Bewegung an den Aktienmärkten: Wie schlimm steht es wirklich um die Markt?
Vor ein paar Tagen verschickten die Spezialisten von „Deutsche Bank Research“ eine Analyse, die es in sich hatte. Sie schrieben: Man habe einige „faszinierende“ Ähnlichkeiten festgestellt zwischen den derzeitigen Bewegungen an den Aktienmärkten und jener Marktdynamik, die sich einst im Jahr 2000 entfaltet habe.
Dies ist ausgesprochen zurückhaltend formuliert. Denn das, was die Fachleute „Marktdynamik“ nennen, mündete damals in einen schweren Börsenabsturz, von dem sich die Aktienmärkte dieser Welt auf Jahre hinaus nicht erholten. Die Parallele, die die Deutsche-Bank-Analysten sehen, ist folgende: Im Jahr 2000 fielen die Kurse von Technologie- und Medienaktien heftig, weil der Glaube an die Möglichkeiten des damals noch jungen Internets am Ende zu groß gewesen war, um sich kurzfristig zu erfüllen. Ausgeglichen wurde dieser deutliche Absturz vieler Hoffnungsträger aber zunächst durch einen Anstieg der Kurse von Aktiengesellschaften, die gemeinhin als langweilig gelten – Nahrungsmittelkonzerne, Energieversorger, Pharmaunternehmen.
Das war in gewisser Weise eine hinterhältige Entwicklung, weil die Anleger sich in falscher Sicherheit wähnten. Wer damals nämlich glaubte, dass an den Finanzmärkten alles gut werden würde, sah sich bald eines Besseren belehrt: Die Zwischenerholungen, die klassische Aktien der Börse insgesamt verschafften, fielen mit der Zeit immer kürzer aus, und die Rückschläge durch die fallenden Kurse der Internetaktien wurden immer größer. Im Nachhinein weiß man: Die erlebten damals einen Crash, der sich im Prinzip über drei Jahre hinzog.
Stehen wir vor dem nächsten Crash?
Wird das nun wieder passieren? Zumindest die Ausgangslage erscheint verblüffend ähnlich. Heute geht es zwar nicht mehr um Internet-, sondern um Technologieaktien, und noch sind die Rückgänge nicht so besorgniserregend wie damals. Aber das Muster scheint vertraut: Von den sieben wichtigsten amerikanischen Techfirmen – an der Börse gerne mit leichter Ironie als die „Glorreichen Sieben“ bezeichnet – sind nur der Chiphersteller Nvidia, der iPhone-Konzern Apple und Facebook-Erfinder Meta seit Jahresanfang leicht im Plus. Alle anderen notieren teils deutlich im Minus. Und zugleich haben klassische Industrie- und Energietitel recht viel hinzugewonnen. Übrigens auch im Dax, in dem momentan Siemens Energy und der Leverkusener Bayer-Konzern die stärksten Zuwächse seit Jahresanfang vorweisen können.
Viele Anleger sind sich selbst nicht sicher, was sie aus solchen Parallelen nun eigentlich ableiten sollen, was sich auch in der Wortwahl zeigt: Manch einer spricht gar von Panik an den Märkten, was sich zum Beispiel an Softwareunternehmen wie Servicenow zeigt. Mit einem Minus von 35 Prozent seit Jahresanfang zählt die Aktie zu den schlechtesten im amerikanischen Index S&P 500. Zugleich notieren viele Börsenbarometer wie beispielsweise der Dax noch immer in Nähe ihrer Höchststände. Im Englischen gibt es den perfekten Ausdruck für den seltsamen Schwebezustand, in dem die Börsen gerade gefangen zu sein scheinen – dort benutzt man dafür den Ausdruck „Wobble Markets“, zu Deutsch: „Flattermärkte“.
Viel spricht allerdings dafür, dass wir gerade keine Neuauflage der Unruhe der 2000er-Jahre erleben. Das sagen beispielsweise die Strategen der Investmentbank Goldman Sachs. Sie sehen Weltwirtschaft und Aktienmärkte in die Phase des sogenannten „Spätzyklus“ eintreten. In einer solchen Phase geht üblicherweise die Dominanz eines einzelnen Themas wie beispielsweise Künstliche Intelligenz (KI) etwas zurück. Es wird dann lukrativer, auf Aktien aus anderen Bereichen zu setzen. „Rotation“ lautet das entsprechende Börsenfachwort dafür, das man keinesfalls gleichsetzen darf mit einem allgemeinen Börsenabsturz.
Benjardin Gärtner, globaler Leiter für Aktien bei der Fondsgesellschaft DWS, kommt zu einem ähnlichen Schluss. Die Zeit der „amerikanischen Einbahnstraßenbörse“ sei vorbei, sagt er und meint damit: „Seit 2017 hat sich die enge Konzentration auf einige wenige Technologiewerte ausgezahlt, die die amerikanische Börse dominieren. All die Jahre hat diese Strategie gewonnen, aber das ändert sich gerade. Da ist eine Neuordnung im Gang, von der die Börsen außerhalb Amerikas derzeit stärker profitieren.“
Dies hat natürlich auch mit den leicht verbesserten konjunkturellen Aussichten in Europa zu tun, die sich beispielsweise auf das deutsche Infrastrukturprogramm zurückführen lassen. Dabei stört die Anleger offensichtlich weniger, dass das Wachstum hierzulande insgesamt immer noch schwach ist. Wichtiger ist ihnen stattdessen, dass sich ein leichter Aufwärtstrend feststellen lässt, der höhere Aktienkurse in Europa rechtfertigt.
Ein aufschlussreicher Vergleich
Wie groß der Vertrauensvorschuss gegenüber amerikanischen Aktien viele Jahre war und wie gering das Zutrauen in Europa, zeigt ein Blick auf das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Das ist eine Kennziffer, mit der sich feststellen lässt, ob Aktien gerade als eher teuer oder eher günstig anzusehen sind. Die Diskrepanz zwischen amerikanischen Aktien im S&P 500 und europäischen Aktien im Index Stoxx Europe 600 stellt sich derzeit so dar: Das durchschnittliche KGV in Europa liegt bei 15, der vergleichbare Wert für Amerika beträgt 21. Lange lag der Abstand zwischen beiden Werten bei neun Punkten, nun ist er also auf sechs Punkte geschrumpft. Übersetzt man diese technische Beobachtung in einfache Sprache, bedeutet das: Europäische Aktien sind trotz der jüngsten Zugewinne noch immer viel günstiger als amerikanische Aktien. Das macht sie in Zeiten attraktiv, in denen die Anleger der europäischen Konjunktur wieder mehr zutrauen.
Wenn man so will, ist an der Börse derzeit also eine doppelte Rotation im Gange: etwas weniger Amerika und etwas weniger Tech, dafür etwas mehr internationale Märkte und etwas mehr klassische Industrie. Eine Frage beantwortet das allerdings noch nicht: Warum sinken die Kurse vieler Techfirmen eigentlich, obwohl es auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz unlängst noch einmal neue Erfolge zu vermelden gab?
Das Unternehmen Anthropic sorgte gerade für viel Aufmerksamkeit, weil es ein Modell veröffentlicht hat, das Juristen eine Vielzahl von Arbeitsschritten abnehmen kann. Dass die Aktienkurse bestimmter Anbieter daraufhin fielen, die Softwarelizenzen für den Umgang mit speziellen Daten aller Art verkaufen, war also in gewisser Weise logisch. Ihnen ist eine neue Konkurrenz erwachsen. Das erklärt aber nicht, wieso die Verluste auch Aktiengesellschaften wie Microsoft & Co. erfassten, die viel Geld in den Aufbau von Rechenzentren investieren. Bislang nämlich war es eher so, dass eine positive Nachricht aus dem Feld der Künstlichen Intelligenz auch den Aktienkursen anderer Unternehmen aus dem Bereich zugute kam.
Zum Verständnis ist wichtig, dass die Erfolgsmeldung von Anthropic kam und damit ausgerechnet von einem Konkurrenten des ChatGPT-Erfinders Open AI, mit dem Microsoft eng zusammenarbeitet. Außerdem ist Anthropic nicht an der Börse notiert, weswegen die Neuigkeit nicht zu steigenden Kursen bei der Firma selbst führen konnte. Noch entscheidender ist allerdings, was DWS-Aktienchef Gärtner so formuliert: „Die Anleger wählen mit Blick auf KI mittlerweile eine rationale Herangehensweise. Sie fragen sich, ob man mit den immensen Investitionen tatsächlich auch die gewünschten Renditen erzielen kann.“ Anders als noch vor Kurzem müssen die Unternehmen jetzt viel stärker erläutern, welchen konkreten Nutzen ihre KI-Investitionen tatsächlich bringen sollen. „Show me“-Aktien heißen solche Papiere unter Profis – frei übersetzt: Zeigt erst mal, was ihr wirklich könnt, sonst kaufen wir weniger Aktien.
Dieser realistische Blick kann zu Kursrückschlägen führen, zumal eine Firma wie Microsoft ja auch immer noch viel altes Geschäft mit sich herumträgt. Man denke nur an das Betriebssystem Windows, lange eine Gelddruckmaschine. Doch wie sehr sich auf den Erfolg solch älterer Geschäftsfelder in Zukunft noch bauen lässt, ist in Zeiten rasanter Veränderung unklar. Für die Google-Muttergesellschaft Alphabet, den Onlinehändler Amazon sowie Meta und Apple stellen sich vergleichbare Fragen. Auch das ist eine Erklärung für die momentane Unsicherheit der Anleger.
Anders als zur Zeit der Internetkursblase Anfang der 2000er-Jahre stellen die Investoren die Techkonzerne aber nicht grundsätzlich infrage. Wie weit das Vertrauen noch immer reicht, verdeutlicht eine Meldung aus der vergangenen Woche: Da brachte Alphabet eine Anleihe mit hundertjähriger Laufzeit auf den Markt – so etwas kommt nur ganz selten vor. Solche Anleihen mit extrem langer Laufzeit sind besonders für Stiftungen und Pensionsfonds interessant. Tatsächlich überstieg die Nachfrage nach der Alphabet-Anleihe das Angebot um ein Vielfaches. Die implizite Botschaft dahinter lautet wohl: So schnell, wie jetzt von manchen Anlegern beschrien, werden die Techkonzerne ihre führende Stellung wohl doch nicht verlieren.
Source: faz.net