Blizzard in den USA: New York geht im Schnee unter

Mein liebster Baum hat es nicht geschafft – unter der Last des Neuschnees ist er in der Nacht auf ein kleines rotes Auto vor unserem Mietshaus in Brooklyn gefallen. Nun sind beide unter der weißen Masse begraben, und man kann nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob es eigentlich eine Kiefer, Eibe oder Fichte war, die da unter dem Blizzard zusammengebrochen ist. Freunde aus Regionen mit früherem Frühling fragen, wie es sich so lebe unter dem ganzen Schnee, und wir können nur sagen: Es gab eine kurze Pause nach dem ersten Schneesturm Ende Januar, und nun fühlt es sich an, als gehe der Winter zurück auf „Los“. In den vergangenen Tagen wurde es gerade etwas besser, aber überall lagen noch die zusammengekehrten Riesenklumpen Schnee und Eis herum.
Wenn man dieser Tage irgendwo ins Konzert geht, wie wir kürzlich in einer Kirche auf der Upper West Side, dann kann es passieren, dass die Zuschauer wie Helden begrüßt werden, überschwänglich: „Toll, dass Sie heute das Haus verlassen haben!“ Wer jetzt nicht nach Florida geflogen ist, muss erst mal hierbleiben und hoffen, dass der Strom nicht ausfällt. Natürlich gibt es auch die, für die das Wetter ein großes Fest ist, sie sind bei Instagram: Leute, die sich auf dem Snowboard oder auch auf Skiern hinter Autos durch ein komplett weißes Manhattan ziehen lassen – zum Teil mit erheblicher Geschwindigkeit. Und kein „Snow Day“ ist vollständig ohne Videos von den Abenteurern, die halb nackt Yoga im Schnee machen, auf dem Times Square im Sturm musizieren oder in Rockaway den Wellen trotzen.
Ein Test für den Bürgermeister
Für jeden Bürgermeister gilt ein Blizzard indessen als wichtiger, viel diskutierter Test. Beim ersten Schneesturm des Jahres, der gefühlt in diesen hier überging, einigten sich die meisten Kommentatoren noch darauf, dass Zohran Mamdani keine schlechte Figur gemacht habe. Da hatte der Neue noch in Videos geglänzt, die zeigten, wie er Schnee schippte. Doch in den vergangenen Wochen sank die Laune vieler New Yorker, und das ließ manch einer an „Hizzoner“ (lokaler Slang für „His Honor“) aus. Mamdani kann den wochenlang liegen bleibenden Schnee natürlich nicht wegzaubern. Doch dass unter den weißen Massen Berge von Müll und Hundekot zum Vorschein kamen, die gleichfalls wochenlang liegen blieben, das war manchem dann doch zu viel.
Auch wenn es diesen Anblick jedes Mal gibt, wenn in der Riesenstadt Schnee liegt, die Straßenreinigung und die Müllabfuhr erst langsam wieder in den Tritt kommen – am heraufziehenden Sozialismus liegt es jedenfalls nicht. Wenigstens lässt sich im Prospect Park oder im Central Park hervorragend Langlaufski fahren, und die Hügel sind so voll, dass sich die Schlitten – und Mülleimerdeckel, Plastikwannen, sonstige Gefährte – in die Quere kommen. Ein paar Feuerwehrleute haben sich inzwischen den Baum auf dem Auto vor unserem Fenster angeguckt. Zur Straße hin haben sie ein paar Zweige weggesägt. Die liegen jetzt schon wieder unter einem neuen weißen Haufen. Mit dem Rest warten sie vermutlich, bis es nicht mehr schneit.
Source: faz.net