Biblisches Erbe dieser Psychoanalyse: Sobald dieser Mensch Gott spielen will, beginnt dieser Wahnsinn
Der Psychoanalytiker Massimo Recalcati ist nicht nur klinisch, sondern auch philosophisch engagiert. Vom Ende des Paradieses über Kain und Abel und die Sintflut bis zum Buch Jona unternimmt sein Buch den Abgleich von Geschichten des Alten Testaments mit den Lehren Sigmund Freuds.
Das erste Kapitel analysiert den Sündenfall. Die Versuchung der Schlange lautet: „Ihr werdet sein wie Götter, die Gutes und Böses erkennen.“ Naheliegend ist eine antiautoritäre Deutung der Szene. Danach wäre Gott ein Tyrann und die Schlange Fürsprecherin der befreienden Rebellion. So hatte es Ernst Bloch gelehrt: „Die Paradiesschlange ist die Raupe der Göttin Vernunft.“
Die Gefahr, Gott zu spielen
Recalcati widerspricht zu Recht: Die schlimmste Sünde bestehe darin, „Gott sein zu wollen“. Allerdings ist die Grenzsetzung, deren Überschreitung die drastischsten Strafen nach sich zieht, keine exklusiv alttestamentliche Leistung. Tatsächlich handelt es sich um die Abwehr der gattungsgeschichtlich frühesten Versuchung zum Wahnsinn.

In Georg Büchners Erzählung „Lenz“ zeigt sich die Schizophrenie des Protagonisten, als er sich zu einem toten Kind hingezogen fühlt: Er sank „ganz in sich und wühlte all seinen Willen auf einen Punkt, so saß er lange starr. Dann erhob er sich und fasste die Hände des Kindes und sprach laut und fest: Stehe auf und wandle! Aber die Wände hallten ihm nüchtern den Ton nach, dass es zu spotten schien, und die Leiche blieb kalt.“
Ein anderes Kapitel untersucht das Verhältnis von Jakob und Esau. Mit der These, Blut sei „nicht die Substanz der Brüderlichkeit“, leitet Recalcati seine Darstellung ein. Diese Versicherung entspricht gegenwärtigen Sensibilitäten; beim Gebrauch naturalistischer oder biologistischer Argumente ertappt zu werden, gehört heute zu den peinlichsten Fehlern, die einem Intellektuellen unterlaufen können. Aber im Eifer, diesen zu vermeiden, entgeht Recalcati die eigentliche Pointe der Geschichte.
Die Bibel ist klüger als ihr Interpret
Esau, dem Erstgeborenen von Isaak und Rebekka, wäre eigentlich die Nachfolge des Vaters zugefallen. Aber durch den bekannten Betrug mit dem Linsengericht erhält Jakob den Segen. Er wird zum Stammvater Israels; aus seinen zwölf Söhnen entspringen die zwölf Stämme des Volks. Esau ist der Kräftigere, und das macht ihn für Recalcati weniger würdig: „Es scheint kein Zufall zu sein, dass sein Körper rötlich und behaart wie der eines Tieres ist (. . .). In Esau kommt die Naturgewalt unmittelbar zum Ausdruck, sein wildes Wesen lehnt das Gesetz ab.“
Die Begründung ist dünn, und die Bibel weiß von ihr nichts. Dafür lenkt sie den Blick auf einen anderen Sachverhalt, den Recalcati ausblendet: Noch vor der ganzen Affäre hatte Esau zwei hethitische Frauen geheiratet – aus einem Volk mit indogermanischer Sprache. „Diese bereiteten Isaak und Rebekka Kummer.“ Warum das? Haben wir nicht gerade gehört, dass „Blut“ Beziehungen nicht definieren kann?
Eine Nachfolge durch Esau wäre zu einer Katastrophe des auserwählten Volkes noch vor seiner Konstitution geworden. Man weiß aus späteren Teilen der Bibel wie dem Buch Esra, wie streng die Ansichten waren: „Ihr seid treulos geworden und habt fremde Frauen geheiratet und Israels Schuld noch vermehrt. Nun gebt dem Herrn, dem Gott eurer Väter, die Ehre und erfüllt seinen Willen! Trennt euch von der Bevölkerung des Landes und von den fremden Frauen!“
Recalcati lässt die Folgegeschichte des Konflikts von Jakob und Esau aus – deren Vorahnung Rebekka so viel Kummer gemacht hatte – und schließt mit der Versöhnung der Brüder, die in Frieden auseinandergehen: Die neue Form der Brüderlichkeit löse „alle Verstrickungen auf, und die Wege der Brüder können sich nun trennen“.
Das Buch ist wertvoll durch seine Stärken wie durch seine Fehldeutungen. Denn diese letzteren, entstanden durch mangelnde Abwägung universalistischer und ethnozentrischer Tendenzen der biblischen Bücher, stehen repräsentativ für derzeit typische intellektuelle Irrwege.
Massimo Recalcati: „Am Anfang war das Wort“. Das biblische Erbe der Psychoanalyse. Herausgegeben und aus dem Italienischen übersetzt von Stefano Vastano und Wolfgang Hegener. Turia + Kant Verlag, Wien 2025. 382 S., br., 39,– €.
Source: faz.net