Beschuss im Libanon: „Wenn es sein muss, bis zum Ende“

Es war Mitternacht, und Mohammed Fesai saß mit Freunden in einem Café, in ein Kartenspiel vertieft, als sein Handy klingelte. Er kannte die Nummer nicht. „Der israelische Staat warnt Sie“, sagte eine Stimme, als er abnahm. „Sie müssen sofort das Gebiet verlassen.“ Fesai sprang auf, rannte zu seinem Motorrad und raste nach Hause. Von unterwegs habe er seine Frau angerufen, erzählt er. „Pack schon einmal alles zusammen“, habe er ihr gesagt.

Der Krieg ist zurück im Libanon. Am 2. März hat die proiranische Hisbollah Raketen auf Israel geschossen, um die Tötung des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei durch die USA und Israel zu vergelten. Seither nimmt die Miliz Israels Norden immer wieder unter Beschuss. Die israelische Armee wiederum attackiert täglich Ziele im Libanon, vor allem Viertel und Dörfer, in denen die Hisbollah besonders stark ist: in den südlichen Vororten von Beirut, in der östlichen Bekaa-Ebene und im Süden des Landes, nahe der Grenze. In diesen Gebieten hat Israel die Menschen aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Rund eine Million Menschen sind auf der Flucht. Am Dienstag sagte der israelische Verteidigungsminister Israel Katz, sein Land wolle im Libanon südlich des Litani-Flusses eine „Sicherheitszone“ einrichten und dieses Gebiet kontrollieren, „bis die Sicherheit im nördlichen Israel garantiert ist“. Erst dann könne die Bevölkerung zurückkehren. Faktisch liefe das auf eine Besatzung hinaus.

Betroffen ist auch die historische Hafenstadt Tyros, in der Mohammed Fesai lebt. Die Evakuierungsorder wird teils mit automatisierten Anrufen bekannt gegeben, wie Mohammed Fesai einen erhalten hat. Anders als viele andere Einwohner von Tyros ist er allerdings nicht gegangen. Fesai arbeitet als Sicherheitsbeauftragter im örtlichen Dschabal-Amel-Krankenhaus. In der Nacht des Anrufs ist er mit seiner Frau und den drei Kindern ins Krankenhaus gezogen, wo die ZEIT ihn wenige Tage später trifft. Er sagt, er fühle sich hier sicherer als in seiner Wohnung.

Fesai ist 41 Jahre alt. Er trägt Jeans, eine schwarze Sportjacke und Flipflops und lässt seinen Blick durch das karg möblierte Patientenzimmer schweifen, in dem seine Familie nun seit einigen Tagen lebt. Er hat versucht, es etwas wohnlicher einzurichten, auf dem Boden hat er Matratzen und Decken verteilt, mit einem kleinen Gaskocher kann er Tee und Kaffee zubereiten.


Beschuss im Libanon: Mohammad Abdulamir Fesai, Sicherheitschef des Jabal-Amel-Krankenhauses, in einem Raum des Krankenhauses, den er für seine Familie in ein provisorisches Zuhause verwandelt hat.

Mohammad Abdulamir Fesai, Sicherheitschef des Jabal-Amel-Krankenhauses, in einem Raum des Krankenhauses, den er für seine Familie in ein provisorisches Zuhause verwandelt hat.

Als sie ankamen, habe Chaos geherrscht, erzählt er. Alle seien hektisch umhergerannt, Anwohner aus der Nachbarschaft hätten sich auf den Korridoren gedrängt, um einen Schlafplatz zu finden. Die meisten von ihnen seien am nächsten Morgen aufgebrochen, weg aus Tyros. Aber er habe ja seine Arbeit hier im Krankenhaus. „Und wir können es uns nicht leisten, woanders eine Wohnung zu mieten“, sagt er. „Wo sollen wir denn hin?“

Das Land hat sich schon jetzt verändert

Israels Armee will nach eigener Aussage Waffenlager und Befehlszentralen der Hisbollah zerstören. Doch sie trifft auch Büros, Wohnhäuser – und immer wieder Zivilisten. Die Einschläge kommen oft ohne Vorwarnung. Es gibt im Libanon kein Raketenabwehrsystem und nur vereinzelt Schutzbunker. Bisher wurden bei den Angriffen den libanesischen Behörden zufolge 1.072 Menschen getötet und 2.966 Menschen verletzt, darunter viele Kinder.



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Fast vier Wochen dauert der Krieg Israels und der USA gegen den Iran nun an. Drei Wochen dauert nun auch dieser andere, international weniger beachtete Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon. Wie sehr diese Wochen das Land bereits verändert haben, zeigt sich schon auf der Fahrt von der Hauptstadt Beirut Richtung Süden. Mit jedem Kilometer wird der Highway leerer. Nur ein paar libanesische Soldaten in Flecktarn warten am Straßenrand, Busse sollen sie näher an die Grenze bringen.


Beschuss im Libanon: Ein zerstörtes Gebäude in Tyros nahe des Dschabal-Amel-Krankenhauses

Ein zerstörtes Gebäude in Tyros nahe des Dschabal-Amel-Krankenhauses

Tyros oder Sour, wie die Einheimischen die Stadt nennen, ist eigentlich ein pulsierender Ausflugsort. Sonst kommen die Libanesinnen und Libanesen am Wochenende hierher, um zu feiern, Garnelen zu essen oder sich am Strand zu sonnen. Jetzt ist Tyros eine Geisterstadt. Die sonst so belebte Promenade ist verwaist. An Geschäften und Wohnungen sind die Rollläden heruntergezogen. Nur hier und da hocken Männer auf Plastikstühlen vor einem der wenigen geöffneten Schawarma-Imbisse. Ab und zu rasen Ambulanzen des libanesischen Zivilschutzes durch die menschenleeren Straßen.

In einem Büro im Dschabal-Amel-Krankenhaus, eine Etage unter Fesais provisorischer Wohnung, beugt Wael Mroueh sich über seinen massivhölzernen Schreibtisch. „Die Mitarbeiter haben Angst“, sagt er. „Aber sie fühlen sich verpflichtet, weiterzumachen.“ Der 50-Jährige hat eine Glatze und ein dröhnendes Lachen. An der Wand hinter ihm prangt ein überdimensioniertes Porträt seines Vaters, der das Dschabal-Amel-Krankenhaus während des Bürgerkriegs Anfang der Achtzigerjahre als politisch unabhängige private Einrichtung bauen ließ. Seit seinem Tod leitet Mroueh die Klinik.

Das Dschabal Amel ist das größte Krankenhaus in Tyros, auch viele Menschen aus der Umgebung werden hier behandelt. 45 Ärzte und hundert Pflegekräfte arbeiten in der Klinik. Viele von ihnen, sagt Mroueh, seien seit Wochen nicht mehr zu Hause gewesen. „Sie kommen mit der Arbeit kaum hinterher“, sagt er. Sie haben deshalb, wie Mohammed Fesai, ihre Familien in die Klinik geholt. Seit Kriegsbeginn behandeln sie vor allem Menschen, die bei Angriffen verletzt werden. In der Notaufnahme amputieren die Ärzte Arme und Beine, versorgen großflächige Verbrennungen, behandeln Schädel-Hirn-Traumata. Knapp 400 Patienten wurden seit dem 2. März eingeliefert. Für fast einhundert kam jede Hilfe zu spät.


Beschuss im Libanon: Dr. Wael Mroueh, Direktor des Jabal-Amel-Krankenhauses, eines der größten der Region, in Tyros.

Dr. Wael Mroueh, Direktor des Jabal-Amel-Krankenhauses, eines der größten der Region, in Tyros.

Noch, sagt Mroueh, habe er genügend Vorräte. Er sei in ständigem Kontakt mit Mitarbeitern des libanesischen Gesundheitsministeriums und des Internationalen Roten Kreuzes, sie würden ihm helfen, Strom, Wasser und medizinisches Equipment zu besorgen. Doch was, wenn der Krieg länger dauert? Und fragt sich, wie lange er und sein Team im Krankenhaus noch sicher sind. In der Nachbarschaft hat es Angriffe gegeben, durch die Druckwellen der Explosionen sind einige Fensterscheiben in der Klinik zersprungen. Und Israels Armee greift Gesundheitseinrichtungen auch direkt an. Seit Kriegsbeginn hat Israel laut dem libanesischen Gesundheitsministerium mindestens 132 medizinische Einrichtungen und Ambulanzen im Südlibanon getroffen. Fünf Krankenhäuser sind außer Betrieb. Mindestens 42 medizinische Fachkräfte wurden getötet, mehr als 119 verletzt.

Einige durch „Double Tap“-Angriffe, wie das libanesische Gesundheitsministerium und Rettungshelfer bestätigen: Dabei folgen zwei Einschläge kurz nacheinander, mit dem Ziel, die Helfer zu treffen, die zum Angriffsort geeilt sind, um Verwundete zu versorgen. Krankenhäuser und medizinisches Personal sind durch internationales Recht geschützt, ein gezielter Angriff auf sie stellt ein Kriegsverbrechen dar. Israels Armee begründet die Angriffe damit, dass die Hisbollah medizinische Einrichtungen für militärische Zwecke nutzen würde. Belege hat sie dafür bisher nicht vorgelegt. „Israel will unsere Ärzte und Sanitäter einschüchtern“, sagt Mroueh. Er habe sein Personal aufgefordert, das Krankenhausgelände nicht mehr zu verlassen. „Es ist zu gefährlich.“