der Satz, der in jenem Interview fällt. „Nehmt eine Pause, um zu leben. Ich habe einfach gelebt. Habe alles Mögliche ausprobiert, um zu sehen, was mir gefällt.“ Dann ist sie wiedergekommen, hat ihren Vater aus dem Team geworfen und ihrem Trainer gesagt, was sie möchte: sie selbst sein. Sie bestimmt, wie und wann sie trainiert, was sie trägt, wie sie ihre Haare färbt.
Warum sie nicht nervös ist, wird sie gefragt. Sie sagt: Weil sie gar nicht patzen, gar nicht scheitern kann darin, ihre Geschichte zu erzählen. Wenn sie patzt, erzählt sie immer noch ihre Geschichte, Patzen ist also kein Scheitern, sondern gehört zu ihr. Mistakes are beautiful. Was sie besonders zeigen wollte bei der Performance? Ihr tolles Kleid. Worum es ihr geht? Um Verbindung zu den Menschen und sich selbst.
Und es war nicht nur ihr Tanz, ihr Blick, ihre Freude bis in die Fingerspitzen. Es war auch der Moment der Medaillenverleihung, die Beziehung zwischen ihr und der 17-jährigen Japanerin Ami Nakai, die Bronze gewann. Zwei junge Frauen in Solidarität. In Zärtlichkeit miteinander. Nicht im Kampf gegeneinander. In geteilter Freude. Ein so ungewohntes Bild in diesen Zeiten des Kriegs, dass ich mich über diese Verblüffung schämen muss.
Aber man muss nicht Gold gewinnen, um stark zu sein. Lindsey Vonn mich mindestens ebenso umgehauen.
Lindsey Vonn, Opfer des Drucks im Profisport? Von wegen!
14 Sekunden fährt sie am 8. Februar in Cortina d’Ampezzo Ski. Wie lange sie für diese 14 Sekunden trainiert haben muss! Dann bleibt sie mit ihrer Hand am Tor hängen, überschlägt sich, bricht sich den Unterschenkel, schreit vor Schmerzen und muss mit dem Hubschrauber abtransportiert werden. Lindsey Vonn, mehrfache Olympiagewinnerin, nur noch ein kleines Päckchen unten am Hubschrauber. Die wollte zu viel, haben die Zeitungen gesagt. Mit 42 noch einmal bei Olympia antreten, schon mit gerissenem Kreuzband: Die wurde zu viel unter Druck gesetzt. Die Arme, wurde gesagt, die hätte gar nicht fahren dürfen, mit diesem Kreuzbandriss, Olympia hätte das gar nicht zulassen sollen.
Das war auch die Geschichte über Lindsey Vonn, die mich zuerst erreichte: ein Opfer des Drucks im Profisport.
Dann postet Vonn aus dem Krankenbett diesen kleinen Text, schon am Tag nach ihrem Unfall. Von wegen Opfer. „Gestern endete mein olympischer Traum nicht so, wie ich es mir erträumt hatte“, schrieb sie. „Es war kein märchenhaftes Ende, sondern einfach nur das Leben.“ Sie bereue absolut nichts, schrieb sie. Klar, dachte ich, würde ich jetzt auch behaupten.
„Gestern vor der Startrampe zu stehen, war ein unglaubliches Gefühl, das ich nie vergessen werde. Zu wissen, dass ich dort stand und die Chance hatte zu gewinnen, war schon ein Sieg an sich.“ Sie habe gewusst, dass Ski-Racing riskant war. Wie das Leben, schrieb sie. „Wir gehen Risiken im Leben ein. Wir träumen. Wir lieben. Wir springen. Und manchmal fallen wir. Manchmal wird unser Herz gebrochen. Manchmal erreichen wir nicht die Träume, von denen wir wissen, dass wir sie erreichen könnten. Aber das ist auch das Schöne am Leben: Wir können es versuchen.“
Erst, als Alysa Liu darüber spricht, dass sie gar nicht scheitern könne auf dem Eis, weil auch Fehler zu ihrer Geschichte gehören – erst da verstehe ich die Worte Vonns wirklich.
Was Trump sagt, was der Kommentator über Anastassia Gubanova sagt: Who cares?
Lindsey Vonn hat keine Goldmedaille gewonnen wie Alysa Liu, aber sie erzählt dieselbe Geschichte: Scheitern ist kein Fehler, sondern genauso das Leben wie das Springen an sich. Wer verliert, ist nicht gescheitert, sondern lebt. „I tried. I dreamt. I jumped“, schreibt Vonn. Und wer ihre Videos aus dem Krankenhaus sieht, sieht tatsächlich eine leidende, aber auch lachende, über sich und das Leben lachende Vonn. Ungebrochene Stärke. Freiheit.
Wie Trump-vergiftet war ich eigentlich schon, dass ich vergessen hatte, wie sich wahre Stärke anfühlt? Eine Stärke, die das Hinfallen, das Verlieren, die Schmerzen nicht als Schwäche sieht? Langsam beginne ich, den Geist von Olympia zu verstehen.
Wie viele ihn vergessen haben. Zum Ende der Spiele wird Olympia tatsächlich diskutiert als einem „Hassduell, bei dem Trump alles noch viel schlimmer macht“. USA gegen Kanada. Beim Vier-Nationen-Turnier im Februar 2025, wird sich erzählt, hatte Trump geschrieben – nein, ich zitiere nicht. Es ist nicht des Zitats wert, nur so viel: Trump will aus Kanada den 51. Staat der USA machen. Die Trumps der Welt freuten sich auf das Spiel: Werden sie sich wieder prügeln?
Es wird auch darüber geschrieben, dass ein deutscher Kommentator die Kür der Eiskunstläuferin Anastassia Gubanova mit den Worten begleitete – nein, auch das zitiere ich nicht, es ist das virtuelle Papier nicht wert, auf dem ich hier schreibe. Sowieso endete der Kommentar auf „meine Herren“.
Who cares! Wen interessiert schon, was für giftige Ideen manche Leute zu diesen Olympischen Spielen haben? Diese Spiele sind nicht die Bühne für toxische Typen. Diese Spiele sind die Bühne von Lindsey Vonn und Alysa Liu. Ich spüre ihre Lebensfreude und Freiheit noch immer durch meine Adern pulsieren. Verbindung, sagt Liu, darum geht es ihr. Hat geklappt. Let’s jump.