Boom wohnhaft bei Gebrauchtem: Wie Second-Hand zum Milliardenmarkt wurde

Blick in einen Laden mit Secondhand-Kleidung.

Stand: 22.02.2026 • 07:12 Uhr

Die Nachfrage nach gebrauchten Produkten wächst: Zwei Drittel aller Deutschen haben schon Second-Hand gekauft. Doch worum geht es Kunden wirklich – um Nachhaltigkeit oder doch vor allem ums Sparen?

Von Lisa Wurscher, BR

Minus 80 Prozent: In einem Designer-Vintage-Laden in München ist eine Damen-Winterjacke für 380 Euro zu haben. Ein Schnäppchen – zumindest wenn man bedenkt, dass der Neupreis bei mehr als 2.000 Euro liegt. Die Jacke ist gebraucht, aber das sieht man ihr nicht an.

Die Kundin, die sie anprobiert, räumt ein: „Natürlich spielt der Preis eine Rolle.“ Früher, so Laden-Inhaberin Annette von Puttkamer, hätten Second-Hand-Käufer den Ruf gehabt, sich Neuware nicht leisten zu können. Das habe sich mit der Zeit komplett gewandelt.

Gebraucht boomt: Modehandel im Wandel

Die Digitalisierung hat Second-Hand-Shopping ein modernes Image verpasst. Am Modemarkt haben sich große Online-Plattformen etabliert, die sich auf gebrauchte Kleidung spezialisiert haben – 14-tägiges Rückgaberecht und kostenlose Retouren oft inklusive. Selbst traditionelle Online-Händler und große Modeketten mischen in diesem Geschäft mit. Und das zeigt seine Wirkung.

Laut einer Amazon-Studie haben bereits zwei Drittel aller Deutschen online Second-Hand-Artikel gekauft. Allein der Handel mit Second-Hand-Kleidung hat sich zu einem Milliardenmarkt entwickelt. Wie aus Daten hervorgeht, die Statista erhoben hat, lag der Umsatz vom Handel mit gebrauchter Kleidung in Deutschland 2025 bei rund 6,8 Milliarden Euro.

So läuft das Geschäft mit getragener Mode

Immer mehr Unternehmen haben sich auf Recommerce spezialisiert. Der Begriff beschreibt den Handelsverkehr gebrauchter Gegenstände über das Internet. Und so funktioniert es: Kunden schicken Kleidung, die sie nicht mehr haben wollen, zum Ankauf ein. Dafür gibt es klare Regeln. Die Online-Plattform Momox zum Beispiel lehnt unter anderem Artikel ab, die nicht frisch gewaschen sind, Flecken oder Löcher haben oder an denen Änderungen vorgenommen worden sind.

Ein professioneller Qualitäts- und Marken-Check des Händlers entscheidet, ob der Artikel zurückgesendet oder im Online-Shop weiterverkauft wird. Die Nachfrage bestimmt den Preis, erklärt Lenia Karallus, die Leiterin der Momox-Fashion-Abteilung: „Wir starten mit einem Angebot und danach discounten wir, bis wir den richtigen Preis gefunden haben.“

Schnäppchen-Jagd statt Klimaschutz?

Doch warum kaufen immer mehr Menschen Gebrauchtes? „Kosten sparen“ ist für 64 Prozent der Kunden die Hauptmotivation für den Kauf von Second-Hand-Kleidung. Gefolgt von Nachhaltigkeit, die für 49 Prozent wichtig ist. Das geht aus einer Civey-Befragung im Auftrag von Momox hervor.

Fashion wird am häufigsten gebraucht gekauft. Etwas zurückhaltender sind die Deutschen noch bei Elektronik. Eine Umfrage des TÜV-Verbandes hat ergeben: 35 Prozent haben bereits ein gebrauchtes Smartphone gekauft. 65 Prozent haben damit noch keine Erfahrung.

Die Online-Plattform Rebuy betreibt für gebrauchte Smartphones ein eigenes Werk in Berlin. Dort werden die Geräte, die sie von Kunden angekauft haben, generalüberholt. Im Fachjargon: refurbished. Konkret bedeutet das: Eine professionelle Reinigung und ein strenge technische Prüfung mit mehr als 60 einzelnen Funktionstests: Akku, Kamera, Töne, Display. „Die müssen alle zu 100 Prozent funktionieren“, so Rebuy-CEO Philipp Gattner, „nur dann gehen sie in den Verkauf“.

Hersteller müssen Lebensdauer der Produkte verlängern

Mittlerweile bieten selbst Hersteller Refurbished-Elektronik an. Ein Grund: Seit Mitte vergangenen Jahres sind sie durch eine EU-Verordnung verpflichtet, die Lebensdauer ihrer Produkte zu verlängern. Der Refurbished-Markt wird in den kommenden Jahren voraussichtlich weiterwachsen. Verschiedene Prognosen rechnen mit einer jährlichen Steigerungsrate zwischen sieben und 14 Prozent, während sich der Markt für Neuware bei rund vier Prozent einpendeln soll.

Rebuy unterteilt auf der Online-Plattform den Zustand gebrauchter Elektronik in drei Stufen: exzellent, sehr gut und gut. Bei gleichen technischen Voraussetzungen entscheidet ausschließlich die Optik über den Preis. Ein Smartphone mit einem kleinen Kratzer am Display etwa fällt unter die Kategorie „sehr gut“ und somit ist 20 bis 30 Prozent unter Neupreis zu haben.

Sparen ist auch beim Kauf gebrauchter Elektronik das Hauptargument, wie Philipp Gattner aus diversen Kundenbefragungen weiß: „Man merkt auf jeden Fall, dass die Leute wieder stärker auf ihr Geld schauen. Krisenbedingt.“

Source: tagesschau.de