Bernhard Schlink: „Gerechtigkeit ist eine Sehnsucht und die Sensibilität zu Gunsten von sie nimmt zu“
Bernhard Schlink ist einer der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands, spätestens seit seinem Roman Der Vorleser. Nun hat der Jurist, emeritierte Universitäts-Professor für Öffentliches Recht und ehemalige Verfassungsrichter einen Essay mit dem Titel Gerechtigkeit (Diogenes Verlag) geschrieben. Über das Buch sprach er mit der Journalistin Renata Schmidtkunz in Berlin.
der Freitag: Herr Schlink – der Jurist, der seit Jahrzehnten Romane schreibt, hat nun einen Essay mit dem Titel „Gerechtigkeit“ verfasst. Warum jetzt dieses Thema zu dieser Zeit?
Bernhard Schlink: Das Thema beschäftigt mich seit langem. Es war einer der Gründe, warum ich Jurist geworden bin. Und jetzt bin ich an dem Punkt angekommen, wo ich die Summe aus den Einsichten ziehen kann, die ich im Laufe meines Lebens dazu gewonnen habe. Dass das Thema mich schon früh beschäftigt hat, hat sicher mit meiner Mutter zu tun, die sich die Welt vor allem in moralischen Kategorien erschlossen hat. Die Wahrnehmungen, die sie mit uns Kindern teilte, die Geschichten, die sie uns erzählte, der Rat, den sie uns gab – immer ging es um Moral. Auch im Recht geht es immer wieder um Gerechtigkeit, in meinem Gebiet des öffentlichen Rechts um Grundrechte, die mit ihren Verbürgungen von Gleichheit, gleicher Freiheit, gleichen Rechten die Positivierung einer Gerechtigkeitsforderung sind. Zwar kann man das Geschäft des Juristen als eine bloße Technik betreiben, und es gibt genug Situationen, in denen das ausreicht. Aber in vielen Situationen reicht es nicht aus. Wie heißt es in der Bibel? Hätte man der Liebe nicht, wäre man ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Als Jurist ist man ohne einen Sinn für Gerechtigkeit, ohne eine Liebe zur Gerechtigkeit eine klingende Schelle.
Was überwiegt in Ihnen: der Jurist oder der Schriftsteller?
Ich empfinde es als großes Glück, dass in meinem Leben beides seinen Platz hat. Ich wollte keines von beidem missen.
Sie schreiben, Gerechtigkeit sei ein Sehnsuchtsbegriff. Aber auch etwas, das sich nicht einfach festmachen ließe. In der antiken Philosophie verstand man Gerechtigkeit als eine menschliche Tugend, die es zu erwerben galt. Gerechtigkeit bezog sich also nicht auf die Gesellschaft, sondern auf das Individuum, das gerecht handeln sollte.
Nun, unsere Sehnsüchte gehen über das, was wir einfach festmachen, einfach haben können, hinaus. Wenn ich von Gerechtigkeit als Sehnsuchtsbegriff schreibe, denke ich an die Bilder einer gerechten Gesellschaft, die von den großen zeitgenössischen Gerechtigkeitstheorien entworfen werden. In ihnen kommen alle zu ihrem Recht, finden Anerkennung, werden mit ihren Leistungen gewürdigt, in ihren Bedürfnissen unterstützt und so weiter. Das scheint mir zu überziehen, was Gerechtigkeit in der Gesellschaft leisten kann. Aber ich verstehe es als Sehnsucht. Als Sehnsucht, die uns immer wieder anspornt.
Worin besteht die Verbindung zwischen den beiden Wörtern Sehnsucht auf der einen Seite und Tugend auf der anderen Seite?
Gerechtigkeit als Tugend des Einzelnen und, mehr als eine bloße Sehnsucht, als Forderung für die Gestaltung der Gesellschaft korrespondieren bei den Griechen miteinander. Gerechtigkeitverlangt als Tugend Ausgewogenheit unserer Wünsche und Kräfte, und ebenso soll die Gesellschaft ihre Ziele, Kräfte und Bedürfnisse in ein ausgewogenes Verhältnis bringen.
Im Mittelalter verstand man Gerechtigkeit als göttliche Größe. Für Kant war sie ein Ergebnis der Vernunft. Das Verständnis von Gerechtigkeit entwickelte sich also weiter. Heute könnten wir sagen, dass Gerechtigkeit in den meisten Ländern der Welt eine gesellschaftliche Grundnorm ist. Aber stimmt das?
Wir gehen, wenn wir über Gerechtigkeit sprechen, überall davon aus, dass Gleiches gleich behandelt werden soll und dass Ungleichbehandlungen guter Gründe bedürfen. Darüber besteht kein Dissens, wohl aber über die guten Gründe. Es gibt verschiedene Kulturen und wir verstehen, dass es für das Verhältnis der Geschlechter zueinander, den Umgang mit Kindern, die Beziehung zwischen Arbeitgebern und -nehmern und vieles anderein verschiedenen Kulturen verschiedene gute Gründe und verschiedene Gerechtigkeitsstandards gibt. Wir würden aber die Konzentrationslager oder die Killing-Fields nicht als Besonderheiten der deutschen und der kambodschanischen Kultur akzeptieren. Insgesamt ist das Verständnis von Gerechtigkeit heute universaler als vor 100 Jahren. Wir können auch sagen, es ist globaler, wie alles heute globaler ist als früher. Wir denken bei allem und auch bei Gerechtigkeit über das eigene Volk und auch über Europa hinaus, wir denken an die Menschheit.
Verjährung geschieht, weil irgendwann Schluss sein soll. Das kann bedeuten, dass ein Unrecht nicht gesühnt, eine Ungerechtigkeit nicht korrigiert wird
Ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit ein Humanum, etwas, das essentiell zum Menschsein dazugehört?
Ja, das ist es.
Herr Schlink, was ist der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit?
Nun, Recht schafft zunächst einfach Ordnung. Ordnung kann gerecht und ungerecht sein, und ebenso kann es das Recht. Recht hat ja nicht nur die Aufgabe, Gerechtigkeit zu verwirklichen, sondern auch die Aufgabe, Ordnung zu schaffen und Sicherheit zu gewährleisten. Und manchmal können diese Aufgaben des Rechts miteinander in Konflikt kommen. Denken Sie nur an Verjährung. Verjährung geschieht, weil irgendwann Schluss sein soll. Das kann bedeuten, dass ein Unrecht nicht gesühnt, eine Ungerechtigkeit nicht korrigiert wird. Wenn die verschiedenen Aufgaben des Rechts in Konflikt miteinander geraten, kann die Erfüllung der einen auf Kosten einer anderen gehen, auch auf Kosten der Gerechtigkeit.
Sie waren ja selbst viele Jahre Verfassungsrichter. Was ist die Grundlage des Rechtssprechens: das Recht oder Gerechtigkeit?
Beim Rechtsprechen geht es um das Sprechen des Rechts – das eben manchmal mehr und manchmal weniger gerecht ist. Es gibt viele Fragen des Rechts, etwa des Bau-, Straßen– und Wege- oder Technikrechts, bei denen kaum ein Gerechtigkeitsproblem auftaucht, sondern es einfach darum geht, die etablierte Ordnung, die ihren Sinn hat, im Einzelfall durchzusetzen. Und es gibt andere Fragen, bei denen Grundrechtsprobleme, Probleme grundrechtlich verbürgter Gleichheit und Freiheit wichtig werden, und in ihnen scheinen Gerechtigkeitsprobleme auf.
Heute lehrt die Wissenschaft, dass alle Menschen zu 99,9 Prozent mit den gleichen Genen ausgestattet sind
Gleich zu Beginn Ihres Essays machen Sie deutlich, dass Gerechtigkeit mit Gleichheit zu tun hat. Und die wiederum, also die Gleichheit, sei eine, wie Sie schreiben, „Setzung“, also eine normative Hypothese. Und zwar deshalb, weil Menschen eben nicht gleich, sondern sehr unterschiedlich sind. Und trotzdem gleich. Wann kam dieser Gedanke der Gleichheit auf?
Er findet sich schon im Gedanken der Gotteskindschaft. Die Aufklärung hat gegen dieVerschiedenheit der Menschen betont, dass alle mit Vernunft begabt und zum Gebrauch ihrer Vernunft fähig sind. Heute lehrt die Wissenschaft, dass alle Menschen zu 99,9 Prozent mit den gleichen Genen ausgestattet sind.
Und trotzdem gibt es mehr als genug Rassismus in unserer Welt. Warum, wenn der Mensch so vernunftbegabt ist?
Weil viele besser sein wollen als die anderen. Daraus leiten sie das Recht ab, Ressentiments zu haben, die anderen zu verachten, sie schlecht zu behandeln, für sich zu fordern, was sie den anderen nicht zugestehen. Rassismus macht einen scheinbar überlegen, setzt einen scheinbar ins Recht, ist bequem. Deswegen taucht er immer wieder auf.
Gerechtigkeit ist ein Zusammenspiel von Gleich- und Ungleichbehandlungen – in der Steuerpolitik etwa
Welche Rolle spielen Ungleichbehandlung und Gleichbehandlung in der Suche nach Gerechtigkeit?
Unsere Gesellschaft entwickelt ihre Gerechtigkeitsstandards in einer Architektonik von Gleich- und Ungleichbehandlungen. Zunächst einmal wollen und sollen alle gleich behandelt werden. Aber es versteht sich, dass Steuern nur die zahlen, die Geld haben. Also werden alle Bürgerinnen und Bürgern, die Geld haben, ungleich behandelt. Aber indem sie alle Steuerzahler sind, werden sie als Steuerzahler zunächst wieder gleich behandelt. Aber weil ihre Fähigkeit, Steuern zu zahlen, unterschiedlich ist, werden sie verschiedenen Steuerklassen zugeteilt und damit wieder ungleich behandelt. Und so weiter. Nur, indem wir beides machen, gleich- und ungleichbehandeln, können wir eine einigermaßen gerechte Steuerordnung hinkriegen. Gerechtigkeit ist ein Zusammenspiel von Gleich- und Ungleichbehandlungen.
Wir behandeln die Flüchtlinge, die aus der Ukraine zu uns kommen, anders als andere Flüchtlinge. Das ist eine Ungleichbehandlung, die einen guten Grund braucht
Könnte man die Tatsache, dass ein Mensch, der kein Geld hat, in unserer Gesellschaft auch keine Steuern zahlen muss, als Barmherzigkeit bezeichnen?
Die barmherzige Tat, ob sie gleich oder ungleich trifft, braucht keine guten Gründe; sie kann aus Liebe oder Mitleid, aus Eitelkeit, aus einer bloßen Laune geschehen. Wenn die Gesellschaft denen hilft, die sich nicht selber helfen können, dann trifft sie die Entscheidung, diese Menschen gegenüber allen anderen ungleich zu behandeln, und sie hat dafür einen guten Grund. Die Gesellschaft will sie als Mitglieder der Gesellschaft behalten. Sie sollen nicht rausfallen aus der Gesellschaft, sie sollen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dafür, niemanden aus der Gesellschaft rausfallen zu lassen, kann man eine Reihe von guten Gründen anführen. Ein besonders wichtiger sind die Kinder; wo die Eltern nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, finden auch die Kinder nicht hinein. Wir haben ein integratives Menschen- und Gesellschaftsbild, das uns für Gleich- oder Ungleichbehandlungen gute Gründe finden lässt, die andere Gesellschaften mit anderen Menschen- und Gesellschaftsbildern nicht finden.
Für die Arbeit, die man leisten muss, um die guten oder schlechten Gründe zu finden, verwenden Sie das Wort Gerechtigkeitsarbeit. Stammt der Begriff der Gerechtigkeitsarbeit von Ihnen?
Ja, ich habe ihn vor Jahren erstmals in einem Aufsatz verwendet. Hier durchzieht er das ganze Buch. Ich gebe einBeispiel. Wir behandeln die Flüchtlinge, die aus der Ukraine zu uns kommen, anders als andere Flüchtlinge. Das ist eine Ungleichbehandlung, die einen guten Grund braucht. Damit geht die Gerechtigkeitsarbeit los. Und, wie oft, auch der Streit. Liegt der gute Grund darin, dass die Ukraine kriegsgeschädigter und hilfsbedürftiger ist als andere Länder und dass es auch die Flüchtlinge sind, die aus der Ukraine kommen? Oder darin, dass sie kürzer als andere Flüchtlinge bleiben? Oder darin, dass sie leichter Arbeit finden? Oder darin, dass wir eine besondere Solidarität mit der Ukraine signalisieren wollen? Ist das Signal ein guter Grund? Und stimmen unsere Annahmen über Kriegsschädigung, Hilfsbedürftigkeit, Aufenthaltsdauer und Arbeitsmöglichkeit? Das ist Gerechtigkeitsarbeit, bei der es um Tatsachen und Bewertungen geht und bei der manches kontrovers bleiben mag und dann entschieden werden muss – aber, auch das eine Forderung der Gerechtigkeit, informiert entschieden werden muss.
Wir können uns bei unseren Wahlentscheidungen für die entscheiden, bei denen wir davon ausgehen können, dass sie sich nicht kaufen lassen
Bleiben wir bei dem Beispiel: Ukrainische Flüchtlinge dürfen ohne Limit ins Land kommen, verletzte palästinensische Kinder in Begleitung ihrer Eltern nur in kleinster Zahl, versehen mit dem Hinweis, dass es Sicherheitsprobleme geben könnte. Zu welchem Schluss würde hier Gerechtigkeitsarbeit?
Ich höre das erste Mal, dass verletzte palästinensische Kinder aus Sicherheitsgründen nicht zu uns kommen dürfen. Die erste Frage ist – damit beginnt die Gerechtigkeitsarbeit – was sollen die Sicherheitsprobleme sein? Ich sehe sie nicht. Wenn uns dann jemand erklärt, worin sie bestehen, und es uns einleuchtet, ist die nächste Frage, ob man die Sicherheitsprobleme nicht lösen kann. Beide Fragen fächern sich in weitere Fragen auf, und nach ihrer Erörterung ist die Sicherheit vielleicht kein guter Grund für die Ungleichbehandlung der verletzten palästinensischen Kinder.
Wie kann das Ergebnis unserer Gerechtigkeitsarbeit dann durchgesetzt werden?
Es kommt darauf an, welche Behörde die Einreise verbietet. Gegen sie muss sich die palästinensische Mutter oder müssen vielmehr wir, die wir ihr helfen wollen, vorgehen. Das geht seinen Gang, und weil er vermutlich zu lange geht, müssen wir uns um einstweiligen Rechtsschutz bemühen.
Herr Schlink, wir beobachten gerade, wie die Überreichen der Welt – in Ost und West – sich nur mehr für ihre ökonomischen Interessen einsetzen und so die internationale Gemeinschaft gefährden. Sie respektieren weder das Völker- noch das Menschenrecht, was unsere Ordnung ins Wanken bringt. Aktuelle Beispiele finden wir jeden Tag in den Medien. Wie können wir unsere Forderungen nach Gerechtigkeit und Gleichheit bei Menschen durchsetzen, die sich kaum am Gemeinwohl beteiligen und die unsere ordnungsstiftenden Institutionen missachten?
Frau Schmidtkunz, wenn es darauf eine gute Antwort gäbe, wüssten wir sie und würden Sie nicht fragen. Alles, was wir tun können, ist unzureichend. Wir können hoffen, dass die, die politische Entscheidungen treffen, sich nicht kaufen lassen. Wir können versuchen, in der Gesellschaft und gerade bei den Jungen den Sinn für Korruption und die Verachtung für die, die sich kaufen lassen, zu schärfen. Wir können uns bei unseren Wahlentscheidungen für die entscheiden, bei denen wir davon ausgehen können, dass sie sich nicht kaufen lassen.
Überall wird Ungerechtigkeit mit schärferen Augen registriert und kritisiert als vor hundert Jahren
Trotz der momentan schlechten Weltlage, Herr Schlink, bleiben Sie optimistisch wenn Sie schreiben, Gerechtigkeitsarbeit habe kein natürliches Ende.
Das ist zunächst nicht optimistisch, sondern einfach eine Feststellung. Wir sehen eine Situation und tragen ihr durch eine Ungleichbehandlung Rechnung. Dadurch eröffnen wir eine neue Ebene der Gleichbehandlungen. Auf ihr finden wir wieder Gründe für eine weitere Ungleichbehandlung. Das Spiel können wir weitertreiben, bis wir bei einer besonderen Behandlung für jeden Einzelnen angelangt sind. Das wäre natürlich das Gerechteste, wenn jeder genau so behandelt wird, wie es ihm entspricht. Dahin kommen wir nicht, aber auf dem Weg in diese Richtung können wir immer weitergehen – ohne dass es eine natürliche Grenze gäbe.
Sie sagen aber, ob sich der Wunsch der Menschen nach Gerechtigkeitweltweit erfüllt, entscheide die Politik. Und da kann man dann schon wieder pessimistisch werden.
Nein, der Wunsch wird sich nicht weltweit erfüllen. Aber die Sensibilität für Gerechtigkeit nimmt weltweit zu, und überall wird Ungerechtigkeit mit schärferen Augen registriert und kritisiert als vor hundert Jahren. Und die, die sich um Gerechtigkeit nicht scheren, müssen das bemänteln, weil sie an der Sensibilität für Gerechtigkeit nicht einfach vorbeikommen.
Bernhard Schlink, geboren 1944 als Sohn eines Theologen-Ehepaares. Jura-Studium in Heidelberg und Berlin. Von 1982 bis 2013 lehrte er an deutschen und internationalen Universitäten. Zwischen 1987 und 2006 war er Richter am Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen. Sein Roman Der Vorleser (1995) machte ihn weltbekannt. Zuletzt erschienen von ihm die Romane Die Enkelin (2021) und Das späte Leben (2023).