Beliebt gen dem Buchmarkt: Was bedeutet dieser neue Trend zum Sachbuch-Comic?

Ein bisschen Tratsch kann ja mal sein: Ulli Lust, die aus Österreich stammende Berliner Comiczeichnerin, die mit dem Deutschen Sachbuchpreis für ihren Band „Die Frau als Mensch“ im vergangenen Jahr ganz groß herausgekommen ist (auch verkaufstechnisch: mehr als 50.000 Exemplare!), hatte ihren ersten Erfolg mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“, der 2009 bei Avant erschien. Das war damals auch ein großer Erfolg für den Verlag.

Doch für „Die Frau als Mensch“ suchte sich Lust eine neue verlegerische Heimat und fand sie bei Reprodukt. Die Gründe sind nach allem, was man hört, menschliche gewesen (und offenbar kein Einzelfall); auf jeden Fall ist Avant damit ein Bestseller entgangen. Zudem einer, der nicht auf einen Band beschränkt ist, denn „Die Frau als Mensch“ ist auf drei, vielleicht sogar vier Bände angelegt. Der zweite ist in dieser Woche erschienen – und prompt in der Sachbuchkategorie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Da winkt der nächste Verkaufsschub.

Wenn es um mehr als nur ein paar Milliönchen Jahre geht

Darf man es Zufall nennen, dass Avant, der verhinderte Verlag, zwischen diesen beiden Teilen einen Comic herausgebracht hat, der thematisch einige Gemeinsamkeiten mit Ulli Lusts Zyklus aufweist? Auch in „Das Geheimnis der Knochen“ geht es um die Vor- und Frühgeschichte, und die lange Zeit vernachlässigte Frage der Rolle der Frauen dabei wird hier ebenfalls thematisiert. Autor ist indes ein Mann: Richard Cowdry, wie Lust aus dem Ausland hergezogen, in seinem Fall aus London ins Bundesland Brandenburg.

Das Cover zu „Das Geheimnis der Knochen“ von Richard Cowdry
Das Cover zu „Das Geheimnis der Knochen“ von Richard CowdryAvant Verlag

Damit hören die Gemeinsamkeiten allerdings auch auf. In „Das Geheimnis der Knochen“ geht es nämlich nicht um die Menschheitsgeschichte, sondern um die Paläontologie, also die Erforschung fossiler Überreste von Lebensformen, die nicht menschlichen Ursprungs sein müssen – ganz im Gegenteil meistens auch gar nicht sind, weil hier die gesamte Erdgeschichte Thema der Beschäftigung ist und nicht nur die paar Millionchen Jahre, mit denen sich die Anthropologie beschäftigt.

Die Comic-Kolumne von Andreas Platthaus
Die Comic-Kolumne von Andreas PlatthausF.A.Z.

Wobei die Paläontologie selbst eine junge Disziplin ist: Resultat der Epoche der Aufklärung, als die religiösen Erklärungen der Erdgeschichte in Frage gestellt wurden und man die wissenschaftliche Methode forcierte, die ihre Schlüsse aus Anschauung und Analyse gewinnt. Federführende Nation dabei waren neben den Franzosen die Briten, und somit ist nicht nur eine Folge von Cowdrys Herkunft, dass britische Paläontologen eine Hauptrolle in seinem Comic spielen. Aber ganz unwichtig für die Handlungsgestaltung ist die Nationalität ihres Autors auch nicht.

Stadtbekannte Sonderlinge als Protagonisten

Wie Ulli Lust in „Die Frau als Mensch“ beginnt auch Cowdry seine Geschichte mit einem Rückgriff auf eigene Kindheitserlebnisse: in seinem Fall das Basteln und Bemalen von Dinosauriermodellen. Sein Sohn wiederholte das dann zwanzig Jahre später, und dabei fiel Cowdry auf, dass sich die Darstellung des äußeren Erscheinungsbildes von Dinosauriern verändert hatte. Das erregte seine Neugier, und so beschäftigte er sich mit der Genese der Urzeitforschung. „Das Geheimnis der Knochen“ erzählt sie nun bis ins erste Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hinein. Da wäre also wie bei Ulli Lust noch Raum für weitere Bände …

Angesichts der jahrhundertelang in den christlichen Kulturen geltenden Ansichten musste sich das Interesse an mit der biblischen Überlieferung unvereinbaren Erkenntnissen mühsam durchsetzen. Die erste publizierte Darstellung eines Fossils stammt von 1565, doch erst ein Jahrhundert danach erkannte man in solchen Versteinerungen Überreste prähistorischer Tiere – die bisweilen noch Drachen oder ähnlichen, für real erachteten Fabelwesen zugeschrieben wurden. Doch das boomende Wissenschaftsinteresse des achtzehnten Jahrhunderts sorgte dann für systematischere Untersuchungen, die in den Augen der breiten Öffentlichkeit eher als skurriles Hobby denn als ernstzunehmende Beschäftigung galt. Aber in der wichtigsten englischen Forschungsinstitution, der Royal Society, fand die Paläontologie Fürsprecher und ein erstes wichtiges Forum.

Das war für die Einzelkämpfer der noch namenlosen Disziplin wichtig. Aber damit kam auch ein misogyner Zug hinein, denn eine Frau in der Royal Society – das war damals noch undenkbar. Und so ist eine der wichtigsten Pionierinnen auf dem Feld der Fossilienforschung zu ihren Lebzeiten nie gewürdigt worden, wird nun aber zu einer Hauptfigur in Cowdrys Comic: Mary Anning, geboren 1799 in der Grafschaft Dorset an der Kanalküste. Dort fand sie in den Klippen mehrere komplette fossile Skelette, deren Alter über die Platzierung in den Erdschichten später genau rekonstruierbar sein sollte.

Nicht nur zeichnerisch orientiert an „Tm und Struppi“: Mary Anning und Tray
Nicht nur zeichnerisch orientiert an „Tm und Struppi“: Mary Anning und TrayAvant Verlag

Aber diese Entdeckerinnenleistung wurde Anning von den Männern streitig gemacht, die ihre Funde untersuchten und publizierten. Kein Wunder – konnten doch damals Frauen gar nicht studieren, geschweige denn an Hochschulen oder Akademien lehren, und so wurde auch das neue Fach zur Männersache, etwa von Annings engem Freund Henry Thomas de la Bèche, der drei Jahre älter als sie war, sich von ihr die Fundstellen zeigen ließ und dann 1819 als junger Mann in die Royal Society aufgenommen wurde. Wo er auf Kollegen wie William Daniel Conybeare und William Buckland traf, die auch von Annings Fossilienfunden profitierten – Buckland wurde 1824 sogar Präsident der Royal Society.

Keine Anerkennung für die spürsichere Mary Anning

Cowdry macht die Rivalitäten zwischen den Forschern zum Hauptthema seiner Geschichte, und immer wieder zeigt sich auch ihr gockelartiges Gehabe gegenüber Mary Anning. Daraus wird im Comic etwas, das man in Analogie zum running gag wohl ein running disaster nennen müsste, denn ungeachtet Annings kontinuierlichen Spür-Erfolgs wird ihr nie die gebührende Anerkennung zuteil.

Die feministische Komponente in „Das Geheimnis der Knochen“ ist also gar keine so andere wie die in „Die Frau als Mensch“, worin Ulli Lust auf der Grundlage neuester archäologischer Forschungen das männerzentrierte Vorzeitbild der Menschheit korrigiert. Cowdrys Ausführung lässt sogar besser verstehen, warum alles so androzent­risch gedeutet worden ist. So gesehen, ist sein Comic eine schöne Ergänzung zu dem von Ulli Lust.

Eine der wenigen Ausnahmen vom konventionellen Seitenlayout in Cowdrys Comic
Eine der wenigen Ausnahmen vom konventionellen Seitenlayout in Cowdrys ComicAvant Verlag

Allerdings ist er weitaus weniger gut gestaltet. Haben wir es bei Ulli Lust mit einer Meisterin der Seitenarchitektur zu tun, die zudem als Zeichnerin über eine Vielzahl von Stilen – vom plakativ-gefälligen bis zum schematisch-wissenschaftlichen – verfügt (und im neuen zweiten Band, „Schamanin“ untertitelt und weitaus erzählerischer als der erste, auffällig anders zeichnet als im Vorgänger), so steht Cowdry nur eine Ausdrucksform zu Gebote, und die sieht aus wie eine Rubrik für Kinder in einer populären Zeitschrift. Man darf sich überhaupt fragen, an wen sich dieser Comic richtet: Bisweilen ist er so schlecht gestrickt, als sollten Zehnjährige belehrt werden, dann aber folgen Namens- und Faktenfluten, die auch Erwachsene heraus-, wenn nicht überfordern werden.

Hier berühren wir ein heikles Thema: das Lektorat der grassierenden Flut an Sach-Comics. Mit wachsendem Erfolg in der öffentlichen Wahrnehmung sollten sich die Verlage auch bessere Betreuung ihrer Autoren leisten. Zu häufig bekommt man den Eindruck, auf Wikipedia-Niveau (wenn überhaupt) informiert zu werden, also im Stile einer Schwarmintelligenz, die aber den individuellen Akzenten einer Sachbuch-Monographie nicht gerecht wird. Der Reiz eines solchen Buchs besteht ja nicht im Wiederkäuen, sondern in der Anrichtung einer appetitmachenden Lektüre. Wäre es anders, bräuchten wir keine Sachcomics. Populärwissenschaftliches gibt’s in den Buchläden zur Genüge.

Und so bleibt auch bei Cowdrys „Das Geheimnis der Knochen“ das eher schale Gefühl, dass hier ein beliebtes Thema mit recht simplen Mitteln ausgeschlachtet werden soll – was zudem auch den enthaltenen Genderdiskurs zur Wissenschaftsgeschichte dem Verdacht aussetzt, als bloß modische Komponente zu fungieren. Tatsächlich bleibt Mary Annings Geschichte im Kontext des Bandes wie eine Pflichtübung, und sollte es eine Fortsetzung geben, dürfen wir wohl nicht damit rechnen, ihr noch einmal zu begegnen, denn bei ihrem letzten Auftritt heißt es: „Mary Anning machte noch weitere bahnbrechende Entdeckungen. Aber im Jahr 1830 war sie fast wieder mittellos.“

Es wäre indes würdiger gewesen zu erwähnen, was die weiteren Entdeckungen waren. Die Qualität von Wissenschaft misst sich nicht am öffentlichen Misserfolg. Wie sich die Qualität von Comics nicht notwendig am Erfolg misst. Schön, wenn dann doch einmal Meisterschaft und Anerkennung so zusammenkommen wie bei „Die Frau als Mensch“.

Source: faz.net