Berlinale-Preise: Ein deutscher Film gewinnt den Goldenen Bären
Der Film „Gelbe Briefe“ des deutschen Regisseurs İlker Çatak hat den Goldenen Bären der 76. Berliner Filmfestspiele gewonnen. Die deutsch-französisch-türkische Koproduktion handelt von einem Künstler-Ehepaar, das aus politischen Gründen seine Arbeit verliert und von Ankara nach Istanbul umziehen muss, wo es sich eine neue Existenz aufzubauen versucht. In dem Film, der vollständig in Deutschland gedreht wurde, dienen Berlin und Hamburg als Ersatzkulisse für die beiden türkischen Metropolen. Es ist der erste Hauptpreis der Berlinale für eine deutsche Produktion seit Fatih Akins Film „Gegen die Wand“, der 2004 den Bären bekam. Çataks voriger Film „Das Lehrerzimmer“ war bereits vor zwei Jahren als deutscher Kandidat für den Auslands-Oscar nominiert.

Wie vor zwei Jahren war die Verleihung von politischen Statements einzelner Preisträger gegen das Vorgehen Israels im Nahen Osten nach dem Terrorangriff der Hamas von 2023 überschattet. So sagte die libanesische Filmregisseurin Marie-Rose Osta, die den Goldenen Bären für den besten Kurzfilm für „Someday a Child“ empfing, ihr Film zeige zwar ein Kind mit Superkräften, in Wirklichkeit aber könne sich kein Kind im Libanon oder „überall in Palästina“ gegen israelische Kampfjets wehren. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, dessen Film „Chronicles From the Siege“ die Auszeichnung als bestes Spielfilmdebüt bekam, warf der deutschen Regierung vor: „Sie sind Partner beim Genozid Israels in Gaza“. Ans Publikum gewandt erklärte Alkhatib, eines Tages würden sich die Palästinenser „an jeden erinnern, der gegen uns war“ sowie an „jene, die sich entschieden zu schweigen“. Bei seiner Dankesrede trug Alkhatib eine Kufiya, während sein Begleiter die Flagge der palästinensischen Autonomiegebiete in die Kameras hielt. Ein Teil des Publikums reagierte auf seinen Auftritt mit lautem Applaus.

Auch der türkische Regisseur Emin Alper, der für seinen Film „Kurtuluş“ den Großen Preis der Jury gewann, erinnerte an die Leiden der Zivilisten im Gazastreifen, schloss aber die Bevölkerung Irans und seines eigenen Landes sowie die Kurden in seine Solidaritätserklärung ein. Alpers Film erzählt von einer Fehde zwischen zwei abgelegenen Dörfern in den Bergen nahe der syrischen Grenze. Einen weiteren Jurypreis bekam der von der Kritik favorisierte Spielfilm „Queen at Sea“ des Amerikaners Lance Hammer, in dem Juliette Binoche eine Schriftstellerin spielt, die mit ihrem Stiefvater um die richtige Pflege für ihre demenzkranke Mutter ringt. Mit einem Silbernen Bären für die beste Regie wurde das Musikerporträt „Everybody Digs Bill Evans“ des Iren Grant Gee ausgezeichnet. Den Preis für das beste Drehbuch bekam der Film „Nina Roza“ der kanadischen Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles.
Sandra Hüller wird als beste Schauspielerin ausgezeichnet
Der Silberne Bär für die beste Hauptrolle ging an die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller für ihren Auftritt in Markus Schleinzers „Rose“. In dem Film verkörpert Hüller eine Soldatin, die sich während des Dreißigjährigen Krieges als Mann ausgibt, um in einem süddeutschen Dorf eine Erbschaft anzutreten. Mit der Auszeichnung für die beste Nebenrolle wurden die Britin Anna Calder-Marshall und ihr Landsmann Tom Courtenay für ihre Darstellung des greisen Ehepaares in „Queen at Sea“ geehrt. Der amerikanische Dokumentarfilm „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ von Anna Fitch und Banker White empfing den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung.
Der Dokumentarfilmpreis der Berlinale ging an die tschechisch-slowakische Koproduktion „If Pigeons Turned to Gold“, die in der Nebenreihe Forum lief. Den von einer Leserjury verliehenen Preis der Sektion Panorama bekam der deutsche Spielfilm „Staatsschutz“ von Faraz Shariat. Bei der 76. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele wurden insgesamt fast dreihundert Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme gezeigt.
Die Preise der 76. Berlinale
Goldener Bär: „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak
Großer Preis der Jury: „Kurtuluş“ von Emin Alper
Preis der Jury: „Queen at Sea“ von Lance Hammer
Beste Regie: „Everybody Digs Bill Evans“ von Grant Gee
Bestes Drehbuch: „Nina Roza“ von Geneviève Dulude-De Celles
Beste Schauspielerin in einer Hauptrolle: Sandra Hüller („Rose“)
Beste Schauspieler in einer Nebenrolle: Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay („Queen at Sea“)
Herausragende künstlerische Leistung: „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ von Anna Fitch und Banker White
Bester Kurzfilm: „Someday a Child“ von Marie-Rose Osta
Bestes Spielfilmdebüt: „Chronicles From the Sieg“ von Abdallah Alkhatib
Source: faz.net