„Bei Lindsey Vonn fand ich den Umgang mit TV-Bildern und Ton respektwidrig“
Felix Neureuther zieht sein Olympia-Fazit und spricht über einen der bewegendsten Momente der Winterspiele. Als Lindsey Vonn schwer stürzte, forderte er live in der ARD, den Ton herunterzudrehen. Die Szene gehe ihm bis heute nahe.
Als Slalomfahrer gewann Felix Neureuther fünf Weltcup-Rennen und holte WM-Silber. Heute erklärt der Sohn von Ski-Legende Rosi Mittermaier den Wintersport als TV-Experte bei der ARD. So kommentierte der 41-Jährige bei den Olympischen Winterspielen den fürchterlichen Sturz der großen Favoritin Lindsey Vonn und konnte nicht mitanhören, wie im Fernsehen ihre Schmerzensschreie zu hören waren.
Frage: Herr Neureuther, Sie gehören zu den besten TV-Experten. Welchen der deutschen Olympiasportler sehen Sie als idealen, potenziellen TV-Experten?
Felix Neureuther: Das ist eine gute Frage. Ein Hansi Lochner ist schon prädestiniert. Leidenschaftlich, unterhaltsam und fachlich top – einfach ein toller Typ.
Frage: Es war das Olympia der Drohnen: Bieten diese einen Mehrwert – oder nerven sie eher?
Neureuther: Wenn sie es schaffen, den Ton von der Drohne abgeschaltet oder leiser zu bekommen, dann wäre das super. Dieses Surren nervt. Beim Skifahren sind die Bilder bei manchen Passagen absolut genial. Manchmal braucht es sie nicht, weil du die Fehler von hinten nicht siehst. Das ist noch ein Lernprozess. Im Freestyle sind die Drohnen-Bilder der Wahnsinn, weil du eine ganz andere Dynamik in die Übertragung bekommst. Im Allgemeinen hat sich das Sporterlebnis durch die Drohnen positiv verändert und ist viel dynamischer geworden.
Frage: Wo sehen Sie noch Innovationspotenzial in der TV-Produktion? Mehr Mikros an den Fahrern? Kameras in Stangen? Im Schnee?
Neureuther: Ich will als Fernsehzuschauer so nah wie möglich dran sein. Die Formel 1 ist dafür ein gutes Beispiel. Die Sportler müssen es aushalten, dass Kameras sie bis zum Start begleiten. Es geht um Emotionen, wenn man die transportiert, profitieren Sportler und Zuschauer. Das nenne ich dann Professionalität, die ich bei aller Rücksicht auf Konzentration und Fokussierung von den Athleten erwarten darf. Da geht es um gegenseitiges Verständnis und gegenseitigen Austausch. Stimmung und Emotionen erzeugst du durch Nähe. Das gilt auch für die Absperrungen rund um die Wettkampfstätten. Lasst die Hälfte der Absperrungen weg und lasst die Zuschauer den Atem der Sportlerinnen und Sportler spüren.
Frage: Sie haben die TV-Zuschauer bewegt, als Sie gefordert haben, dass man bei Lindsey Vonns Verletzung den Ton runterdrehen solle, weil man ihre Schreie hörte. Wie haben Sie den Moment verarbeitet?
Neureuther: Das sind Momente, die äußerst schmerzhaft sind und wo die Kameras und Mikros ab einem gewissen Zeitpunkt nichts mehr verloren haben. Dramen gehören zum Sport dazu, das war ja auch die harte Realität bei Lindsey. Sie hat das Risiko genommen und ist dafür nicht belohnt worden. Das fasziniert die Menschen. Diese Realität sollten wir im Fernsehen versuchen zu übermitteln, und das ist auch der Anspruch von Bernd Schmelzer und mir. Wenn du einen Menschen persönlich kennst und das dann persönlich siehst, wie sich jemand schwer verletzt, dann leidest du sehr mit. Mir hat der Moment bei Lindsey unheimlich wehgetan, weil ich weiß, welchen Weg sie gegangen sein muss. Ich fand in diesem Moment den Umgang mit den TV-Bildern und dem Ton sehr unpassend und ihrer Familie gegenüber respektlos. Das habe ich in dem Moment nicht verstanden, dass die Welt-Regie da voll draufgehalten hat.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.
Source: welt.de