Bertelsmann in den USA: Country-Hits z. Hd. Gütersloh
Tina Turner, Mötley Crüe oder John Legend: Bertelsmann hat in den vergangenen Jahren Rechteanteile am Schaffen einer ganzen Reihe prominenter Musiker aufgekauft. Mehr als 1,5 Milliarden Dollar gab BMG, die Musiksparte des Medienkonzerns, seit dem Jahr 2021 aus.
Alles im Kontext der „Boost“-Strategie des Noch-Konzernchefs Thomas Rabe. Der laut BMG größte Katalogdeal der Unternehmensgeschichte hängt aber mit einem Künstler zusammen, der hierzulande weit weniger bekannt sein dürfte als die drei zuvor genannten: Jason Aldean.
In den USA sieht das anders aus. Der mittlerweile 49 Jahre alte Musiker zählt in den Vereinigten Staaten zu den Superstars des Country. Ein Genre, das auf dem weltgrößten Musikmarkt längst kein Nischendasein mehr fristet.
Nur Taylor Swift kann Country-Star Morgan Wallen toppen
Das unterstreicht ein Blick auf die Charts: Das jeweils zweiterfolgreichste Album in den US-Jahrescharts von 2024 und 2025 spielte Morgan Wallen ein. Der Zweiunddreißigjährige wurde beide Male nur von Taylor Swift übertrumpft, deren musikalische Wurzeln bekanntlich auch im Country liegen.

Rund 250 Millionen Dollar soll BMG für die Rechte an Aldeans Aufnahmen sowie die Aufführungsrechte („neighboring rights“) und ein Paket aus Anteilen an mehr als 1000 anderen Songs gezahlt haben. Der Deal wurde im September vergangenen Jahres bekannt.
Die Bertelsmann-Sparte übernahm die Rechte von der Spirit Music Group, ein Musikunternehmen im Besitz des Finanzinvestors Lyric Capital, das Aldeans Katalog erst Anfang 2022 übernommen hatte. Kein ungewöhnlicher Schritt im globalen Kataloggeschäft: Erst vor zwei Wochen reichte BMG seinerseits die Mehrheit am Rechtepaket von Tina Turner an das von Abba-Songwriter Björn Ulvaeus gegründete Unternehmen Pophouse weiter.
„Ich habe mich sofort in Nashville verliebt“
Dass BMG Aldeans Katalog so schnell wieder verkauft, ist eher unwahrscheinlich – wenn überhaupt. Knapp die Hälfte der 900 Millionen Euro Umsatz (63 Millionen weniger als im Jahr 2024) erwirtschaftete BMG im vergangenen Jahr in den USA. Das Land ist der mit Abstand wichtigste Einzelmarkt und BMG schon länger ein großer Player in der Country-Hochburg Nashville.
Maßgeblich dafür mitverantwortlich ist Jon Loba. Seit mehr als 20 Jahren mischt der Amerikaner im Country-Geschäft mit. Dabei kam er eher zufällig nach Nashville. Nach seinem Collegeabschluss besuchte er Verwandte, die in der Stadt im US-Bundesstaat Tennessee lebten und von denen er bis dato nichts gewusst hatte, erzählt er im Gespräch mit der F.A.Z.
Es sollte ein prägender Trip werden: „Ich habe mich sofort in Nashville verliebt – besonders in Music Row“, sagt er. In diesem kleinen Stadtviertel konzentriert sich der Großteil der Country-Musikwelt mit Managements, Labels, Verlagen und Studios Tür an Tür, „so eine musikalische Community gibt es nur einmal auf der Welt“.
Ein Autohändler, Taylor Swift und Jason Aldean – neue Töne in Nashville
Zunächst arbeitete er unter anderem für die US-Verwertungsgesellschaft BMI und das berühmte Label Atlantic Records. Doch dann traf er Ende der 1990er-Jahre Benny Brown, einen Autohändler mit Leidenschaft für Musik. Brown hatte über Jahre immer wieder in Künstler investiert und sogar ein Studio in Nashville gekauft, aber jetzt wollte er mehr Kontrolle und startete ein eigenes Label.
„Bis zur Gründung der BBR Music Group im Jahr 2001 war es gut 25 Jahre her, dass ein wirklich unabhängiges Indielabel messbaren Erfolg hatte“, blickt Loba zurück. Nun aber seien da gleich zwei gewesen, die an der Vorherrschaft der Labels der Majors genannten Konzerne zu rütteln begannen. Denn im Jahr 2005 kam noch Big Machine Records dazu – mit der damals 14 Jahre alten Taylor Swift als erster Künstlerin.
Bis Mitte der 2000er-Jahre lief es für BBR mäßig, sagt Loba, aber „dann kam der große Durchbruch: Wir hatten einen Künstler unter Vertrag genommen, den zuvor zwei andere Majors gesigned, aber nie veröffentlicht hatten. Sie fanden seine Musik zu rockig für das Country-Publikum.“ Der Künstler war Jason Aldean.
Bertelsmann zahlte rund 100 Millionen Dollar für BBR
„Nach Jasons Durchbruch wollte uns gefühlt jedes Jahr ein Major kaufen, aber Benny hing sehr an der Firma und hatte kein Interesse daran“, sagt Loba. Erst im Alter von 76 Jahren habe er für sich entschieden, dass es Zeit sei, sich anderen Dingen zu widmen.

„Verkauf an wen auch immer du willst“, sagte er zu Loba, erinnert der sich heute, „ich bitte dich nur darum, dass unserer Belegschaft mindestens zwei Jahre Sicherheit garantiert wird und unsere Künstlerinnen und Künstler für ein Jahr geschützt werden.“ Eine Preisvorstellung hatte er ebenfalls im Sinn, doch auch die sollte sich machen lassen.
Etwas mehr als 100 Millionen Dollar zahlte BMG im Jahr 2017 für BBR. „Es gab Angebote, die weit über diesem Preis lagen, aber der Spirit in den Gesprächen mit den BMG-Verantwortlichen war unübertroffen, und die Grundwerte unserer beiden Unternehmen passten perfekt zusammen“, sagt Loba. Das habe am Ende den Ausschlag gegeben.
BMG-Chef Thomas Coesfeld folgt auf Rabe an Bertelsmann-Spitze
Den Deal fädelte er damals mit Hartwig Masuch ein. Der Branchenveteran baute die im Jahr 2008 neu gegründete Musiksparte für Bertelsmann auf und führte sie bis Juni 2023. Der Hauptsitz ist in Berlin, während die Bertelsmann-Zentrale in Gütersloh zu finden ist.
Dort dürfte Masuchs Nachfolger, Thomas Coesfeld, bald noch öfter vor Ort sein, als er es jetzt schon ist. Der 35 Jahre alte Enkel von Reinhard Mohn übernimmt zum Jahreswechsel den Vorstandsvorsitz des Konzerns von Thomas Rabe. BMG soll er weiter führen, so zumindest der derzeitige Plan.
Jon Loba hat einen guten Draht zu Coesfeld: „Wir waren uns schnell einig, wie wir BMG weiterentwickeln wollten, und für uns war klar, dass wir Jasons Katalog zurückholen wollten, wenn sich die Möglichkeit ergeben sollte“, sagt er.
Pendeln zwischen Nashville und Los Angeles
In Coesfelds Amtszeit als BMG-Chef fällt der Start des eigenen Digitalvertriebs und so eine direkte Zusammenarbeit mit den großen Streamingdiensten.
Auch wurde die Livesparte abgestoßen mit der Begründung, den Fokus komplett auf die Kernbereiche Verlags- und Labelgeschäft legen zu wollen. Konkurrenten bauten angesichts des nicht mehr ganz so rasant wachsenden Streamingwachstums unter Verweis auf mehr Effizienz ebenfalls Stellen ab.
Insgesamt fielen im Zuge der BMG-Umstrukturierung rund 100 Stellen weg. Unter anderem seien zwei Hierarchiestufen aus der Organisation herausgenommen worden, um agiler zu werden, sagte Coesfeld im Oktober 2024 der F.A.Z.

Zu seiner Strategie gehört auch ein stärkerer Fokus auf die USA. Loba kommt in diesen Plänen eine wichtige Rolle zu. Seit rund zwei Jahren verbringt er neben der Arbeit in Nashville viel Zeit in Los Angeles.
Als Verantwortlicher für das gesamte nordamerikanische Frontline-Geschäft, wie die Labelarbeit mit neuen Veröffentlichungen in der Branche genannt wird, soll er den besonderen „Nashville-Spirit“ weiterverbreiten.
Vor allem aber sollen damit im Idealfall auch die Erfolgsgeschichten folgen. „Wir haben über die Jahre starke Ergebnisse vorgelegt und stehen sehr gut da, Country ist sehr wichtig für BMG“, sagt Loba. Der Aldean-Deal habe das noch einmal unterstrichen.
„Vor ein paar Jahrzehnten war Country noch ein Nischengenre“
Tatsächlich nimmt Country einen zentralen Part im Frontline-Geschäft von BMG ein. Anders als bei Marktführer Universal oder auch Sony und Warner Music, wo die Labelseite dominiert, steht das Verlagsgeschäft für mehr als die Hälfte des Umsatzes.
Obendrein liegt der Fokus stärker auf der Arbeit mit Katalogen und der möglichst guten Auswertung der teils Jahrzehnte alten Werke als auf dem Kampf um möglichst gute Chartplätze mit neuen Veröffentlichungen.
Das Country-Portfolio ist mehr auf Frontline ausgerichtet und hitgetriebener. Jelly Roll gewann so gerade drei Grammys, während Lainey Wilson bei den CMA-Awards der Country-Szene abräumte.
„Natürlich gibt es auch mal Social-Media-Momente, durch die etwas schnell durch die Decke gehen kann, aber in der Regel dauert es länger, eine Karriere im Country-Bereich aufzubauen als zum Beispiel im Pop“, sagt Loba.
Der Vorteil sei jedoch, dass sie meist langlebiger seien: „Das liegt an der familiären Country-Community.“ Die Musiker seien nahbarer als in vielen anderen Genres, für manche Fans würden sie quasi zu einem Teil ihrer Familie „und bleiben es über viele Jahre“.
Country soll globaler werden – mit Football als Treiber
Nicht nur diese Treue wirkt anziehend auf Musiker anderer Genres. „Heute kommen Stars von West- und Ostküste nur zu gerne nach Nashville, um Teil der Szene zu werden“, sagt Loba und verweist auf Post Malone oder Shaboozey und ihre erfolgreichen Ausflüge in den Country-Sound.
„Vor ein paar Jahrzehnten war Country noch ein Nischengenre“, so Loba, „aber als die Produktionen poppiger wurden und es in den Songs nicht mehr vorrangig um ländliche Themen ging, sondern auch um allgemeine Lebensfragen, persönliche Kämpfe, Familie oder traditionelle Werte, wurde Country mehr und mehr zum Mainstreamphänomen.“
Neben den USA sind Kanada und Australien traditionell starke Märkte, aber Loba und andere Mitstreiter wollen das Genre auch global stärker vermarkten. „In der Regel braucht es zuerst Liveshows und Touren, bevor die Streamingzahlen in einem Markt nennenswert steigen“, sagt er. In Großbritannien und den Niederlanden zeigten sich schon erste Erfolge. In Berlin habe gerade wieder das C2C-Festival stattgefunden.
„Erhoffen uns durch Zusammenarbeit mit RTL viele Synergien“
Der Manager hat aber noch ganz andere Ideen, um den Deutschen Country näherzubringen. „Zwischen Football- und Country-Fans gibt es in den USA traditionell große Überschneidungen“, sagt er. Eine „beachtliche Schnittmenge“ gebe es auch in Großbritannien, „daher erhoffen wir uns für Deutschland durch die Zusammenarbeit mit RTL viele Synergien“. Mindestens bis ins Jahr 2028 zeigt die Bertelsmann-Tochtergesellschaft den Super Bowl und hält weitere Übertragungsrechte.
Doch auch wer nichts mit American Football anfangen kann, soll nach dem Willen von Loba mehr Country zu hören bekommen. „Pop und Country bieten viele Möglichkeiten für Kollaborationen, da sehe ich für uns großes Potential.“ Im Vergleich zu den Majors habe BMG viel weniger Interpreten unter Vertrag, so könnten sich Teams stärker auf die Bedürfnisse der Künstler konzentrieren.
„Wir haben in den letzten Monaten viel investiert, um unsere Digitalteams grundlegend zu erneuern, unsere Radioabteilung zu stärken und unsere Socialteams weiterzuentwickeln“; betont er. Um in der Popwelt konkurrenzfähig zu sein, müsse man in all diesen Bereichen Weltklasse sein, „und mittlerweile sind wir auf diesem Level“.
Concord: Steht Bertelsmann vor milliardenschwerem Musikdeal?
Womöglich erhöht sich die Schlagkraft perspektivisch um einen Schlag noch weiter: BMG soll über eine Übernahme des US-Konkurrenten Concord nachdenken, berichteten Ende Januar Branchenmedien sowie die Nachrichtenagentur Bloomberg. Eine Bewertung von bis zu sieben Milliarden Dollar steht demnach im Raum. Von BMG heißt es dazu nur, man kommentiere keine Marktgerüchte.
Auch Loba lässt sich, angesprochen auf die Berichte, nichts entlocken. Die Gerüchteküche sollte er aber gut verfolgen können: Der Hauptsitz von Concord ist in Nashville.