Bodendrohnen in jener Ukraine: Sie transportieren Munition und evakuieren Verletzte
Reportage
Im Hightech-Krieg fliegen Drohnen nicht nur in der Luft, sondern sind auch im Meer und an Land unterwegs. Bodendrohnen transportieren Munition und Equipment, evakuieren Verwundete an der Front und greifen auch selbst an.
Hunderte Menschen haben sich am Vormittag auf dem Gelände eines Sportparks in Kiew versammelt. Hier wird ein besonderer Wettkampf ausgetragen: ein Rennen der Bodendrohnen.
Die kleinen und mittelgroßen Fahrzeuge stehen alle aufgereiht vor einer Halle. Viele haben dicke, traktorartige Reifen, manche fahren auf Ketten wie kleine Panzer. Und fast alle haben eine Ladefläche, auf der sie die verschiedensten Dinge und auch Menschen transportieren können. Auch die Drohne von Andrij Sawtschuk hat das schon bewiesen.
Wir haben damit schon Menschen gerettet. Einmal sogar einen leicht Verwundeten, einen Toten und drei weitere Verwundete. Das heißt, insgesamt fünf Personen auf einmal. Wir haben sie 30 Kilometer gefahren und in eine sichere Zone gebracht.
Bodendrohnen transportieren Verpflegung, Blutkonserven, Waffen und sogar Menschen übers Schlachtfeld.
Die „Kakerlake“ überwindet Hügel, Schnee und Eis
Andrij ist 26 Jahre alt und diente schon vor der russischen Großinvasion in der ukrainischen Armee. Wenn er an der Front ist, steuert er seine „Kakerlake“, so der Name des Drohnenmodells. Sie hat eine Reichweite von bis zu 40 Kilometer und ist geländegängig. Die „Kakerlake“ überwindet Hügel, Schnee und Eis, erzählt Andrij.
Dieses Fahrzeug habe viel durchgemacht, erzählt er: „Es wurde zweimal von Flugdrohnen angegriffen. Es wurde stark beschädigt und dann von uns wieder repariert: Die Motoren und die gesamte Karosserie wurden ausgetauscht und geschweißt. Und dann ging es weiter.“
Waffen, Munition, Vorräte
Ein Krieg der Drohnen – anfangs vor allem aus der Luft, nun auch immer stärker auf dem Land. Für die Soldaten ist es mittlerweile fast unmöglich, sich ungesehen auf dem Schlachtfeld zu bewegen, denn durch die Drohnen in der Luft bleibt nur wenig im Verborgenen.
Um das Personal zu schützen, übernehmen jetzt auch Drohnen am Boden Aufgaben. Mit ihnen werden Waffen, Munition, Vorräte, Blutkonserven und vieles andere zu den Stellungen geliefert. Manche sind sogar mit Maschinengewehren bestückt und werden als Kampfdrohnen am Boden eingesetzt, andere helfen beim Minenräumen.
In einer Halle sitzen die Piloten des Wettbewerbs und steuern ihre Drohnen.
Trainieren für den Ernstfall
In Kiew läuft inzwischen der Wettbewerb. Draußen fahren die Drohnen, drinnen in der Halle steuern die Piloten. Die Männer, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, sitzen an aufgereihten Schreibtischen und schauen gebannt auf die Bildschirme ihrer Laptops, die das Kamerabild der Drohnen zeigen.
Die Teilnehmer müssen auf dem Gelände bestimmte Koordinaten ansteuern und insgesamt einen zehn Kilometer langen Parcours bewältigen. Wer als erstes im Ziel ist, gewinnt einen Pokal. Viel wichtiger als der Preis sei aber der Austausch untereinander, sagt Artur Bulygin, einer der Organisatoren.
Der Zweck dieser Veranstaltung ist es, die effektivsten Technologien zu sehen, die wir derzeit in der Ukraine haben, und die besten Piloten. Heute sind sowohl Hersteller als auch das Militär hier. Ich denke, es ist sehr hilfreich für sie, miteinander zu sprechen und sich gegenseitig Feedback zu geben.
Bei dem Wettbewerb in Kiew treten über 30 Teams mit ihren Bodendrohnen gegeneinander an.
Im Gelände festgefahren
Nicht bei allen Piloten läuft es rund. Immer wieder wird zwischendurch laut geflucht, weil eines der Fahrzeuge festhängt und nicht weiterkommt. Auch bei Andrijs Team gibt es ein Problem.
Die „Kakerlake“ ist über eine Wurzel gestolpert und umgekippt. Solche Probleme tauchen auch an der Front auf, erzählt Andrij.
Es gibt viele Faktoren: Nebel, Schnee, Regen. Das alles verschlechtert die Verbindung. Und wenn du dann 20 bis 50 Kilometer von der Drohne entfernt sitzt, kannst du nichts machen. Die Verbindung kann um mehrere Sekunden verzögert sein, deine Drohne fährt und du kannst sie nicht stoppen.
Geschätzt Zehntausende Bodendrohnen im Einsatz
Trotz ihrer Schwächen sind die Bodendrohnen aus dem Krieg längst nicht mehr wegzudenken. Allein im Januar gab es laut ukrainischem Verteidigungsministerium 7000 Einsätze von unbemannten Fahrzeugen auf dem Schlachtfeld. Wie viele die Ukraine im Krieg gegen Russland insgesamt einsetzt, ist nicht bekannt.
Olexij Lytvynenko ist Geschäftsführer eines Verbands, der die Interessen der Hersteller vertritt. Er schätzt, dass Zehntausende Bodendrohnen in diesem Krieg auf ukrainischer Seite im Einsatz sind. Entscheidend sei nicht nur die Technik, sondern die Aus- und regelmäßige Fortbildung, sagt Lytvynenko.
Es funktioniert nicht so, dass man den Piloten einmal schult und dann macht er mehrere Jahre seinen Job. Es ist notwendig, dieses Trainingsprogramm alle paar Monate zu aktualisieren und zu verbessern.
Inzwischen ist das erste Team im Ziel angekommen. Andrij und seinen Kollegen ist es immerhin gelungen, ihre „Kakerlake“ aus der misslichen Lage zu befreien. Am Ende landen sie auf einem respektablen fünften Platz.
Source: tagesschau.de