Berlinale | Berlinale-Streit um Gaza: Warum ein kluger Kulturminister stolz uff Tricia Tuttle wäre

Vorläufig sieht es so aus, als sei noch mal alles gut gegangen. Aber auch wenn man es fast überhat: Es lohnt sich, die Auseinandersetzung über Politik und Kultur, die in diesem Jahr die Berlinale überschattete, noch einmal Revue passieren zu lassen.

Im Ablauf der Preisverleihung und der instinktlosen Reaktion von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in der Woche darauf zeichnet sich nämlich eine interessante Verschiebung ab: Was einst selbstverständlich als linkes Anliegen an die Kultur herangetragen wurde, dass politische Fragen in ihr eine Rolle spielen, wird von rechter Seite zunehmend für Polarisierung zu eigenen Zwecken instrumentalisiert.

Ringen um die Worte von Wim Wenders

Es begann mit der Frage auf einer Pressekonferenz nach der Gleichbehandlung von heißen Themen wie Gaza- oder Ukraine-Krieg. Die Mitglieder der internationalen Jury der Berlinale sollten sich positionieren. Wim Wenders, Jury-Präsident in diesem Jahr, versuchte kompliziert zu antworten und die Eigenständigkeit der Kunst gegen die Politik zu verteidigen. Man drehte ihm aus den eigenen Worten einen Strick, indem man sie als Absage an politisch-kritische Inhalte interpretierte.

Unter anderem tat das die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, die in Empörung über solche Aussagen ihre Reise nach Berlin absagte. Eingeladen war sie, dieses Stück Ironie ist bislang übersehen worden, um die Aufführung der restaurierten Fassung eines Films von 1989 zu begleiten, für den sie das Drehbuch geschrieben hatte.

In Which Annie Gives It Those Ones erzählt von einem Architekturstudenten im New Delhi der frühen 70er Jahre – und jedes politische Anliegen, das mit dem Film vielleicht mal verbunden war, wird heute überstrahlt von der Tatsache, dass in einer kleinen Nebenrolle Indiens Mainstream-Superstar Shah Rukh Khan als noch unbekannter junger Mann zu sehen ist.

Das Recht auf Zurückhaltung

Die Debatte über Politik und Kultur und wie sie zusammengehören, setzte sich über das Festival hinweg fort. Verschiedene Prominente wurden „gegrillt“ und sollten Stellung beziehen, insbesondere was den Gaza-Krieg angehe. Kurz vor Ende gab es einen „offenen Brief“ an die Berlinale. Unterschrieben war er unter anderem von Tilda Swinton, die im Jahr zuvor noch mit dem Ehrenbären ausgezeichnet worden war, in dem dem Festival unter anderem mangelnde Meinungsfreiheit in Bezug auf und die Solidaritätserklärungen mit palästinensischen Opfern vorgeworfen wurde.

Mit ihren vielen, oft willentlich wirkenden Missverständnissen war die Auseinandersetzung als solche zwar unangenehm. Aber sie brachte auch einige gute Argumente auf beiden Seiten hervor. Das zeigte sich am Abend der Preisverleihung, wo es gleich eine ganze Reihe von interessanten Statements zur Frage von Politik und Kunst gab. Einzelne Jury-Mitglieder nutzten die Gelegenheit, ihre Meinung zur Trennung von Aktivismus und Kunst, von politisch auftretenden Künstlern und Künstlerinnen und ihren politisch interpretierbaren Werken zu unterscheiden.

In seltener Ausführlichkeit wurde dabei auch über die einzelnen Filme und die Gründe dafür, sie auszuzeichnen, geredet. Die Auswahl der Preisträger ließ erkennen, dass man die Frage als komplexe verstand: Überall da, wo von politischen Zuständen erzählt wird – wie etwa im Goldenen-Bären-Gewinner-Film Gelbe Briefe –, versteht sich das Kino als engagiert. Ein solches Engagement kann die verschiedensten Formen annehmen, als Parabel daherkommen wie im weiteren Preisträgerfilm Salvation von Emin Alper, oder als historische Genderrollenerforschung wie in Markus Schleinzers Film Rose, für den Sandra Hüller als Schauspielerin ausgezeichnet wurde.

Reden, die Persönliches und Politisches vermengten

Die Preisträger bedankten sich mit Reden, die ebenfalls Persönliches und Politisches vermengten: Die Tschechin Pepa Lubojacki, ausgezeichnet für ihren Dokumentarfilm über ihren suchtkranken Bruder, wies auf die gesellschaftliche Unsichtbarkeit von Obdachlosen und psychisch Kranken hin.

Der türkische Regisseur Emin Alper mahnte die Freilassung politischer Gefangener in der Türkei an, und der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib beschwor in seinem inzwischen oft beschriebenen Statement die Utopie eines zukünftigen Filmfestivals in Gaza. Seinen Worten, dass man sowohl diejenigen nicht vergessen werde, die „für uns“ standen, als auch die, die „gegen uns“ waren, verlieh seinem Auftreten mit Kufiya und Palästina-Fahne eine etwas sinistre Note. Wie kolportiert wurde, verließ Umweltminister Carsten Schneider (SPD), einziges anwesendes Mitglied der Bundesregierung, unter Protest den Saal.

Für andere war Alkhatibs Auftritt der gelungene Gegenbeweis zu den Zensurvorwürfen, die im erwähnten offenen Brief gegen die Berlinale erhoben worden waren. Tricia Tuttle selbst betonte noch am selben Abend, wie schon in mehreren Erklärungen während des Festivals, dass die Berlinale Vielfalt und Meinungsfreiheit hochhalte und verteidige, genauso wie das Recht auf Zurückhaltung.

Mit Gelbe Briefe gewann nach 22 Jahren zum ersten Mal wieder ein deutscher Film den Goldenen Bären und alles hätte eigentlich so schön sein können. In anderen Jahren wäre der/die aktuelle Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Anschluss damit beschäftigt gewesen, diesen Erfolg für sich zu reklamieren, den Stolz aufs nationale Kino zu pflegen und die Berlinale als das beste Festival der Welt zu preisen.

Offizielle Empfehlungen, aber keine Richtlinien?

Wolfram Weimer aber ließ binnen weniger Tage nicht nur den Erfolg vergessen, er schien sich geradezu zu sonnen in dem Gerücht, er könne Tricia Tuttle ablösen und das Filmfestival Berlin damit abstrafen für das Zulassen vermeintlich „antisemitischer Kundgebungen“. Dazu ist es dann nicht gekommen, Tuttle wurde im Amt bestätigt und bekannte sich selbst dazu, weitermachen zu wollen.

Dennoch wurden zunächst weitere „Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale“ zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium angekündigt. Nachdem auch diese vorbei waren, musste Tuttle selbst klarstellen, dass bei den Absprachen zwar „Empfehlungen“ ausgesprochen wurden, aber keine Richtlinien oder Bedingungen, worüber bereits neue Debatten losgebrochen waren, da man solche als geplante Einschränkung der Meinungsfreiheit hätte auffassen können.

Trotz des vorläufig guten Endes für die Berlinale bleibt mehr als ein unangenehmes Gefühl über das Vorgehen, und sei es hinter den Kulissen, von Kulturstaatsminister Weimer. Der Streit über die Streichung der Buchhandlungen von der Liste des Buchhandlungspreises hat das weiter bestätigt.

Weimers Kulturpolitik duldet keine Widersprüche

Statt der Kultur den Rücken freizuhalten, sei es mit einem sofortigen bestärkenden Bekenntnis zu Tuttle oder mit einer Klarstellung zur Tätigkeit des Verfassungsschutzes in Bezug auf einzelne linke Buchhandlungen, scheint Weimer die politische Aufladung dieser Vorgänge unterstützen zu wollen.

Nur dass es in seiner Auslegung eben nicht um politisches Hinterfragen im „linken“ Sinn geht, also um das Beleuchten von Machtverhältnissen, Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten, sondern um die Ausnutzung der Polarisierung um ihrer selbst willen: für ein Freund-Feind-Schema, in dem man nicht nach kultureller Wertigkeit, sondern rein nach „genehm“ oder „nicht genehm“, nach „für uns“ oder „gegen uns“ sortiert.

Es handelt sich dabei weniger um eine Politisierung der Kultur als um eine Aufladung mit Parteilichkeit, die keine Widersprüche aushalten will oder duldet. Dabei lässt sich Kultur nicht in politisch oder unpolitisch einteilen. Kultur ist kompliziert. Und braucht den Raum dafür.