Blockade von Hormus: Wie welcher Iran-Krieg die globale Energieordnung sprengt

Als die USA und Israel Anfang März ihre Angriffe auf Iran begannen, stellte US-Präsident Donald Trump einen begrenzten Militärschlag in Aussicht: kurz, gezielt, beherrschbar. Analysten und Experten, die ohne ideologische Scheuklappen auf die möglichen Folgen dieses völkerrechtswidrigen Angriffskriegs blickten, waren da deutlich skeptischer. Und die Märkte verwerfen ebenfalls zunehmend die optimistische Einschätzung von Trump – und geben den Skeptikern recht.

Erdöl ist schon 25 Prozent teurer, Flüssiggas sogar 65 Prozent

Der Preis für Brent-Rohöl, den internationalen Leitwert für Öl, sprang im asiatischen Handel um mehr als 25 Prozent auf über 116 Dollar pro Barrel und durchbrach damit erstmals seit vier Jahren die 100-Dollar-Marke. Die Leitindizes in Tokio und Seoul verloren 5,2 bzw. 8,1 Prozent, auch in Hongkong und an den chinesischen Festlandbörsen ging es deutlich nach unten. Die G7-Finanzminister beraten heute in einer Sondersitzung über eine koordinierte Freigabe strategischer Ölreserven durch die Internationale Energieagentur – ein Instrument, das seit der arabischen Ölkrise 1974 existiert und zuletzt 2022 nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine zum Einsatz kam. Dass es jetzt wieder auf dem Tisch liegt, sagt mehr über die Lage als jede Analysten-Prognose.

Im Zentrum der Krise steht die Straße von Hormus. Seit dem 2. März passieren nur noch eine Handvoll Tanker die Meerenge zwischen Iran und Oman, im Februar waren es 51 pro Tag. Iranische Raketen und Drohnen haben Raffinerien in Saudi-Arabien, Kuwait und den Emiraten getroffen, Katars Exportterminal Ras Laffan steht still – 17 Prozent der globalen LNG-Exporte, von einem Tag auf den anderen unterbrochen. Europäisches Erdgas hat sich um mehr als 65 Prozent verteuert. Durch die Meerenge lief bis vor kurzem ein Drittel des weltweit verschifften Rohöls und ein Fünftel des Flüssiggases.

Für Europa und Deutschland, das nach dem Bruch mit Russland seine Gasversorgung in hohem Tempo auf den internationalen LNG-Markt umgestellt hatte, hätte bereits der Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Sommer ein Weckruf sein müssen – nicht nur für volle Speicher und Notfallpläne, sondern für einen beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren, der Strom- und Wasserstoffinfrastruktur und der Endversorgung jenseits fossiler Träger. Stattdessen wurde die Abhängigkeit von russischem Gas durch eine Abhängigkeit von amerikanischem LNG ersetzt, während fossile Infrastruktur zunehmend als strategische Zukunftsinvestition behandelt wurde. Unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wurde zudem die Gasspeicherumlage abgeschafft, die zuvor die Kosten der Speicherbefüllung abgesichert hatte.

Ein zehn Prozent höherer Ölpreis heißt 0,4 Prozent mehr Inflation und 0,15 Prozent weniger Wachstum

Sollte die jetzige Blockade fünf Wochen anhalten, werden Ölpreise von 150 US-Dollar nicht ausgeschlossen, die Gaspreise könnten ebenfalls nochmal erheblich zulegen. Bereits jetzt hat sich der europäische Gaspreis im Vergleich zum Vorkrisenniveau (Ende Februar) ungefähr verdoppelt. Für die Weltwirtschaft bedeutet dies einen weiteren Energiepreisschock – wenige Jahre nach dem Schock infolge der russischen Invasion der Ukraine.

Legt man die Schätzungen des IWF zugrunde, kostet jede zehnprozentige Verteuerung des Öls die Weltwirtschaft 0,15 Prozentpunkte Wachstum und schlägt mit 0,4 Prozentpunkten auf die Inflation durch. Klettert der Preis auf 100 Dollar, schrumpft das Wachstum um fast einen halben Punkt, bei gleichzeitig über einem Prozentpunkt mehr Inflation. Für die deutsche Wirtschaft, die erstmalig seit einigen Jahren nennenswerte Wachstumsprognosen vorweisen konnte, könnte dies die Verteilungsdebatte befeuern und den Druck auf die Bundesregierung erhöhen. Für ärmere Länder allerdings, die noch stärker von Energieimporten abhängen, kann es existenzbedrohend werden.

Denn die Krise beschränkt sich nicht auf Europa. Asiatische Importeure – von China und Japan über Indien bis Pakistan und Bangladesch – suchen bereits verzweifelt nach Ersatzladungen und finden kaum Verkäufer. Die LNG-Frachtkosten aus dem Atlantik sind an einem einzigen Tag so stark gestiegen wie nie zuvor. Von einem Niveau zwischen 30 bis 40 US-Dollar stiegen die Preise rapide auf weit über 100 US-Dollar. Indien, das rund drei Prozent seines BIP für Ölimporte aufwendet und kaum über Reserven verfügt, hat Raffinerien angewiesen, den Export von Diesel und Benzin einzustellen. In Pakistan, das 99 Prozent seines LNG aus Katar bezog, droht ein Versorgungsengpass.

Es geht nicht nur um Öl und Gas, sondern auch um Dünger – gerade in der Zeit der Aussaat

Und es sind nicht nur die Preise für Energieträger, die durch die Decke gehen. Auch die Düngerpreise ziehen stark an. Der Persische Golf wickelt rund ein Drittel des Welthandels mit mineralischen Pflanzennährstoffen ab – genau zu dem Zeitpunkt im Jahr, an dem Lieferungen für die Frühjahrsaussaat auf der Nordhalbkugel unterwegs sein müssten. Fällt dieser Strom aus, trifft das den globalen Agrarkalender im sensibelsten Moment.

Katar allein steht für rund 11 Prozent der weltweiten Harnstoffexporte, Iran für weitere zehn bis 12 Prozent. Entsprechend springen die Preise bereits an. Für viele ärmere afrikanische Staaten bedeutet das eine akute Gefahr: Wenn Dünger unbezahlbar wird, sinken die Erträge, was die Ernährungskrise verschärft. Reiche Staaten werden sich über höhere Preise versorgen können und lediglich Wachstumseinbußen in Kauf nehmen müssen. Ärmere Länder dagegen, denen Kaufkraft und Reserven fehlen, werden leer ausgehen. Die globale Dimension dieses Schocks folgt einer Logik, die John Maynard Keynes einst als den „erbarmungslosen Kampf ums Überleben“ beschrieb, in dem „die Giraffen mit den längsten Hälsen jene mit den kürzeren aushungern“.

Zeichen der Panik: Washington pausiert seine eigenen Sanktionen gegen russisches Öl

In dieses globale Bild fügt sich eine geopolitische Verschiebung, die an Zynismus kaum zu übertreffen ist. Washington hat Indien erlaubt, für 30 Tage wieder russisches Öl zu kaufen – nachdem es Neu-Delhi gerade erst mit Strafzöllen belegt hatte, um genau diesen Handel zu unterbinden. Die eigene Sanktionspolitik wird der kurzfristigen Marktberuhigung geopfert. Gleichzeitig droht Russland mit einem vollständigen Gasexportstopp nach Europa: Putin argumentiert, wenn die EU russisches Gas ohnehin verbieten wolle, könne man die Lieferungen auch jetzt einstellen.

Russland lieferte 2025 noch immer rund 13 Prozent der europäischen Gasimporte. Und die USA, die diesen Krieg mit Israel losgetreten haben? Ihr Gas-Benchmarkpreis ist um vier Prozent gestiegen, die strategischen Öl-Reserven umfassen 415 Millionen Barrel. Washington kann sich diesen Krieg leisten, auch wenn Trump dafür innenpolitisch möglicherweise einen Preis zahlen wird. Europa und der Globale Süden hingegen tragen die ökonomische Rechnung, die mit jeder Woche ansteigt, die der Krieg andauert.

Die Bundesregierung hat bei der Vorsorge versagt – jetzt wird es eng

Für Deutschland verschärft sich das Problem durch eine hausgemachte Schwäche: Die Gasspeicher liegen mit Füllständen von etwa 20 Prozent weit unter dem saisonalen Durchschnitt – und der Winter ist noch nicht vorbei. Die Bundesregierung wird die Speicher selbst bei milderem Wetter für den kommenden Winter auffüllen müssen, und zwar auf einem Weltmarkt, auf dem Katars Exporte ausfallen und Russlands Lieferungen zur Disposition stehen. Jede europäische Einkaufstour verschärft den globalen Wettbewerb um knappe Ladungen und treibt die Preise weiter in die Höhe. Ärmere Länder werden endgültig ausgepreist und können sich nicht mehr versorgen. In Europa kommt die Rechnung als Inflation zurück zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Was die Krise ebenfalls offenlegt: Die Energieversorgung, die Europa und Deutschland seit 2022 aufgebaut haben, war alles andere als nachhaltig und resilient. Zwar wurde russisches Pipeline-Gas schnell durch Flüssiggas vom Weltmarkt ersetzt, LNG‑Terminals wurden gebaut, und Importverträge geschlossen.

Doch was als Diversifizierung verkauft wurde, war vielmehr lediglich eine Umschichtung der Abhängigkeiten in Richtung der USA: Mehr als die Hälfte (52,5 Prozent) der europäischen LNG-Importe stammt aus den Vereinigten Staaten. Unter Bundeswirtschaftsministerin Reiche wird die fossile Infrastruktur nicht als Übergangslösung behandelt, sondern als strategische Zukunftsinvestition, was de facto die Gasabhängigkeit auf Jahrzehnte zementiert, statt den Ausstieg zu beschleunigen. Man fragt sich, wie viele Schocks es noch braucht, bis die Politik sich von den dominanten Interessen und dem Druck der fossilen Lobby lösen kann.

Teuerung für Geringverdienende, Extraprofite für Energiekonzerne

Währenddessen dürfte die resultierende Verteilungsfrage des Energiepreisschocks – je nachdem, wie ausgeprägt er ausfällt – die ohnehin fragile politische Stabilität weiter untergraben. Im Inland wirken steigende Energiepreise wie eine regressive Steuer: Schon 2022 hatten Haushalte mit Nettoeinkommen zwischen 2.000 und 2.600 Euro haushaltsspezifische Teuerungsraten von bis zu 11,5 Prozent, wohlhabendere Familien lagen deutlich darunter. Gleichzeitig dürften Energiekonzerne, wie schon bei vergangenen Preisschüben, erhebliche Krisengewinne einfahren – auf Kosten derjenigen, die an der Zapfsäule und bei der Gasrechnung keine Wahl haben. Das könnte ein weiteres Konjunkturprogramm für die AfD werden, sofern die Bundesregierung nicht angemessen reagiert.

International verschärft der Schock bestehende Ungleichheiten. Energieexportierende Entwicklungsländer mögen zwar kurzfristig profitieren, doch für die vielen Staaten im Globalen Süden – gerade die ärmsten –, die netto abhängig von Energie- und Nahrungsmittelimporten sind, sieht es düster aus. Dort machen Energie und Nahrungsmittel einen weit größeren Anteil sowohl am Warenkorb als auch an den Importen aus.

Arme Länder des Südens könnten jetzt unter existenziellen Druck geraten

Steigende Düngerpreise verteuern die Ernten, steigende Energiepreise die gesamte Lieferkette. Die daraus resultierende Inflation wird die Zentralbanken zu Zinserhöhungen zwingen, was die ohnehin erdrückende Schuldenlast weiter verschärft. Sollte wie in der Vergangenheit hinzukommen, dass die Kapitalflucht in sichere Häfen wie den US-Dollar die Währungen dieser Länder unter Druck setzt, werden sich Importe und Auslandsschulden zusätzlich verteuern. Kurz: Es droht dieselbe Abwärtsspirale, die sich nach 2022 als verheerend erwiesen hat – wieder ausgelöst durch einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, den diesmal unsere amerikanisch-israelischen Partner losgetreten haben.