Benedict Cumberbatch und Gillian Anderson im Theater sehen? Geht mit diesem Streaming-Abo
Netflix, Apple+ oder doch lieber Mubi? Unsere Autorin hat die Streamingplattform des National Theatre in London für sich entdeckt, wo sie jetzt Benedict Cumberbatch als Frankenstein und Andrew Scott in „Vanya“ zuschauen kann
Mit „Theaternetflix“ lassen sich alle Theaterstücke erleben, die das Herz begehrt!
Foto: Wirestock/Imago Images
Als Theaterfan leide ich eigentlich ständig unter Liebeskummer. In einer Tour findet gerade irgendwo eine Premiere statt, die ich sehen will, aber natürlich nicht immer sehen kann. Weil das Theater weit entfernt ist, weil es nicht in meinen Terminplan passt, weil mein Leben andere Dinge von mir fordert, als sämtlichen Premieren hinterherzureisen und weil zum Fan-Sein eben auch dazugehört, am FOMO-Syndrom („fear of missing out“) zu leiden.
Besonders schlimm ist es mit Inszenierungen im Ausland, in London, in New York! Sehnsüchtig hänge ich deshalb oft auf Social Media herum und schaue mir zum Beispiel britische Theatertrailer an, vielversprechend aneinander geschnittene Szenen, in die verheißungsvolle Zitate aus Reviews eingeblendet werden: „The performance of the year!“ oder: „Heartbreaking!“.
Mein Lieblingstrailer ist die Werbung für Vanya, ein Theaterstück von Simon Stephens, das Ende 2023 in London uraufgeführt wurde. Es orientiert sich an Anton Tschechows Vorlage Onkel Wanja, ist aber – und das ist der Clou – als Soloabend angelegt.
Aus dem russischen Landgut ist zwar ein einfacher englischer Kartoffelhof geworden, aus dem Professor ein gealterter Filmemacher, aber ansonsten schlüpft ein einziger Schauspieler in alle Rollen des Originals: die schöne Helena, die als Ehefrau des Filmemachers in der Schaffenskrise von dem trinkenden Landarzt Michael geliebt wird, der wiederum von der unglücklich liebenden Sonja angebetet wird. Und mittendrin der von Leben und Arbeit desillusionierte Ivan (Vanya).
Andrew Scott kennt man vor allem als „hot priest“ in der Serie „Fleabag“
In der Uraufführung spielt der Schauspieler Andrew Scott diese Charaktere und dazu muss ich der Transparenz halber erwähnen, dass ich zu ihm ein ähnliches Verhältnis pflege wie Sonja zu Michael: Ich himmle ihn selbstverständlich seit Jahren an. Sie kennen ihn vielleicht als „hot priest“ aus der Serie Fleabag, in der er einen katholischen Priester im Zölibat spielt und somit zum Objekt des Begehrens für die weibliche Heldin wird – und für viele Zuschauer:innen gleich mit!
Die Inszenierung mit ihm ist schon längst abgespielt, und an Tickets wäre ich damals nur noch auf illegalem Weg gekommen, aber mein Liebeskummer wurde schlagartig beendet, als ich entdeckte, dass es eine Streamingplattform namens National Theatre at Home gibt, auf der sehr viele Inszenierungen in hochkarätigen Filmaufzeichnungen zu sehen sind.
Wie schlug also mein Herz höher, als ich für 11,99 Euro monatlich ein Streaming-Abo abschloss und auf diesem Theaternetflix sämtliche Inszenierungen entdeckte, die ich schon immer sehen wollte: Frankenstein mit Benedict Cumberbatch, die Fleabag-Theatervariante mit Phoebe Waller-Bridge, Endstation Sehnsucht mit Gillian Anderson, Macbeth mit Ralph Fiennes und – ah, ein Glück – Vanya!
Und obwohl eine Filmaufzeichnung eines Theaterabends natürlich niemals an das Erlebnis als Zuschauer:in heranreicht, in der Magie der Dunkelheit auf die Bühne zu schauen und dort Welten entstehen zu sehen, muss ich sagen, dass ich von der Inszenierung (vor meinem Laptop sitzend) bezaubert war. Andrew Scott bewegt sich in einem fast leeren Raum, der an die provisorische Einrichtung einer Probebühne erinnert – mit Küchenzeile, einer Theatertür, Tisch, Stühlen und einer Schaukel.
Wie Scott ständig oszilliert zwischen den sieben Figuren; mit feinsten Nuancen, Gesten und Stimmen für die jeweiligen Rollen; wie dadurch die profunde Einsamkeit der Figuren Tschechows vollkommen neu erfahrbar wird, das hat sich selbst durch den Bildschirm übertragen. Es war tatsächlich „heartbreaking“. Warum also nicht auch hierzulande die in der Pandemie entdeckte Faszination von Theater zu Hause wiederentdecken? Denn es ist letztendlich auch ein, wie die britische Plattform beworben wird, „Theatre for everyone“.