Bad Boy und Musterknabe: Paul Mescal und Josh O’Connor weiterführend Rollen und Auszeiten

Es war nicht ganz der erhoffte Eisbrecher, als ich Paul Mescal erzählte, dass ich schon einmal eine Wette auf ihn abgeschlossen habe. Aber immerhin bekam ich eine ungewöhnliche Reaktion. Mit beklommener Stimme fragte er: „Um was ging es bei der Wette? Doch nicht etwa darum, dass ich dem Klub 27 betreten würde?“ Wow: düster – aber geistreich. Das findet jedenfalls Josh O’Connor, der in der bald startenden Liebesgeschichte The History of Sound Mescals Liebhaber spielt. Er sitzt vertraulich eng neben seinem Co-Star und lacht kurz entsetzt auf.

Tatsächlich war Mescal knapp 27 Jahre alt, als ich vor drei Jahren für ihn schwärmte. Allerdings hätte mir nichts ferner gelegen, als darauf zu wetten, dass er im selben jungen Alter wie Janis Joplin, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain ein allzu frühes Ende finden würde. Ich setzte mit großer Begeisterung meine 25 Pfund auf ihn, nachdem er 2023 überraschend als bester Schauspieler für einen Oscar in Charlotte Wells‘ Film Aftersun nominiert worden war. Darin spielt er einen jungen Vater, der während einer Urlaubsreise in der Türkei vor seiner Tochter seine Depression und seine Selbstmordgedanken verborgen hält. Seine Performance ist wie der Film unglaublich subtil und mysteriös, der innere Aufruhr versteckt unter einer undurchsichtigen Oberfläche.

„Es tut mir leid um deine 25 Pfund!“, entschuldigt sich Mescal, der letzten Endes gegen Brendan Fraser in The Whale verlor. „Aber Danke für das Vertrauen.“

Ein Bad Boy und ein Musterknabe

Es ist Samstagnachmittag und wir befinden uns in einem Londoner Hotelzimmer. Als ich es einige Minuten zuvor betreten hatte, lenkte mich der PR-Assistent zur anderen Seite des Raumes, weg von den beiden Schauspielern. O’Connor, das muss man ihm lassen, bemerkte, dass ich beide Hände voll hatte, sprang auf und zog meinen Stuhl hilfreich näher zu ihm und Mescal heran. Nicht zum letzten Mal machte er den Eindruck, ein extrem guter Junge zu sein.

Mescal ist ebenso umgänglich, aber etwas schelmischer. Es geht ein Funken Gefahr von ihm aus: eine animalische Sexualität im Gegensatz zum nach außen hin braven O’Connor. Mescal trägt ein abgetragenes weißes T-Shirt, dessen Ärmel er immer wieder hochschiebt, fast möchte man ihm sagen: Großartige Muckis, sehr beeindruckend, aber jetzt steck’ sie weg.

Also ein Bad Boy und ein Musterknabe, oder? Gleichzeitig wirken sie einander ungeheuer zugeneigt. Ihre ständigen Berührungen und ihre Körpersprache lassen jeden in der Nähe sich wie ein fünftes Rad am Wagen fühlen. Während unseres Gesprächs ist ständig einer von beiden zum anderen hingeneigt oder wendet ihm aufmerksam den Kopf zu; näher könnten sie sich nur noch dann sein, wenn einer auf dem Schoß des anderen säße.

O’Connor legt gelegentlich einen Arm um den Rücken von Mescals Stuhl, während der spricht; Mescal drückt ab und an O’Connor zusichernd den Arm oder das Knie. Die Botschaft ist klar: Wir sind heterosexuelle Männer, die schon oft die Rolle von Homosexuellen gespielt haben. Und wir sind so entspannt und mit uns selbst im Reinen, dass wir nicht vor Intimität zurückzuschrecken.

Paul Mescal wurde mit „Aftersun“ zum Star

Gerade spricht Mescal über Aftersun, während O’Connor, der sechs Jahre älter ist als er und ein kariertes Sweatshirt trägt, genau zuhört. „Die Oscar-Kampagne bot die Gelegenheit, den Film auf eine Weise zu feiern, wie Charlotte und ich uns das nicht hätten träumen lassen“, erzählte er. Es war erst seine zweite Hauptrolle nach der BBC-Miniserien-Adaption von Sally Rooneys Roman Normal People, mit der er zuerst Aufmerksamkeit erregt hatte. „Man macht keinen Film wie Aftersun und denkt: ‘Ich weiß, das wird ein Erfolg!‘ Ich bezweifle, dass das Erlebnis je für mich getoppt werden kann, weil es nicht die Art von Film ist, die normalerweise solche Anerkennung erhält.“

Er hat Recht: Aftersun ist fast ein Anti-Oscar-Film. Selbst die eine Szene, in der man seine Figur weinen sieht, ist im Halbdunkeln gefilmt, er mit dem Rücken zur Kamera. „Dieser Film ist auf eine sehr stille Weise perfekt“, seufzt O’Connor, der mit Mescal befreundet ist, seit er ihm 2020 per Video-Call zu Normal People gratuliert hat. „Es gibt kein Gefühls-Aufwallen, wie man das von Oscar-Ködern so gewöhnt ist.“

Shakespeare, Gladiator und Liebhaber

Unser Treffen fand Ende 2025 statt, da war bereits klar, dass es trotz ihres gemeinsamen, einfühlsamen Schauspiels wahrscheinlich keine große Oscar-Kampagne fürThe History of Soundgeben wird, der letztes Jahr in Cannes Premiere feierte. Darin verkörpert Mescal Lionel, einen Sänger, der auf einer Farm im Süden der USA aufgewachsen ist und sich in David (O’Connor), einen verspielten und begabten Musikwissenschaftler, verliebt. Als David in den Ersten Weltkrieg eingezogen wird, trennen sich ihre Wege. Später finden sie wieder zusammen, um gemeinsam eine Expedition durch das ländliche Maine zu unternehmen, wo sie Volkslieder sammeln und auf Wachszylindern aufnehmen.

Im Moment jedoch haben beide größere Filme am Start. In Mescals Fall ist das Chloe Zhaos Oscarfavorit Hamnet, in dem er Shakespeare verkörpert. Bei O’Connor sind es sogar zwei Filme: die Netflix-Krimikomödie Wake Up, Dead Man: A Knives Out Mystery sowie das Raubüberfall-Drama The Mastermind von Kelly Reichardt. Man kann aber nicht immer gewinnen, und The History of Sound ist ein Film, auf den beide Schauspieler sehr stolz sind. Sie sind ihm vier Jahre lang treu geblieben, während die Finanzierung noch unklar war. „Es gab Zeiten, in denen wir dachten, dass aus dem Film nichts wird“, gibt O’Connor zu. „Aber keiner von uns beiden hat je daran gedacht, abzuspringen.“

Mescal kam direkt zum Dreh, nachdem er den Helden in Ridley Scotts Gladiator-Fortsetzung gespielt hatte. „Ich wog 90 Kilo und hatte acht Wochen, um auf 78 Kilo runter zu kommen“, grinst er. „Das war echt heftig. Wie Gladiator II gemacht wurde, hat mir sehr gefallen, aber bei The History of Sound fühlte ich mich zuhause. Ich möchte mehr solche Filme machen statt solche von der Größenordnung eines Gladiator II.

Singen macht verletztlich

Die Liebesgeschichte zwischen Lionel und David wäre in jedem Fall eine intime Geschichte gewesen, aber die Lieder im Film, auch wenn er kein Musical ist, fügen eine weitere Dimension hinzu. „Eines der Dinge, die ich an diesem Film liebe, ist, dass er eine Geschichte über Intimität auf eine neue Weise erzählt“, sagt O’Connor. „Unabhängig von meiner eigenen Unsicherheit, was meine Stimme betrifft, macht Singen einen sehr verletzlich.“

Das sieht Mescal auch so. „Ich glaube, der Reiz geht auf die Verletzlichkeit zurück“, sagt er. „Es ist wie in irischen Pubs. Es geht hoch her und dann hört man „Pscht-Pscht“. Und diese Stille, bevor jemand den Mund zum Singen öffnet, ist ohrenbetäubend. Man hat Angst zu atmen.“ Hat er jemals jemandem ein Ständchen gebracht? „Ich habe Lieder für jemanden gesungen. Aber ein Ständchen bringen klingt für mich ein bisschen schmalzig.“

Bestrebt den Fokus von seinem persönlichen Leben wegzulenken, erzählt Mescal: „Aber Josh hatte zwei Bands!“ O’Connor sieht verlegen aus: „Sie hießen Orange Output und Klang. Ich habe weniger gesungen als zum richtigen Zeitpunkt geschrien.“ Orange Output hat eine gewisse Berühmtheit als die Band erlangt, die er gründete, um Tahliah Barnett zu beeindrucken, heute besser bekannt als die britische Sängerin FKA twigs. Es war, nachdem sie gemeinsam in einer Produktion von Bugsy Malone an ihrer Privatschule in Cheltenham aufgetreten waren. Als die Geschichte 2023 bekannt wurde, zeigte sie sich „sehr geschmeichelt“.

Demnächst als Beatle

Mescal, eigentlich der musikalisch versiertere der beiden, wird demnächst in Sam Mendes’ Quartett von Beatles-Filmen Paul McCartney spielen. Sie sollen 2028 herauskommen und werden jedoch schon ihrerseits zu den Oldies gehören, wenn ein weiteres seiner aktuellen Projekte im Kino startet: Mescal ist bereits seit mehreren Jahren an Richard LinklatersMerrily We Roll Alongbeteiligt, einer Adaption des Musicals von Stephen Sondheim, das drei Freunde in umgekehrter Chronologie auf ihrem Weg von ihren desillusionierten Vierzigern zurück zu ihren idealistischen Zwanzigern begleitet. Anstatt Alterungs-Make-up zu verwenden, streckt Regisseur Richard Linklater (der über zwölf Jahre hinweg auf ähnliche Weise Boyhood gedreht hat) die Produktion über zwei Jahrzehnte. Schreiben Sie es sich für 2040 in den Kalender!

Immerhin wurden über Mescal bereits Lieder geschrieben: Es heißt, der Song „Sidelines“ seiner Ex-Freundin Phoebe Bridgers handle von ihm, ebenso wie „Normal Thing“ seiner aktuellen Partnerin Gracie Abrams. Ein ähnliches Glück hatte O’Connor bisher nicht. „Aber Paul schreibt ein Lied für mich.“ Echt? „Nun, ich hoffe es.“ Daraufhin beginnt Mescal zu trällern: „Josh O’Connorrr, der besteJunge!“ Hmm. Es liegt viel Gefühl darin, aber keine erkennbare Melodie: „O mein Gott, sehr eingängig“, schwindelt O’Connor.

An anderer Stelle hat O’Connor einmal gesagt, dass er The History of Sound zum Teil deshalb machen wollte, um aus nächster Nähe zu sehen, wie Mescal arbeitet. Und – was hat er entdeckt? „Nun, eigentlich ist es ganz einfach“, scherzt er. „Nein. Ähm. Nun ja. Das, was dabei geschieht, hat etwas Spirituelles. Wenn ‚Action‘ gerufen wird und man seinem Freund in die Augen schaut und sieht, wie etwas verschwindet und etwas anderes an seine Stelle tritt, ist das eine sehr bewegende Erfahrung. Körperlich ist die Gestalt Paul. Aber emotional und spirituell ist er leer. Wie er das macht? Keine Ahnung.“

Schauspieler sind „Seelensammler“

Mescal hat sein eigenes Kompliment parat. „Josh ist ein unglaublich großzügiger Mensch. Das überträgt er auch auf seine Darstellung, manchmal sogar auf Kosten seines eigenen Wohlbefindens. Das ist eine unglaublich großzügige Geste gegenüber den Zuschauern für ein Kino-Erlebnis. Ich würde ihn nicht als Method Actor bezeichnen, aber das bedeutet nicht, dass er nicht unter der Rolle leidet, weil er so viel Empathie für sie empfindet.“

Kann O’Connor das bestätigen? „Ja“, sagt er. „Unsere Freundin, die irische Schauspielerin Jessie Buckley, bezeichnet Schauspieler als ‚Seelensammler‘. Wir lernen etwas von den Figuren, die wir spielen, und sie verlassen uns nie wirklich. Man sieht, dass Aftersun einen Eindruck auf meinen Freund hier hinterlassen hat.“ Ihm selbst geht das genauso, zum Beispiel mit seiner Rolle als Arthur, dem weiß gekleideten, Grab plündernden Schatzsucher in Alice RohrwachersLa Chimera. „Es gibt einen Teil von Arthur, den ich geprägt habe und der mich noch immer prägt. Das hat natürlich seinen Preis. Aber Paul hat Recht: Der Beruf des Schauspielers hat etwas Großzügiges an sich. Man versetzt sich in die Gedankenwelt eines anderen Menschen, und das ist ein Akt der Empathie.“

Paul Mescal lässt eine Bombe platzen

Dann lässt Mescal eine Bombe platzen, getarnt als beiläufige Bemerkung. „Ich mache das jetzt seit fünf oder sechs Jahren und schätze mich sehr glücklich. Aber ich merke auch, dass ich das wahrscheinlich nicht so intensiv weitermachen kann.“ Spricht er davon, sich selbst zu rationieren? „Ich glaube ja. Ich werde damit anfangen müssen. Ganz sicher.“ Er schränkt sofort ein: „Rationieren bedeutet ja nicht unbedingt weniger.“

Was heißt das? „Es bedeutet, sich klar zu machen, dass Filme wie The History of Sound mehr an den Ressourcen zehren. Man kann nicht erwarten, dass man konstant etwas liefert, auf das man stolz ist. Wie diese Rationierung aussieht, weiß ich noch nicht. Ich vermisse es, auf der Bühne zu stehen. Es könnte also eine Zeit kommen, in der ich für ein paar Jahre nur Theater mache. Ich habe auch verschiedene Prioritäten in meinem Privatleben, um die ich mich kümmern will.“

Auch psychische Probleme müssen vermutlich berücksichtigt werden. Ich muss unweigerlich an den gequälten David in The History of Sound denken, der von dem „falschen Akkord“ spricht, den er in sich selbst hört. Oder an Calum, den jungen Vater, der in Aftersun in die Enge getrieben wird und am Zerbrechen ist. Sie gehören zu einem Typ Mann, der nicht in der Lage ist, das, was ihn quält, auszudrücken oder zu lösen, während die Schauspieler selbst auffallend unbeschwert wirken. Was ist ihr Geheimnis?

„Darauf habe ich keine Antwort“, sagt O’Connor. „Mitten im Leben zu sein, mit der Familie zusammen zu sein, Privatsphäre zu haben. Du musst in deinem Leben sein. Die Aufmerksamkeit, die wir beide diesen Filmfiguren widmen – wenn wir nur halb so viel Mühe für uns in unserem eigenen Leben aufbringen würden …“ Mescal vervollständigt den Gedanken: „Dann wären wir Therapeuten.“

Der Alptraum wäre, dass man seine Arbeit hasst

O’Connor gefällt die Idee der Selbst-Rationierung. „Ich werde auch eine Auszeit nehmen“, beschließt er. Wie lässt sich das mit der Notwendigkeit vereinbaren, präsent und auf dem neuesten Stand zu sein? Wenn man aus dem Zug aussteigt, fährt er mit hoher Geschwindigkeit ohne einen weiter. „Das ist die große Angst“, räumt Mescal ein. „Aber was ist die Alternative? Ich möchte nicht irgendwann die Sache hassen, die ich liebe. Das klingt vielleicht gewagt, aber wenn das die Alternative ist, würde ich lieber nicht im Zug sitzen.“

„Der Alptraum ist, dass man seine Arbeit hasst“, bestätigt O’Connor. „Außerdem: Je öfter wir einen Schauspieler sehen, desto schwieriger wird es für ihn, uns zu täuschen und uns davon zu überzeugen, dass er jemand anderes ist.“ Mescal steht vor einer monatelangen PR-Kampagne für Hamnet während der kommenden Oscar-Saison. „Wenn ich das hinter mir habe, hoffe ich, dass mich bis zu den Beatles 2028 niemand mehr sieht. Die Leute bekommen eine Pause von mir und ich eine Pause von ihnen.“

Er könnte einfach abtauchen, bis Merrily We Roll Along in ungefähr fünfzehn Jahren in die Kinos kommt. „Könnt ihr euch das vorstellen?“, fragt er mit aufleuchtenden Augen. O’Connor malt sich die Szene Anfang der 2040er so aus: „Die Leute werden sich fragen: ,Wieso wurde in diesem Film dieser absolute Niemand besetzt? Wollte der nicht sich selbst rar machen – und ward dann nie mehr gesehen?’”