Besonders ein Faktor treibt Wölfe dazu, ihre Scheu zu den Rest geben
Die Wölfe kommen zurück nach Europa und lernen sich an menschliche Umgebungen zu gewöhnen. Damit eine Koexistenz gelingen kann, ist ein tieferes Verständnis ihrer Verhaltensweise unerlässlich.
Wölfe sind in der Umgebung von Menschen sehr scheu und vorsichtig – das belegen viele Studien. Eine Studie aus Österreich und Italien zeigt nun, dass die Tiere sich dennoch durchaus an die Nähe von Menschen gewöhnen können.
„Die Ergebnisse zeigen, dass Wölfe ihre Verhaltensreaktionen sowohl an die Risiken als auch an die Chancen in vom Menschen dominierten Landschaften flexibel anpassen“, sagte Studienleiterin Sarah Marshall-Pescini von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Das ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg von Wölfen in urbanisierten Gebieten.“
Generell stehe der Mensch dem Wolf (Canis lupus) ambivalent gegenüber, schreibt die Gruppe in den „Proceedings“ der US-nationalen Akademie der Wissenschaften „PNAS“: Einerseits betrachte er ihn als Symbol von Stärke, Klugheit und Jagdkönnen, andererseits als böse und Sinnbild für Bedrohung. Umgekehrt sei der Mensch für den Wolf zwar eine Gefahr, biete aber andererseits auch Zugang zu Nahrung – etwa durch seine Nutztiere wie Schafe oder Ziegen.
Noch im vorigen Herbst hatte ein Forschungsteam im Fachjournal „Current Biology“ berichtet, dass Wölfe ihre Furcht vor Menschen auch in Regionen beibehalten, in denen sie unter Schutz stehen. Die Raubtiere meiden demnach gezielt menschliche Nähe selbst in Gegenden, in denen sie kaum direkte Bedrohung erfahren. In einem großen Gebiet in Nordpolen hatte das Team mit versteckten Kamera-Lautsprecher-Systemen erfasst, wie Wölfe auf unterschiedliche Geräusche reagierten, darunter Hundegebell und menschliche Stimmen.
Das Ergebnis der früheren Studie: Die Wölfe flohen beim Klang menschlicher Stimmen mehr als doppelt so häufig und verließen den Ort rund doppelt so schnell wie bei harmlosen Naturgeräuschen. Auch Beutetiere der Wölfe wie Wildschweine und Rehe reagierten ähnlich empfindlich. „Wölfe sind nicht die Ausnahme, wenn es darum geht, Angst vor Menschen zu haben – und sie haben allen Grund dazu“, sagte damals Co-Autorin Liana Zanette von der Western University im kanadischen London.
In der nun neu erschienenen Studie untersuchten das Forscherteam aus Österreich und Italien, inwiefern sich Wölfe trotz ihrer natürlichen Scheu an Menschen gewöhnen können. Um zu verstehen, wie Wölfe sich in von Menschen geprägten Umgebungen verhalten, prüfte das Team anhand von 185 wilden Wölfen in verschiedenen Arealen Mittelitaliens, darunter auch in der Umgebung von Florenz. Dabei dokumentierten die Forscher mit Kameras die Reaktion der Tiere sowohl auf unbekannte, mit dem Menschen verbundenen Objekte – etwa Spielzeuge – als auch auf menschliche Stimmern.
Die Analyse der Videos zeigt, dass Wölfe anfänglich scheu auf Objekte reagierten. Nach und nach verloren sie diese Scheu aber. Auch wenn die Tiere menschliche Stimmen hörten, verhielten sie sich zunächst durchaus ängstlich. Doch auch hier setzte mit der Zeit ein Gewöhnungseffekt ein. In beiden Fällen waren die Tiere weniger scheu, wenn sie nicht alleine unterwegs waren, sondern zusammen mit Artgenossen.
„Die Nähe wilder Wölfe zu Menschen in einer dicht besiedelten Umgebung ist ein neues Phänomen“, schreibt die Gruppe. Die Studie zeige, wie nuanciert die Tiere mit der Anwesenheit von Menschen umgingen.
Angesichts ihrer Kapazität zum Lösen vom Problemen und ihrer Lernfähigkeit könne man davon ausgehen, dass gerade die Geselligkeit der Tiere ihre Fähigkeit stärke, auch in menschlich geprägten Umgebungen zu florieren. Diese extreme Anpassungsfähigkeit erschwere es dem Menschen, wirksame Abschreckungsmaßnahmen zu planen, heißt es weiter. Zumal das vielfältige Nahrungsangebot eine große Anziehung auswirkt.
„Zusammengenommen zeigen unsere Ergebnisse das große Potenzial von Wölfen, sich in menschlichen Umgebungen zurechtzufinden – dank eines facettenreichen, flexiblen und komplexen Verhaltensrepertoires“, bilanziert die Forschungsgruppe. „Offen ist, ob menschliche Gesellschaften dazu in der Lage sind, sich der Herausforderung einer Koexistenz mit ähnlich effektiven und komplexen Lösungen zu stellen.“
Walter WIllems, dpa/lpi
Source: welt.de